Heimat Europa
Ein noch vor dem Krieg entstandenes Bonmot lautet: Wenn ein Passagier des Nachtzugs Paris-Moskau irrtümlicherweise in Warschau aussteigt, denkt er, dass er schon in Moskau ist, wenn er aber in die andere Richtung fährt – dass er schon in Paris ist. Der Wunsch, zu überzeugen, dass Warschau mehr mit Paris gemein hat als mit Moskau, ist noch älter. Das größte, eleganteste und modernste Warschauer Hotel des Fin-de-siècle musste natürlich „Europejski“ (Europäisches Hotel) heißen, und in der Umgangssprache wurde es einfach „Europa“ genannt. Das Streben nach Europa war auch einer der Hintergründe für die Säuberung Warschaus von den Überbleibseln der zaristischen Architektur nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918. Des Begriffs der „Europäisierung des Raums“ bedienten sich sowohl der Stadtpräsident (Oberbürgermeister) Stefan Starzyński in den Dreißigerjahren als auch die Sekretäre der kommunistischen Partei in den Fünfzigerjahren in ihren Reden. Das konnte viel bedeuten, nämlich den Kampf gegen den Straßenhandel, das Rowdytum und die hölzerne Bebauung, die Förderung der Säuberung der Gehsteige oder der blumengeschmückten Balkone. In stalinistischen Zeiten bedeutete das Wort „Europa“ „in der Umgangssprache wesentlich mehr als der geografische Name des Kontinents. Es war die Bezeichnung für eine besonders elegante und weltmännische Geste, einen Brauch oder ein Ereignis.
(…)
– „Zum Abschied überreichte er mir Blumen und brachte mich nach Hause.
– Europa!
(…)
– Ich schlage vor, meine Herren, dass wir eine eigene Zeitschrift gründen – die Zeitschrift der polnischen Schriftsteller und Intellektuellen.
– Europa!“ ⁸
Eine Zeitschrift der polnischen Schriftsteller und Intellektuellen, die Ende der Fünfzigerjahre gegründet wurde, erhielt tatsächlich den Titel „Europa“, wurde jedoch von der Partei verboten, bevor die erste Nummer erschien. Angesichts der intellektuellen Isolierung mussten mannigfaltige Wohlstandssymbole, wenn auch illusorische, als Ersatz für Europa herhalten, wie die Dutzenden von Leuchtreklamen, die Warschau in den Sechzigerjahren zierten und für Waren warben, die ebenso illusorisch waren wie der Glanz dieser Neonlampen.
Das kapitalistische Warschau wurde nach 1989 vom Mythos der „Rückkehr nach Europa“ beherrscht. Das Wort „Euro“ tauchte in vielen Bezeichnungen auf: Die erste Kette privater Supermärkte hieß „Euro-Shop“, Delikatessgeschäfte „Mini Europa“, zahnärztliche Kliniken „Eurodental“ und – oh Ironie des Schicksals! – der von Händlern aus drei Kontinenten beherrschte Basar im Stadion X-lecia (Stadion des 10. Jahrestags), „Jahrmarkt Europa“. Selbst nach dem Beitritt zur Europäischen Union treibt der Komplex, nicht europäisch genug zu sein, nicht nur den Umsatz in den Konfektionsgeschäften sondern auch viele edle Initiativen an.
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– „Zum Abschied überreichte er mir Blumen und brachte mich nach Hause.
– Europa!
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– Ich schlage vor, meine Herren, dass wir eine eigene Zeitschrift gründen – die Zeitschrift der polnischen Schriftsteller und Intellektuellen.
– Europa!“ ⁸
Eine Zeitschrift der polnischen Schriftsteller und Intellektuellen, die Ende der Fünfzigerjahre gegründet wurde, erhielt tatsächlich den Titel „Europa“, wurde jedoch von der Partei verboten, bevor die erste Nummer erschien. Angesichts der intellektuellen Isolierung mussten mannigfaltige Wohlstandssymbole, wenn auch illusorische, als Ersatz für Europa herhalten, wie die Dutzenden von Leuchtreklamen, die Warschau in den Sechzigerjahren zierten und für Waren warben, die ebenso illusorisch waren wie der Glanz dieser Neonlampen.
Das kapitalistische Warschau wurde nach 1989 vom Mythos der „Rückkehr nach Europa“ beherrscht. Das Wort „Euro“ tauchte in vielen Bezeichnungen auf: Die erste Kette privater Supermärkte hieß „Euro-Shop“, Delikatessgeschäfte „Mini Europa“, zahnärztliche Kliniken „Eurodental“ und – oh Ironie des Schicksals! – der von Händlern aus drei Kontinenten beherrschte Basar im Stadion X-lecia (Stadion des 10. Jahrestags), „Jahrmarkt Europa“. Selbst nach dem Beitritt zur Europäischen Union treibt der Komplex, nicht europäisch genug zu sein, nicht nur den Umsatz in den Konfektionsgeschäften sondern auch viele edle Initiativen an.








