Das Versprechen der grünen Stadt

Warschau ist wohl die einzige europäische Metropole, durch deren Zentrum ein ungebändigter Fluss fließt, und mit einer U-Bahn, die zwei Wälder miteinander verbindet. Bereits in den Vorkriegsvisionen war der radikale Umbau der bis dahin organisch gewachsenen Stadt mit ihren verwinkelten Gassen und engen Höfen angedacht worden. Die Tabula rasa des zerstörten Warschau bedeutete für die mit der Avantgarde verbundenen Stadtplaner und Architekten die historische Chance, eine ideale Stadt von Grund auf errichten zu können – eine hygienische und egalitäre Stadt voller Licht, Luft und Grün. Helena Syrkus, eine hervorragende Architektin der Vorkriegsavantgarde, kommentierte die bereits im Untergrund gezeichneten Pläne und schrieb:
„Auf den ersten Blick sticht die geringere Dichte der Bebauung ins Auge, die schachtartigen Innenhöfe der Mietskasernen sind verschwunden. Das Grün, das in den Zeiten des Kapitalismus aus der Stadt gesaugt worden war, wird wieder zur natürlichen Umwelt, in der die Gebäude emporragen. Aus jedem Fenster eines jeden Gebäudes werden der Himmel, Rasen, Blumenrabatten und Bäume zu sehen sein." ³
Das Ideogramm im Propagandabildband „Der Sechsjahresplan für den Wiederaufbau Warschaus” zeigt eine welke Blume, auf die durch ein kleines Fenster ein schmaler Lichtstrahl fällt und daneben eine üppige Pflanze in einem großen Fenster. Ein Überbleibsel jener Ambitionen ist die enorme Anzahl von Grünflächen – Parks, Wälder, Felder und Obstgärten bedecken über 46,9 Prozent der Fläche Warschaus. Die Bürger schützen mit großem Engagement jedes Stück Grün vor der Bebauung. 2009 unterzeichneten über 16.000 Personen binnen weniger Tage eine Petition, um ein Stück des innerstädtischen Parkkomplexes Pole Mokotowskie vor den Gelüsten eines Bauunternehmers zu retten. Im Stadtviertel Ursynów blockieren die Nachbarn bis heute erfolgreich das Vorhaben, auf einem Stück des Siedlungsparks eine Kirche zu errichten. Das beliebteste moderne Gebäude ist das mit Kletterpflanzen überzogene Gebäude der Universitätsbibliothek mit einem ein Hektar großen Dachgarten. Das benachbarte Wissenschaftszentrum „Kopernikus“ soll einen Ähnlichen bekommen. Trotzdem klagen die Warschauer mitunter darüber, dass sie bald in einer Betonwüste werden leben müssen.








