Warschau zu Verkaufen

Warschau zu Verkaufen

© The Promised City, Foto: Martin Wälde

Im Vorspann der Seifenoper „Samo życie” („So ist das Leben; Polsat“) sieht man die Helden in Warschauer Innenräumen und in Konsumsituationen, nämlich beim Shoppen im Einkaufszentrum Arkadia und im Megator Traffic Club, beim Besuch im Multiplexkino, bei der Fahrt mit der U-Bahn, beim Schwimmen im Stadtbad Warszawianka, beim Vietnamesen, auf einer Party im Klub und vor dem Hintergrund eines Lichtermeers vorbeirasender Autos.

Man braucht keine TV-Serien anzuschauen, um den Verlockungen des Konsums zu erliegen. Es reicht, zum Fenster hinauszublicken. Plakatwände verschiedener Größe, überdimensionale Werbebanner, die ganze Fassaden (oder sogar noch schlimmer: zufällige Fragmente) bedecken, sowie halbtransparente Folien auf Schaufenstern und Straßenbahnkarosserien haben die Stadt zu Beginn dieses Jahrhunderts in Beschlag genommen. Sie erinnern die Frauen an der Haltestelle daran, wie sehr „sie es sich wert sind”, und denjenigen, die vom Bahnhof aus abfahren, empfehlen sie den Zauber des Fliegens. Das Gebäude der Sparkasse, die PKO-Rotunde, wurde zuerst vollständig mit einem Banner eingehüllt und dann beklebte man die Schaufenster im Parterre mit dreißig bis vierzig Jahre alten Aufnahmen, die beiläufig zeigen, wie dieser Ort aussähe, hinge weiter oben nicht das Werbebanner.

Die Interessen der Bewohner und der Nutzer der Gebäude sind gespalten. Das ökonomische Argument ist häufig stärker als die Frage des Geschmacks oder das Recht auf Tageslicht; die Gewinne aus der Flächenmiete werden für die Renovierung der vernachlässigten Gebäude eingesetzt. Erst die Ende 2009 verabschiedeten lokalen Vorschriften bewirkten, dass die aggressive Werbung von den städtischen Straßenbahnen verschwindet, und landesweit wird es schwieriger werden, Fenster mit einem Banner zu verdecken. Das (Wohl) Sein bestimmt das Bewusstsein.

Der Kommunismus in Polen hat den Begriff des öffentlichen Raums kompromittiert. Alles, was sich vor der Türschwelle befand, war öffentlich, es gehörte also keinem und war deshalb ungepflegt. Die Privatisierung schien die einzige Möglichkeit zu sein, dem öffentlichen Raum ein besseres Aussehen zu verpassen, oder zumindest, diesen besser funktionieren zu lassen. Zuerst drang der spontane Kleinhandel, ein Meilenstein des polnischen Wegs zum Kapitalismus, in die leeren Räume ein, die die großzügigen Stadtplaner in den Zeiten des Sozialismus belassen hatten, als der Boden keinen realen Wert besessen hatte. Reihen von temporären Buden und Ständen verengten die großzügig geplanten Gehsteige entlang der Hauptstraßen sowie die Unterführungen, die Innenräume des Zentralbahnhofs und die Umgebung des Kulturpalastes. Dieselbe Virus-Strategie verfolgte ebenso die neu gebaute kommerzielle Architektur. Luxushotels, Bürohochhäuser und Appartement-Hochhäuser quetschten sich zwischen die Wohnblocks Za Żelazną Bramą (Hinter dem Eisernen Tor) sowohl in die Räume, die die Stadtplaner als zusätzlichen Lebensraum für die Mieter der engen Wohnungen belassen hatten, als auch auf die Grundstücksstreifen, die für das nie entstandene Einkaufszentrum der Siedlung entlang der Jan-Pawel-II.-Allee bestimmt gewesen waren. „An der ersten Ecke ein Drei-Sterne-Hotel, an der zweiten ein Vier-Sterne-Hotel, an der dritten ein Fünf-Sterne-Hotel und an der vierten mein Sechs-Sterne-Wohnblock”, scherzt ein Bewohner der Siedlung im Film der österreichischen Künstlerin Heidrun Holzfeind „Behind the Iron Gate” (2009).