Über das Projekt

The Promised City

Warum kommen Menschen in Städte, und was erhoffen sie sich von ihrer Zukunft? Welche Verheißungen und welche Erzählungen sind der Anlass, sich auf den Weg in die Metropole zu machen oder dort zu bleiben?

Februar bis November 2010




Berlin – Warschau – Mumbai. Zwei Kontinente, drei Metropolen, Millionen Träume. Die Großstadt flimmert. Sie schläft nicht. Sie ist ein Magnet. Sie gibt und fordert. Ihre Versprechen und Illusionen sind Ausgangspunkt des internationalen Projekts „The Promised City“: Vor zwei Jahren haben wir – das Polnische Institut Berlin und die Goethe-Institute in Warschau und Mumbai – namhafte Kuratoren, Intellektuelle und Künstler eingeladen, in einen gemeinsamen Recherche- und Arbeitsprozess einzutreten. „The Promised City“ verbindet drei Punkte auf der Weltkarte zu einer ungewöhnlichen Konstellation. Dieses Dreieck ist keineswegs zwangsläufig. Die drei Metropolen stehen exemplarisch für viele Orte auf der Welt, an denen sich Politik und Wirtschaft, Informations- und Unterhaltungsindustrie, Konsum und Kommerz auf ähnliche Art verdichten. Sie stehen für soziale Bewegungen, neue Lebensentwürfe und künstlerische Experimente.

Zunächst zu Berlin und Warschau: Das Verhältnis dieser Städte ist durch die wechselvolle deutsch-polnische Geschichte geprägt; durch sie erfährt der kulturelle Austausch seine intensivsten Impulse. Obwohl die Zugfahrt von Berlin nach Warschau nur sechs Stunden dauert, weiß man erstaunlich wenig voneinander. Lässt sich unsere komplexe Wirklichkeit in einer globalisierten Gegenwart aber überhaupt noch im Kontext regionaler Nähe und einer Geschichte der Nachbarschaft begreifen?

Als Verständnis-Katalysator nimmt „The Promised City“ gleichsam ein Fernglas zur Hand: Das indische Mumbai ist eine paradigmatische Megacity, die den Horizont der gegenseitigen Betrachtung weitet und die Fragen des Projekts über ihre regionale Relevanz hinaus schärft. An Mumbai lässt sich das Wesen urbaner Glücksversprechen in nuce studieren: Die Realitäten europäischer Großstädte erscheinen hier auf drastische Weise vergrößert und auf die Spitze getrieben. Zugleich überraschen die Gemeinsamkeiten, die die Glückssuche in den Städten über Kontinente hinweg prägen.

Wie die Reaktionen der Projektteilnehmer in Berlin, Warschau und Mumbai zeigen, ist die Neugier aufeinander groß; in der Zusammenarbeit haben sich die Kulturszenen der drei Städte vernetzt, neue Kontakte auf einem weit gespannten geografischen Dreieck sind entstanden. Nun ist es endlich soweit: Von Februar bis November 2010 sind die Ergebnisse dieser internationalen Zusammenarbeit in den drei Städten zu erleben: Den Anfang macht Berlin.

Tomasz Dabrowski, Direktor Polnisches Institut Berlin
Dr. Martin Wälde, Leiter Goethe-Institut Warschau
Dr. Marla Stukenberg, Leiterin Goethe-Institut Mumbai

DAS PROGRAMM IM ÜBERBLICK

Zahlreiche Neuproduktionen aus allen Kunstsparten beschäftigen sich mit unseren urbanen Lebenswelten und Alltagstopographien. Für die beteiligten Künstler und Institutionen in den drei Städten ermöglicht „The Promised City“ eine Vernetzung weit über die bereits etablierten Arbeitszusammenhänge hinaus. Gleichzeitig verändert und vertieft die Dreiecks-Konstellation Berlin – Warschau – Mumbai die Perspektiven aufeinander in überraschender und neuartiger Weise. Zu erleben ist das von Februar bis November in zahlreichen Veranstaltungen in allen beteiligten Städten.

Die Hauptachse verläuft zwischen Berlin und Warschau. Das von einem internationalen Kuratorenteam entwickelte Gehäuse „The Knot“ ist das umfangreichste Projekt von „The Promised City“: Eine mobile Begegnungs- und Produktionsplattform, die sich an sehr unterschiedlichen Orten in Berlin, Warschau und Bukarest jeweils für ein bis zwei Wochen niederlässt und künstlerisch auf den dortigen Stadtraum und seine Menschen reagiert. In Performances, Installationen und anderen Veranstaltungsformaten sollen die Fäden experimenteller Stadterkundung zusammenlaufen.

Mit den beiden für das Projekt konzipierten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, „Early Years“ (in Berlin) und „Wystawa“ (in Warschau) gehen das neu gegründete Museum für Moderne Kunst Warschau und das KW Institute for Contemporary Art Berlin erstmals eine Kooperation ein. Mit seiner seit einem Jahr vorbereiteten Stadtreise wird der Kölner Künstler Boris Sieverts Warschauer Bürgern zwei Tage lang, inklusive Übernachtung, ganz neue Einblicke in ihre vermeintlich altvertraute Stadt eröffnen. Schüler aus Berlin und Warschau haben 2009 in vielen Begegnungen gemeinsam ein Theaterstück über ihre „Ideale Stadt“ entwickelt, das im März aufgeführt wird. Für die Produktion „X-Wohnungen“ werden im Juni Warschauer Privatwohnungen zu Bühnen. Wichtige Neuproduktionen polnischer Theatermacher werden im Berliner Theater „Hebbel am Ufer“ im Rahmen des Festivals „Polski Express“ zu sehen sein.

Der Austausch „Die Welt im Notizbuch“ dreier großer Tageszeitungen, „DNA“ (Mumbai), „Gazeta Wyborcza“ (Warschau) und Berliner „Tagespiegel“, ermöglicht sechs Journalisten Recherchen in den jeweils anderen Städten. In „Die Fährte“ folgen hingegen Schriftsteller aus Berlin, Warschau und Mumbai einer Spur, die der einheimische Kollege für sie durch seine eigene Stadt legt, ein Ariadne-Faden durch die fremde Metropole.

Das Videofilmprojekt „The Capital of Accumulation“ des Raqs Media Collective (New Delhi) verbindet die drei Städte in einem an Rosa Luxemburg orientierten Erzählstrang miteinander. Junge Fotografen haben sich auf die Spuren der „Glückssucher“ in den drei Metropolen begeben; die Ergebnisse werden in einer Ausstellung präsentiert werden. In der Vortragsreihe „If I Can Make It There“ , die sowohl in Berlin und Warschau stattfindet, sind prominente internationale Theoretiker wie Karl Schlögel, Eva Illouz, Marino Niola, Kees Christiaanse und Norman Klein zu hören: Ihre Beiträge zu verschiedenen Städten und soziologischen Phänomenen untermauern und erweitern die Fragestellungen des Projekts. Auch eine Filmreihe reflektiert die Thematik: „Promised Cities“ läuft im Rahmen des Warschauer Filmfestivals „Planete Doc Review“.