If I can make it there - Was die Städte versprechen
Internationale Vortragsreihe in Berlin
NEAPEL oder die Arithmetik des Schicksals
Marino Niola (Napoli, I)
Gesprächspartner: Thomas Hauschild (Ethnologe, Halle)
Italienisch mit deutscher Simultanübersetzung
Die zahlreichen Versuche des 18. und 19. Jahrhunderts, ein charakteristisches Bild von Neapel zu zeichnen, stellten immer wieder auf einen fundamentalen Gegensatz ab: den zwischen der Kälte des berechnenden Nordens einerseits, der Wärme und seit Urzeiten verwurzelten 'Phantasie' des Südens andererseits. Innerhalb der europäischen Kultur gilt diese von einer Sirene gegründete Stadt als der poetische Ort schlechthin. Sie bürgt geradezu dafür, dass der Mythos nicht aus der Moderne vertrieben konnte – nicht aus ihren Gedanken und nicht aus ihrem Erfahrungshorizont. Das zeigt sich etwa daran, dass hier das Lottospiel auch dann noch eng mit der Kunst der Wahrsagerei verknüpft war, als Neapel bereits zu einem der Zentren europäischer Aufklärung avancierte. Gerade die Gleichzeitigkeit von Archaischem und Modernem ist, wie etwa Bloch und Benjamin beobachtet haben, ein Kennzeichen dieser vielgestaltigen und immer wandelbaren Stadt. Neapel zeugt eher für eine unvollendete Moderne als für die Antike. Immer schon war es 'postmodern'.
Marino Niola ist Stadtethnologe und Professor für Kulturanthropologie an der Università degli Studi Suor Orsola Benincasa Neapel. Auf Deutsch erschien von ihm „Totem und Ragu. Neapolitanische Spaziergänge“ (2000).
Thomas Hauschild ist Professor für Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
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