Urbanes Leben

Mit Essen spielt man

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“Mit Essen spielt man nicht” ist ein Satz, den jedes Kind zu hören bekommt. Doch eigentlich spielt jeder spielt gerne mit Essen und das Spiel bringt uns unsere Nahrung näher. Ein Bericht der jungen Food Designerin Lina Meyer.

Hej, mein Name ist Lina Meyer und ich entwerfe im Rahmen meines Projektes „Mit Essen spielt man“ ungewöhnliche Food-Konzepte. Ich habe an der University of Applied Sciences and Arts in Hannover meinen Abschluss im Studienfach Grafikdesign absolviert. Gekocht habe ich privat schon immer gerne, und mir wurde mit der Zeit klar, dass es mir nicht ausreicht ausschließlich Grafikdesignerin zu sein. Ich wollte nicht lediglich am Rechner sitzen und virtuelle Welten gestalten. Ich wollte mit meinen Händen arbeiten, etwas Greifbares erschaffen. Zunächst dachte ich, dass ich nur das eine oder das andere machen kann, doch dann fiel mir ein Buch der Eating-Designerin Marije Vogelzang in die Hände, die genau das getan hat: Design und Essen miteinander zu verbinden. Inspiriert von ihren Ideen beschloss ich meine Bachelorarbeit über das Thema „Eating-Design“ zu schreiben. Das war sozusagen der Startpunkt des Projektes.

“Mit Essen spielt man nicht” ist ein Satz, den jedes Kind zu hören bekommt. Lässt man das Wort „nicht“ weg, wird das Verbot zum befreienden Gebot. Jeder spielt gerne mit Essen, sei es die Erbsen auf seinem Teller zu geometrischen Formen zusammenzulegen, oder die Art und Weise einen Keks zu essen: Zerbröseln, zermantschen, die Schokolade abnagen oder sie vom umgebenen Keks freilegen. Das alles sind Methoden und Bedürfnisse sich mit seiner Nahrung zu beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit dem, was man so täglich in sich hineinschaufelt, ist in einer Zeit des absoluten Überflusses an Lebensmitteln, in der kaum noch ein Mensch die Zusammensetzung unserer Supermarkt-Nahrung durchblickt, sehr wichtig. Finde ich. Deshalb entwerfe ich Essenskonzepte, die dazu anregen sich wieder spielerischer mit seinen natürlichen Essgewohnheiten auseinander zu setzen und selber zu agieren. Die Nahrungsmittel dienen dazu, den Teilnehmern eine bestimmte Information, ein Gefühl oder ein Thema nahe zu bringen.

Meist werden im Bereich Kochen/ Essen/ Küche ausschließlich Objekte designt. Die Art und Weise zu essen oder den ganzen Rahmen in dem etwas gegessen wird zu gestalten ist das, was ich mit meinen Projekten erreichen möchte. Mit dieser Herangehensweise beschäftigen sich tatsächlich noch nicht so viele Designer. Ich empfinde es als eine spannende Möglichkeit den Gästen ein Thema ganz nahe zu bringen, sie nehmen es mit der Nahrung in sich auf. Vielleicht ist diese sehr persönliche Herangehensweise das, was den Leuten in unserer schnelllebigen, oftmals anonymen Branche manchmal fehlt.

Themenbezogene Caterings habe ich bereits für verschiedene in Hannover ansässige Unternehmen konzipiert. Außerdem arbeite ich auch gern mit Freunden und der Familie, mit Kindern oder lade Gäste ein, die einfach Interesse haben, an einem Dinner teil zu nehmen.

Die Esskonzepte erscheinen auf den ersten Blick vielleicht befremdlich, sie überraschen oder verunsichern, bereiten aber auch Freude, geben Wärme und regen zu Gesprächen an, verbinden also auch. Mit der Nahrungsaufnahme ist man aufgefordert sich intensiv mit dem zu beschäftigen was Thema ist. Die jeweiligen Inhalte der Veranstaltung werden mit der Gestaltung, dem Geschmack oder dem Geruch des Essens aufgegriffen und im wahrsten Sinne des Wortes verinnerlicht. Es geht um Kommunikation, Inspiration, darum selber aktiv und kreativ zu werden, Überraschungseffekte, Selbstwahrnehmung, Gewohnheiten, Überwindung, Nachhaltigkeit, Entfremdung, Wertschätzung, Identität oder Erinnerung.

Ein Projekt das viele dieser Inhalte vereint ist das „Mit-Essen-spielt-man-Dinner“. Es ist eine Kombination aus verschiedenen vorangegangenen Projekten und Themengebieten, die ich bis zu diesem Zeitpunkt erarbeitet hatte und gleichzeitig die Präsentation meiner Bachelorarbeit. Man durfte mit den Fingern vom Boden essen, konnte seine Beilagen von der Decke pflücken oder aus dem Waschbecken ernten. Wer wollte, konnte selbst kochen, sich Schmuck aus Radieschen und Erbsen oder Essbesteck aus Mohrrüben basteln. Die spielerische Herangehensweise an Esskultur, den damit verbundenen Sitten und Unsitten, mit allen Sinnen wahrnehmen und schmecken war das Thema. Wer sich nicht auf seine Geschmacksnerven verließ, wurde vielfach durch die Inszenierung getäuscht. An einer Station gab es denselben Snack zweimal auf verschiedene Art arrangiert und angerichtet. Die Gäste schmeckten tatsächlich fast alle einen nicht vorhandenen Unterschied.
Lina Meyer
studierte Grafikdesign und konzentriert sich nun auf Food-Design. Ihre innovativen Konzepte stellt sie als Bloggerin vor.

Copyright: Goethe-Institut Polen
Januar 2014

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