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Fotografie als Werkzeug – „Aufstieg und Fall der Apartheid“

Der Widerstand gegen das Apartheid-Regime in Südafrika wurde seit den 1950er-Jahren zunehmend radikal. Eine Ausstellung im Münchener Haus der Kunst widmet sich der fotografischen Dokumentation des Widerstands.

Der Widerstand gegen das Regime der Apartheid in Südafrika wurde zwischen 1948 und 1994 zunehmend radikal geführt. Doch nicht nur die Ausformung des Widerstands, auch die Bildsprache der Fotografen, die den Widerstand dokumentierten, wandelte sich. Ihre Bilder wurden zum Instrument im Kampf gegen die Apartheid. Eine Ausstellung im Münchener Haus der Kunst (HdK) widmet sich vor allem diesem Aspekt.

Ein Mann rennt. In seinen Armen hält er einen leblosen Jungen, neben ihm ein weinendes Mädchen. Die Dreiergruppe ist in ihrer Bewegung eingefroren, festgehalten auf einer Fotografie, die als symbolisch für die Zeit des Apartheid-Regimes in Südafrika angesehen werden kann. Der Junge ist tot. Es ist Hector Pieterson, der am 16. Juni 1976 im Rahmen des Soweto-Aufstandes erschossen wurde. Zu dieser Zeit waren sowohl der Widerstand gegen die Apartheid als auch die Bildsprache der Fotografen viel radikaler geworden als zu Beginn der staatlich verordneten Rassentrennung. Diese Entwicklung nach dem Wahlsieg der Nationalen Partei 1948 möchte Okwui Enwezor, Direktor des HdK und Kurator der Ausstellung Aufstieg und Fall der Apartheid, aufzeigen. Der Ausstellungs-Schwerpunkt liegt laut Enwezor auf dem Übergang von einem „kolonialen Gebiet mit Rassentrennung zu einem heiß umkämpften Ort, in dem die große Mehrheit der Bevölkerung um Gleichheit, demokratische Vertretung und Bürgerrechte kämpfte“.

Protest gegen den Entzug von Menschenrechten – die 1950er-Jahre

In den 1950er-Jahren verlief der Widerstand noch weitgehend friedlich in gewaltlosen Demonstrationen und Streiks. Der Fokus früher Fotos liegt auf der Volksmenge, die vom Gedanken der Solidarität zusammengehalten wird. Die Bilder zeigen unter anderem Vertreterinnen der Bürgerrechtsorganisation Black Sash – weiße, blonde Frauen mit schwarzen Schärpen und Transparenten, auf denen steht: „Wir protestieren gegen den Entzug grundlegender Menschenrechte.“

Oft sind Betroffene mit Protestschildern abgebildet, zum Beispiel auf einer Fotografie von Eli Weinberg. Es zeigt eine Gruppe von Menschen 1956 während des Landesverratsprozesses in Johannesburg, die Schilder mit den Worten „We stand by our leaders“ in die Kamera halten. Die Führer des Widerstands, hinter denen das Volk steht, werden zum beliebten Fotomotiv. Besonders Nelson Mandela nimmt als Schlüsselfigur das Zentrum zahlreicher Fotos ein.

Eli Weinberg; Volksmenge in der Nähe der Drill Hall am Eröffnungstag des Landesverratsprozesses in Johannesburg, 19. Dezember 1956 | Times Media Collection, Museum Africa, Johannesburg

Die „Black Fifties“ – das Magazin „Drum“

Dass Fotografie als Werkzeug des Widerstands eingesetzt wurde, zeigt unter anderem die 1951 von Journalisten und Fotografen ins Leben gerufene Zeitschrift Drum. Sie dokumentiert bis heute das alltägliche gesellschaftliche Leben, die Kultur und die Musik. Drum befasst sich speziell mit dem schwarzen städtischen Leben, thematisiert auch politische Themen und war in der Zeit der Apartheid Plattform für schwarze und weiße Fotografen. Gerade das alltägliche Leben demonstrierte, welche Auswirkungen die Apartheid auf die Bevölkerung hatte. Die sogenannte Homelandpolitik, die die Separation der schwarzen Bevölkerung verfolgte, reichte bis hin zu getrennten Parkbänken oder Toiletten.

„Wenn du ein Bild willst, bekommst du es auch“ – „Struggle Photography“

Ein einschneidendes Ereignis ließ die Stimmung der widerständigen Südafrikaner kippen und führte dazu, dass auch die Fotomotive sehr viel radikaler wurden: das Massaker von Sharpeville 1960. 69 Demonstranten wurden bei einer größtenteils friedlichen Demonstration von Polizisten erschossen. Der Glaube daran, mit Gesprächen oder Kongressen eine Einigung zu finden, schwand in der Bevölkerung. Währenddessen erkannten die Fotografen, wie schonungslos sich Systemkritik in Bildern ausdrücken ließ. Immer stärker entwickelte sich ein fotografischer Stil, der als „Struggle Photography“ bekannt wurde und den Betrachter mitten ins Geschehen führt.

In diesen Kontext gehört auch das Foto des toten Hector Pieterson von Sam Nzima. Es entstand im Rahmen einer Demonstration von Kindern und Jugendlichen in Soweto, die von der Polizei brutal niedergeschlagen wurde. Sam Nzimas Bild ging um die Welt und informierte das Ausland über die Zustände in Südafrika.

„Black Power“ – das Ende der Apartheid

Der hartnäckige, zunehmende Widerstand und die sich mehr und mehr organisierende Opposition führten dazu, dass die Apartheid immer weiter zerfiel. Das hatte Verhandlungen mit den inhaftierten Führern der Bewegung zur Folge, unter anderem mit Nelson Mandela. 1990 wurden er und die anderen politischen Gefangenen freigelassen. Das Volk und die Fotografen feierten Mandela als großen Befreier. Bei seiner Haftentlassung am 2. Februar 1990 präsentierte er sich zusammen mit seiner Frau Winnie. Ein Foto von Greame Williams zeigt beide lachend und mit emporgereckten Fäusten – eine symbolische Geste für die „Black Power“, die den Stolz und die Emanzipation der schwarzen Bevölkerung demonstriert. Das Ende der Unruhen bedeutete dieser Tag allerdings noch lange nicht, denn die über vierzig Jahre andauernde Rassentrennung ist tief in den Köpfen der Bevölkerung verankert. Und auch die fotografische Begleitung der Entwicklung dauert bis heute an.


Ausstellung: „Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens“, Haus der Kunst München, 15. Februar bis 26. Mai 2013
Katrin Baumer
arbeitet in der Internetredaktion des Goethe-Instituts und ist Mitbegründerin der Münchner Lesereihe „Nadaville“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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