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Was bleibt von ihm übrig, wenn ein Mensch sein Geschlecht, seine Nationalität, seinen Glauben und seine politische Überzeugung über Bord wirft? Ein wesenloses Etwas, willenlos und ohne Verstand? Oder ganz einfach ein Individuum, das frei von Vorurteilen und offen für neue Wege ist? Fragen, die sich Zuschauer und Beteiligte der Performance „Vision Palestine, Bus-Line-Palestine“ des deutschen Musikers, Komponisten und Installationskünstlers Rochus Aust vergangenen Montag gestellt haben.
Die Aufführung in Jerusalem in den Räumen der Stiftung für zeitgemäße Kunst, Al Ma‘mal, war eine von insgesamt vier, die in Ramallah, Jerusalem und Jenin gezeigt wurden und die der 45-Jährige eigens für das Video Art-Festival in Palästina geschaffen hat. Unter dem Titel „The Lonely Crowd“ haben das Goethe-Institut in Ramallah sowie das Institut Français und verschiedene palästinensische Kultureinrichtungen wie die A. M. Qattan Stiftung, das Khalil Sakakini Kulturzentrum, Dar Al Kalima College und Cinema Jenin das dritte Festival dieser Art organisiert. Dieses Mal für die Zeit des Ramadan und dieses Mal überwiegend im öffentlichen Raum - „genau da, wo Menschen nach Sonnenuntergang und nach dem Essen flanieren, dann über Kunst stolpern und stehen bleiben“, wie Joerg Schumacher, Leiter des Goethe-Institutes in Ramallah erklärt.
Filmworkshop mit Kamal Aljafari
in Dar Alkalima Bethlehem
Bei Rochus Aust blieben sie jedoch nicht stehen, sondern konnten Platz nehmen - in einem Bus, der jeden Mitfahrer an den von ihm gewünschten Ort bringt: etwa nach Griechenland, nach London, nach Patagonien – ja sogar in den Himmel und nach Nirgendwo. Fünfmal jedoch hält der Fahrer auf seiner außergewöhnlichen Reise an. Und an jeder Haltestelle werden die Fahrgäste von dem stimmgewaltigen Schaffner – alias Schauspieler Fosco Perinti - angewiesen, unnützes Gepäck aus dem Fenster zu werfen, das da wäre: Gewalt, Religion, Geschlecht, Nationalität und Politik.
Das ist ziemlich viel verlangt in einer Region, wo sich Menschen genau diesen Einflüssen gar nicht entziehen können und der Alltag davon bestimmt ist. Dass die Endhaltestelle schlussendlich doch wieder ein Ort in Palästina ist – offensichtlich hat nicht jeder Fahrgast den Anordnungen des Schaffners Folge geleistet – und dieses Ziel voraussichtlich erst im Jahr 2063 erreicht wird, wie Perinti verkündet, scheint nur eine weitere Niederträchtigkeit. „Stimmt, lustig ist die Busfahrt nicht“, räumt Aust ein. Aber als er über den Inhalt seines Beitrages für Palästina nachgedacht hat, ist er zu dem Schluss gekommen, „dass ich die Probleme hier nicht draußen lassen kann“.
Sonderperformance "Bus Line Palestine" von Rochus Aust und RE-LOAD FUTURA
Jeder Fahrgast erlebe vermutlich sein ganz persönliches Waterloo und jeder suche sich seine Interpretation: „Richtig und falsch gibt’s hier nicht“, sagt der Künstler. „Wir wollen nicht mehr so lange warten, bis es besser wird“, habe ein Palästinenser nach der Performance zu ihm gesagt und bezog sich auf das Jahr 2063. Und ein gläubiger Mensch habe sicher daran zu kauen, wenn er gebeten werde, seine Religion abzulegen, sagt Aust. Auch die Musik, die er begleitend zur Busfahrt komponiert hat – er spielt Trompete, der Musiker Florian Zwissler sitzt am Keyboard - ist oft verstörend. „Ich wollte zwei Ebenen des Körpers beschäftigen – den Verstand und das Gefühl.“
Eröffnungstour SIN Festival 2013
an verschiedenen Orten in Ramallah
Desillusionierend ist die Reise jedoch nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist sie eine Vision voller Hoffnungen und Träume: „Vielleicht und hoffentlich sind die Menschen künftig hier und auch sonstwo frei und all diese Attribute zählen nichts mehr.“ Der Großteil der Fahrgäste in Jerusalem zumindest hat sich von dieser Vorstellung leiten lassen. „Es war erfrischend so etwas zu erleben. Es ist voller Phantasie – und die können wir hier gut gebrauchen“, sagte etwa eine Frau aus Ramallah.