Für Jugendliche

Die Yanomami in Brasilien

Die Bevölkerung der Yanomami in Brasilien wird heute auf etwa 15.500 Personen, verteilt auf 249 lokale Gruppen, geschätzt. Diese Bevölkerung bewohnt die Region des oberen Rio Branco (der Westen des Staates Roraima) und das linke Ufer des Rio Negro (im Norden des Staates Amazonas). In Brasilien überwiegen, mit mehr als 7000 Personen, die Yanomae- oder Yanomama-sprechenden Ost-Yanomami, denen die Gruppe von Davi Kopenawa angehört, während in Venezuela die Mehrheit der Bevölkerung, etwa 14.000 Personen, Yanõmami (West-Yanomami) spricht.

Die Grenzziehung des Territoriums der Yanomami wurde in Brasilien im November 1991 amtlich bestätigt und endgültig durch ein Dekret des Präsidenten im Mai 1992 anerkannt. Dieses Territorium von 96.650 Quadratkilometern mit der Bezeichnung „Terra Indígena Yanomami“ (=Territorium der Yanomami-Indianer) umfasst eine große Vielfalt von Naturlandschaften, dichte tropische Regenwälder im Tiefland, sowie tropische Urwälder und Savannen des Hochlands. Darüber hinaus wird es von den Wissenschaftlern als vorrangige Region für den Schutz der Artenvielfalt des brasilianischen Amazonien betrachtet.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts trieben die Yanomami Brasiliens Tauschhandel und führten Krieg mit einem Dutzend benachbarter Ethnien der karibischen Sprachfamilie im Norden und Osten (Ye’kuana, Purukoto, Sapara, Pauxiana), der Sprachfamilie der Arawaken im Süden und Westen (Bahuana, Mandawaka, Yabahana, Kuriobana, Manao, Baré) oder isolierter Sprachen (Makú, Awaké, Marakana). Ihre ersten sporadischen Kontakte mit den Weißen in den Jahren 1910 bis 1940 fanden nur an den Grenzen ihres Territoriums statt: Es handelte sich um Sammler von Produkten des Urwalds (Balata, Piassava), Soldaten der Expeditionen zur Absteckung der Grenzen, Pioniere des SPI oder ausländische Reisende.

Zwischen 1940 und 1960 schuf die Einrichtung von Posten des SPI und danach der Beginn der amerikanischen evangelischen Mission (Novas Tribos do Brasil, Missão Evangélica da Amazônia) und der italienischen katholischen Mission (Salesianer, Consolata) Orte ständigen Kontakts auf dem Territorium der Yanomami. Diese Niederlassungen wurden rasch zu Zentren der Bevölkerungskonzentration und des Sesshaftwerdens und ermöglichten den Zugang zu industriell hergestellten Produkten und zu einer gewissen medizinischen Betreuung. Sie waren aber auch das Einlasstor für viele verheerende Epidemien (Masern, Keuchhusten, Grippe, Tuberkulose), für die die bis dahin praktisch isoliert lebenden Yanomami sehr anfällig waren.



Die beiden anfänglich von den Yanomami aufrechterhaltenen Formen regelmäßigen Kontakts – mit den Sammlern von Produkten des Urwalds und mit den Missionen – bestanden auf ihrem Territorium nebeneinander bis zum Beginn der 1970er-Jahre. Ab 1973 jedoch zwangen die geopolitischen Projekte der Militärregierungen bezüglich des Amazonasgebiets diesen Indianern intensivere Formen des Kontakts auf, insbesondere im Westen des Staates (damals Bundesterritorium) Roraima.

Im Rahmen des Planes der Nationalen Integration, der 1970 von der Regierung des Generals Médici (1969–1974) als Träger einer neuen Politik der Kontrolle und Besiedlung der nördlichen Grenzregion Amazoniens ins Leben gerufen worden war, wurde 1973 zuerst ein 235 Kilometer langer Abschnitt der Fernstraße Perimetral Norte (BR-210) im Südosten des Territoriums der Yanomami eröffnet. In den darauffolgenden Jahren, diesmal im Rahmen des von der Regierung des Generals Geisel (1974–1979) geschaffenen Projekts POLAMAZÔNIA, begann man, am Anfangsabschnitt der BR-210 (1978–1979) Pläne zur landwirtschaftlichen Besiedlung zu verwirklichen.

Die Errichtung der Baustellen für die Straße und die Ankunft der Siedler waren für eine erste große Epidemiewelle unter den Yanomami verantwortlich, die zu schweren Verlusten unter der Bevölkerung führte. Die Perimetral Norte wurde 1976 aufgegeben und hinterließ eine Spur des gesundheitlichen Verfalls und der sozialen Entwurzelung, die bis heute spürbar ist, insbesondere in der Region des Rio Ajarani (Verdum, 1996), wo die Arbeiten 1973 begonnen hatten.

Gleichzeitig mit der Eröffnung der Straße hatte man auch eine systematische Bestandsaufnahme der Bodenschätze der Region gemacht (Projekt RADAM), die das Potenzial der Erzlagerstätten der Serra Parima offenbarte. 1975 gab es eine erste Invasion von Zinnerzsuchern (Kassiterit) mitten im Zentrum des Territoriums der Yanomami, am oberen Rio Parima (Serra das Surucucus).



Mit dem Potenzial der Bodenschätze auf dem Territorium der Yanomami wurde eine solche Werbung getrieben, dass dies im Jahrzehnt darauf eine wachsende Invasion von Erzsuchern auslöste, die sich schließlich 1987 im Staat Roraima in einen wahren Goldrausch verwandelte. So wurden zwischen 1987 und 1990 im Gebiet der Serra Parima, am Oberlauf des Rio Uraricoera, Rio Parima, Rio Mucajaí und Rio Catrimani, etwa neunzig illegale Landebahnen eingerichtet. Man schätzt, dass damals ungefähr dreißig- bis vierzigtausend Goldsucher an den goldhaltigen Stellen dieses Gebiets schürften. Während dieser Zeit waren die Beziehungen zu den Goldsuchern die vorherrschende Art des Kontakts zwischen den Yanomami und der sie umgebenden Gesellschaft: die Zahl der auf ihrem Land anwesenden Invasoren betrug im Staat Roraima etwa das Fünffache ihrer eigenen Bevölkerung.

Diese massive Besetzung hatte dramatische epidemiologische und ökologische Auswirkungen, die viel weitgehender waren als die der straßenbaulichen und landwirtschaftlichen Projekte der 1970er-Jahre. Die Malaria-Epidemien und Atemwegserkrankungen verursachten damals den Tod von etwa 13% der Yanomami-Bevölkerung Brasiliens. Die Zerstörung der Flussbetten und die Verschmutzung ihrer Gewässer fügten der von den Indianern genutzten Umwelt beträchtlichen Schaden zu.

Ab 1990 wurde die Goldgräberflut auf dem Territorium der Yanomami allmählich durch wiederholte Vertreibungsaktionen durch die Fundação Nacional do Índio (FUNAI) und die Bundespolizei eingedämmt. Trotz dieser Initiativen gaben jedoch kleine Gruppen von Goldsuchern ihre Tätigkeit im Indianergebiet bis heute nicht auf. Im Mai 2006 schätzte die FUNAI die Anzahl von Goldsuchern in der Terra Indígena Yanomami auf siebenhundert bis achthundert. Diese neuen Invasionen setzten die Yanomami weiterhin Krankheiten und Gewalttätigkeiten aus, deren dramatischster Fall das Massaker von 16 Personen – Kinder, Frauen und alte Leute – im Jahre 1993 durch Goldsucher in Haximu war.

Abgesehen von diesem fortdauernden Interesse der Goldsucher an der Zentralregion des Yanomami-Territoriums können auch andere, schon bestehende oder mögliche, wirtschaftliche Aktivitäten (landwirtschaftliche Besiedlung, Viehzucht, Ausbeutung des Waldes, industrieller Bergbau) in naher Zukunft eine ernstzunehmende Bedrohung für die Erhaltung der sozialen Strukturen und der Umwelt dieses Gebiets darstellen, trotz ihrer Anerkennung als Terra Indígena Yanomami im Jahre 1992.

Bereits auf vierundfünfzig Prozent ihrer Fläche erstrecken sich 640 im Departamento Nacional de Produção Mineral (DNPM) registrierte Bergbauanträge und -konzessionen verschiedener öffentlicher und privater, brasilianischer und multinationaler Unternehmen. Daneben haben die Agrarkolonisationsprojekte, die seit 1978 von landwirtschaftlichen Bundes- und später lokalen Einrichtungen rund um den Osten des Yanomami-Territoriums verwirklicht wurden – ohne die illegalen Landbesetzungen zu erwähnen, die diese noch erweitern und ihre Fläche beträchtlich ausdehnen – eine Besiedlungs- und Waldrodungsfront geschaffen, die bereits die Grenzen des Eingeborenengebiets erreicht hat. Abgesehen vom Raubbau an den natürlichen Ressourcen im indianischen Grenzgebiet (Wild, Fischfang, Holzabbau), verursachen diese Eindringlinge durch undifferenzierte Brandrodungen, wie in den Jahren 1998 und 2003, in einem von immer ausgeprägteren Dürren heimgesuchten Gebiet große Waldbrände, die die Artenvielfalt der Region direkt und für viele Jahre schädigen.
Bruce Albert

    „Humanimal“ – Wettbewerb

    Mach mit!

     

    Erkunde den Amazonas mit ...

    PIB Mirim
    PIB Povos Indígenas no Brasil

    Wie gefällt Dir unsere Website? Hast Du Fragen? Wir freuen uns, wenn du uns schreibst, gerne auch mit Bild!
    Mail ans CAMPUS-Team

    Wir danken für die Unterstützung der CAMPUS-Seiten durch

    ISA – Instituto Socioambiental ISA – Instituto Socioambiental
    Survival International Survival International