Wald-Land oder Natur?
Der Ausdruck urihi a bezeichnet in der Sprache der Yanomami zugleich den tropischen Wald als auch das Land, auf dem dieser sich erstreckt. Durch fortlaufende Verkettung verweist sie auch auf die Vorstellung einer offenen und kontextuellen Territorialität. Mit dem Ausdruck ipa urihi, „mein Wald-Land”, kann ein Sprecher das Gebiet bezeichnen, wo er geboren ist oder das zur Zeit von ihm als Wohnsitz genutzt wird, während yanomae thëpë urihipë, „das Wald-Land der Menschen (Yanomami)”, unserer Vorstellung von einem „Yanomami-Land” nahekommt, und urihi a pree, „das grosse Wald-Land”, sich auf einen ganz umfassenden Raum, ähnlich wie unser Begriff „Erde”, bezieht.
Dieses „Wald-Land” ist für die Yanomami ein unerschöpfliches Reservoir lebenswichtiger Ressourcen, aber sie betrachten es ganz und gar nicht als unaktive und stumme Szenerie ausserhalb der Gesellschaft und der Kultur, als eine dem menschlichen Willen und der Ausbeutung durch den Menschen unterworfene „leblose Natur”. Es ist vielmehr ein lebendes Wesen, das man sich nach schamanischer Denkweise als mit einem Geist (urihinari), einem Lebenshauch (wixia) ausgestattet vorstellt und dem die Fähigkeit zu wachsen innewohnt (në rope). Darüber hinaus ist es von einer komplexen Dynamik des Austausches, von Konflikten und Umwandlungen zwischen den verschiedenen menschlichen und nicht menschlichen, sichtbaren und unsichtbaren Wesen, die es bevölkern, beseelt.
Die heute existierenden Tiere (yaropë) sind die Verkörperung der tierhaften Vorfahren (yaroripë) der ersten Menschheit, die als Folge ihres fehlerhaften Verhaltens verwandelt wurden. Oben auf den Bergen wohnen die zu schamanischen Geistern (xapiripë) gewordenen Bilder (utupë) dieser Tier-Menschen der Frühzeit. Weit enfernt von den Dörfern, in der Tiefe des Waldes, in den Seen und Flüssen und an den Abhängen der Hügel streifen unzählige böse Geister (në wãripë) umher, die die Menschen angreifen, da sie diese als ihr „Wild” betrachten. Außerhalb der für gewöhnlich benutzten Wege fürchtet man ebenfalls, umherirrenden Phantomen (porepë) zu begegnen. Auf dem Grunde der Gewässer verbirgt sich die Wohnung des mythischen Ungeheuers Tëpërësiki, Schwiegervater von Omama, dem Schöpfer der heutigen Menschheit. Seine Wohnung beherbergt die Fisch-Geister yawariomapë, deren Schwestern die jungen Jäger der Yanomami verführen und ihnen das Bewußtsein rauben, sodass sie „sich in andere Personen verwandeln” und auf diese Weise zu Visionen und einer schamanischen Berufung gelangen.
In dieser Weltsicht gibt es die Natur als eine Domäne, die als etwas Außenstehendes und der menschlichen Gesellschaft so wie ein Spiegel Gegenüberstehendes definiert wird, nicht. Eine solche Unterscheidung findet ganz einfach nicht statt; Menschen und nicht menschliche Wesen sind in einem kollektiven Ganzen eingebunden. In diesem Sinne ist es ganz und gar nicht so, dass die Yanomami (und ganz allgemein die Indianer) „der Natur nahestehen”, da diese Bezeichnung für sie überhaupt keinen Sinn hat, wenigstens nicht in der Bedeutung, die wir ihr geben. Daher entspricht unserem dualistischen Schema, in dem Natur (als „Umwelt”) und Kultur Gegensätze sind, dort die Vorstellung eines kosmologischen soziomorphen Ganzen. Hier sind die Menschen und die nicht menschlichen – sichtbaren (Tiere) oder unsichtbaren (Geister, Tote) – Wesen mit Fähigkeiten und subjektiven Eigenschaften gleicher Art ausgestattet. Hier unterhalten sie soziale Beziehungen (Kommunikation, Austausch, Aggression oder Verführung) und sind ontologisch in demselben System von Metamorphosen integriert.
Bruce Albert




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