Der Tiger mit den blauen Lippen – wie eine Schulklasse den Regenwald retten will

An einem sonnigen Morgen bin ich auf dem Weg zur Tela-Post, dem Postamt in der Tegernseer Landstraße in München. Dort hat sich die ganze Klasse 5g der Ichoschule versammelt. Sie haben ein klares Ziel vor Augen: Sie möchten den brasilianischen Regenwald retten und vor allen Dingen die Yanomami beim Kampf um ihren Lebensraum unterstützen.
Ein grinsender Leguan und ein Glas Tee
Dazu haben sie direkt an einer Bushaltestelle einen Stand aufgebaut, so bunt und schön, dass die Passanten einfach stehenbleiben müssen. Zu kaufen gibt es Stofftaschen, die die Schüler mit prächtigen Urwaldtieren bemalt haben, handgeknüpfte Freundschaftsbändchen und selbstgebastelte Karten.
Auch für die Verpflegung ist gesorgt: Zu Tortillas mit Avocado-Crème wird erfrischender, kalter Schwarztee gereicht. Ich suche mir eine Stofftasche mit einem grün-orangefarbenen, grinsenden Leguan aus, ein weiß-blau-rotes Armband und eine Karte mit einem Klammeraffen. Dazu trinke ich ein Glas Tee. Mein Geld dafür wird sorgsam in eine Metallkasse einsortiert. Die Einnahmen werden die Schüler an Survival International schicken, die Organisation, die die Yanomami bei der Rettung des Regenwaldes unterstützt. „Wir haben schon sehr viel Gewinn“, freuen sich die Schüler. Bereits 66 Euro befinden sich in der Kasse, und da ist es erst 9 Uhr am Morgen.
Tropische Bäume aus Papier
Auf Stellwänden informieren die Schüler die interessierten Passanten über den Regenwald, der in Gefahr ist. Und sie stellen ihr Amazonas-Projekt vor. Das haben sie mit ihrer Lehrerin Karola Bakir und mit Annette Geller, die das Vermittlungsprojekt des Amazonas-Musiktheaters CAMPUS leitet, durchgeführt. Einer der Schüler, Gharib, zwölf Jahre alt, erklärt mir die bunten Plakate auf der Stellwand und zeigt mir seine Bastelarbeit mit tropischen Bäumen. Sie ist nach einem Ausflug in den Botanischen Garten von München entstanden. Yanomami auf der Schultafel
Das absolute Highlight des Projekts, so berichtet mir Gharib, war der Besuch von Dario Yanomami im Mai 2010. Dario hatte einen weiten Weg zurückgelegt. Von Demini, seinem Dorf im Regenwald unweit der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien, bis nach München. Da hat er sich die Premiere der Amazonasoper angeschaut und hat dann den Schülern der Ichoschule einen Besuch abgestattet. „Dario hatte sich extra für uns geschminkt“, erzählt Gharib. Ein Übersetzer hat übersetzt: Yanomami–Deutsch, Deutsch–Yanomami. Noch nie zuvor standen Worte auf Yanomami an der Schultafel! Die Schüler haben Dario gefragt: „Wie kann man den Regenwald schützen?“ – „Demonstrieren“, hat Dario geantwortet. „Demonstrieren, Spenden sammeln, Plakat-Aktionen veranstalten.“ Und das haben die Schüler gleich in die Tat umgesetzt.„Tiere, Früchte – und keine Autos“
Wer nicht mit dem Verkauf beschäftigt ist, spricht Passanten an und bittet sie, für eine Yanomami-Unterschriftenaktion ihren Namen auf die Liste zu setzen. „Wenn wir den Regenwald retten, retten wir auch das Klima“, sagt Gharib. Und der elfjährige Hamza, sein Mitschüler, gerät ins Schwärmen. Er würde gerne einmal selbst in den Regenwald fahren und im Gegenzug Dario und seine Freunde besuchen. „Die verschiedenen Tiere, die Natur, die Früchte – und keine Autos!“.Schminkaktion und Interviews
Anna-Franziska und Eileen, die beide elf sind, und Medina, die zwölf ist, holen sich indessen ein Stück vom Regenwald nach München. Sie haben sich eine Schminkaktion ausgedacht. Wer will, der wird in ein beliebiges Tier des Regenwaldes verwandelt. Und solange sich noch kein schminkwilliger Passant findet, schminken sich die Mädchen eben gegenseitig. Zum Beispiel als Tiger mit blauen Lippen. Die elfjährige Lidja interviewt, ausgerüstet mit einem Aufnahmegerät, die Passanten: „Welche Ideen haben Sie? Wie könnte man den Regenwald schützen?“Interviews, Unterschriften, Gebasteltes, Gemaltes, Gekochtes – an diesem Vormittag haben eine Schulklasse und ihre Lehrerin den amazonischen Regenwald nach München gebracht. Ihr Motto haben Sie mit Edding auf ein Plakat geschrieben: „Niemand begeht einen größeren Fehler als jemand, der nichts tut, nur weil er wenig tun könnte.“
Verena Hütter, August 2010














