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„Die Yanomami sind kein Volk aus der Vergangenheit“

Laymert Garcia dos Santos bei der Konferenz „Ensaios Amazônicos – Amazonische Versuche“ im Dezember 2006 in São Paulo | Foto: MW © Amazonas-Musiktheater


Was hat das Amazonas-Musiktheater den Yanomami gebracht? Wie wurde es in Deutschland rezipiert? Wie in Brasilien? Der Soziologe Laymert Garcia dos Santos über die Kultur der Yanomami, über europäische Vorurteile und brasilianische Begeisterung.


Herr Garcia dos Santos, als Professor der Soziologie beschäftigen Sie sich an der Universität Campinas in São Paulo mit dem Thema Soziologie der Technologien. Seit den 1980er-Jahren setzen Sie sich für indigene Bevölkerungsgruppen in Brasilien ein. Wie kam der Kontakt zu den indigenen Gruppen zustande? War das ein rein wissenschaftliches Interesse?

Laymert Garcia dos Santos: Zu Beginn ging es mir vor allem um die politische Arbeit. Wir setzten uns für die Gleichberechtigung und Anerkennung der Rechte der indigenen Völker ein. Später beschäftigte ich mich dann damit, wie die Schamanen mit Bildern arbeiten. Der Kontakt mit den Yanomami im Rahmen des Amazonas-Musiktheaters hat dieses Interesse noch verstärkt. Die Verbindung zwischen den Schamanen und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe eröffnete die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit zwei vollkommen verschiedenen Methoden, Bilder und Töne umzusetzen.


Sind Sie mit dem Verlauf des Amazonas-Musiktheaters zufrieden? Glauben Sie, die Situation der Yanomami hat sich durch das Projekt verändert?

Ich bin mit dem Projektverlauf sehr zufrieden, sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht. Das Amazonas-Musiktheater hat es geschafft, die Komplexität und intellektuelle Tiefe der Kultur der Yanomami ästhetisch herauszuarbeiten. Diese Art der Anerkennung ist für die Durchsetzung der politischen Ziele der Yanomami von grundlegender Bedeutung. Nach diesem Projekt wissen wir: Die Yanomami sind kein Volk aus der Vergangenheit. Vielmehr ist ihre Gesellschaft genauso komplex wie die unsere, wenn auch auf eine vollkommen andere Art.


Viele Kritiker in Deutschland waren mit dem Stück nicht zufrieden. Weshalb, glauben Sie, konnte das Amazonas-Musiktheater große Teile der deutschen Medien nicht überzeugen?

Ich kann kein Deutsch, und deshalb habe ich nur von einigen Kritikpunkten erfahren. Ich denke aber, dass ein Teil der Kritik auf typisch europäischen Vorurteilen basiert, die sich in zweierlei Hinsicht manifestiert haben. Erstens die Erwartungshaltung, die Schamanen würden selbst auf der Bühne stehen und sich selbst darstellen. Das ist vollkommen undenkbar. Kein Musikwerk, das sich ernsthaft mit der Kultur der Schamanen befasst, kann die Schamanen selbst auf die Bühne stellen. Und zweitens die Annahme, dass die Kultur der Yanomami keine zeitgenössische, sondern eine archaische Kultur sei, deren Integration und Gegenüberstellung innerhalb eines zeitgenössischen, avantgardistischen Musikprojekts an ästhetischen Kriterien scheitern muss. Die Kritik, der zweite Teil der Oper würde die Philosophie der Yanomami nur lückenhaft widerspiegeln, ist vollkommen falsch. Es hat bisher kein anderes Kulturprojekt gegeben, das über einen Zeitraum von drei Jahren einen derartig konstanten und fruchtbaren Dialog mit den Yanomami geführt hat, um ihre Vision auf der Bühne so korrekt wie möglich darzustellen.

Viele Kritiker, so scheint mir, haben auch die Dimension des dritten Teils nicht begriffen. Der Versuch von Peter Weibel und seinem Team, den Regenwald als molekulare Musik in seiner ganzen Informationsdichte in Ton und Bild zu übertragen, hat einen revolutionären Kern. Zudem wurde missverstanden, dass die im dritten Teil abgebildete Konferenz ein tragisches Element in das Musiktheater miteinbringt. Die Welt diskutiert seit langem über die Lösung zur Rettung des Regenwaldes, aber es scheint auf den unzähligen Konferenzen keinen politischen Willen zu geben, die Abholzung des Waldes aufzuhalten.


Heißt dass, Sie sind mit Ihrem Ansatz gescheitert, die Klischees über indigene Völker im Amazonas-Gebiet in den Köpfen der europäischen Zuschauer zu überwinden?

Diese Arbeit kann nur der Zuschauer selbst verrichten. Wenn das Publikum, wie in jeder zeitgenössischen, komplexen Kunstform, sich nicht die Mühe macht, das Werk zu verstehen, scheitert dieser Ansatz. In diesem Sinne waren viele Kritiker in Deutschland genau so behäbig wie die Kritiker in Brasilien, denn sie haben sich nicht ausführlich mit den Hintergründen des Amazonas-Musiktheaters beschäftigt.


Und wie waren die Reaktionen in Brasilien?

Die Reaktion der Medien war sehr enttäuschend. Es gab kaum eine ernsthafte Berichterstattung. Die brasilianischen Journalisten haben sich mit dem Thema nicht auseinandergesetzt. Viele schienen gar nicht zu verstehen, dass es sich hierbei um ein urbrasilianisches Thema handelt. Obwohl wir uns bei den Presseterminen darum bemüht haben, die ganze Geschichte des Projekts zu erzählen. Dagegen war das Publikum begeistert. Viele wollten das Musiktheater sehen, haben aber keine Karten mehr bekommen. Und ich treffe auch jetzt immer noch auf Menschen, die die Aufführungen sehr gut fanden.


Das Amazonas-Musiktheater soll auch in Manaus aufgeführt werden. Warum ist dieser Ort so wichtig für das Projekt?

Die zweipolige Vision über den Amazonas, die im Musiktheater dargestellt wird – die technisch-wissenschaftliche und die Parallelvision der Yanomami – sollte unbedingt im Amazonasgebiet präsentiert werden. Dadurch würde auch bei den dort einflussreichen Eliten die Botschaft ankommen, dass die indigene Kultur Teil unserer zeitgenössischen Kultur ist.


Sie planen gerade ein neues Projekt. Worum geht es dabei?

Ich habe die Möglichkeit bekommen, ein Forschungszentrum aufzubauen, das sich den essentiellen Fragen von Kultur und Technologie widmet, insbesondere geht es um die Verbindung von digitalen mit nicht-digitalen Kulturnetzwerken. Dabei setzen wir auch die Arbeit mit den Schamanen der Yanomami fort, die wir im Rahmen des Amazonas-Musiktheaters begonnen haben.


Laymert Garcia dos Santos
ist Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Campinas in São Paulo. Er wurde 1948 in São Paulo geboren. Er studierte Journalismus, Soziologie, Informations- und Dokumentationswissenschaften in Rio de Janeiro und Paris. Er habilitierte an der Universität Campinas, wo er auch seine akademische Laufbahn als Assistant Professor in der Fakultät für Erziehungswissenschaften begann. Ein Forschungsschwerpunkt in Laymert Garcia dos Santos‘ Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der indigenen Bevölkerung des Amazonasgebietes, für die er sich auch politisch engagiert.
Das Gespräch führte Tilo Wagner.

November 2010

     

    „Es ist uns gelungen, die Komplexität und intellektuelle Tiefe der Kultur der Yanomami ästhetisch herauszuarbeiten.“