Amazonien

Die Yanomami und der Wald

Die Yanomami und der Wald, Aufnahme aus dem Amazonasgebiet in der Gegend von Watoriki, Roraíma/Brasilien | © ZKM, Foto: Moritz Büchner


Der Wald ist Davi Kopenawa mehr als ein teilnahmsloses Szenario. Er ist ihm und seinem Stamm Lebensraum und Religion. Unermüdlich kämpft er seit Jahren für den Erhalt des Regenwaldes, der laut Yanomami-Glaube menschlichen und nichtmenschlichen Wesen Obhut bietet. Von Bruce Albert


Die Yanomami sind eine indigene Gesellschaft von Jägern, Sammlern und Bauern im Norden Amazoniens. Sie bilden eine große Sprach- und Kulturgemeinschaft und besiedeln eine Region von insgesamt circa 192.000 Quadratkilometern auf beiden Seiten der Grenze zwischen Brasilien und Venezuela.

Ihre Bevölkerung beträgt heute schätzungsweise 33.000 Menschen, von denen circa 15.500 auf brasilianischer Seite leben, verteilt auf etwa 250 Dörfer entlang der linken Nebenflüsse des Rio Branco, im Westen des Bundesstaats Roraima, und des Rio Negro, im Norden des Bundesstaats Amazonas. Die Demarkation des Indianergebiets der Yanomami in Brasilien fand 1991 statt und wurde 1992 homologiert. Somit wurde diesem Volk die exklusive Nutzung einer zusammenhängenden Fläche von insgesamt 96.650 Quadratkilometern garantiert.

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„Die Yanomami lassen Bilder entstehen und setzen sie mittels Choreografien, Gesängen und der Einnahme von Drogen in Bewegung.“ (Bruce Albert)


Zur Zeit des Goldrauschs in Roraima zwischen 1987 und 1990 starben zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung der Yanomami aufgrund der Krankheiten und der Gewalt, welche mit dem Eindringen von etwa 40.000 Goldschürfern in ihren Lebensraum einhergingen. Diese Tragödie rief bei Davi Kopenawa Yanomami die Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit wieder wach, während der sein Stamm durch zwei Epidemien dezimiert wurde (1959 und 1967), die unmittelbar nach den ersten Kontakten der Yanomami mit der brasilianischen Dienststelle zum Schutz der Indianer und mit Missionaren ausbrachen.

Davi Kopenawa – unermüdlicher Verteidiger der Yanomami

Davi Kopenawa begann bereits 1983 mit dem Kampf für die Demarkation des Yanomami-Landes. Während der tragischen Vorfälle durch die Invasion der Goldsucher Ende der Achtzigerjahre wurde er zum wichtigsten Sprachrohr der Sache der Yanomami und in Brasilien und weltweit zu einem der bekanntesten indigenen Anführer. Er besuchte die USA und mehrere Länder Europas und erlangte zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen aufgrund seines Einsatzes für die Umwelt und dank seiner Fähigkeit, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung des Wissens und der Werte der traditionellen Völker zu schärfen.

Davi Kopenawa Yanomami beim Besuch des ZKM am 4. Mai 2008 | © Amazonas-MusiktheaterDavi ist heute einer der einflussreichsten Mitglieder seiner Dorfgemeinschaft Watoriki in der Serra do Vento (Amazonas) und ein angesehener Schamane. Er ist weiterhin ein unermüdlicher Verteidiger des Landes und der Rechte der Yanomami sowie ein anspruchsvoller Hüter der Traditionen seines Volks, insbesondere des xapirimu genannten Schamanismus, einer der Grundlagen seiner Kosmologie.

„Urihia“ – die Erde und der Wald

Das Wort urihi a bezeichnet bei den Yanomami sowohl die Erde wie den Wald. Yanomae thëpë urihipë bedeutet „Erde-Wald der Menschen“. Das ist das Land, den Omama, der Erschaffer der Welt und der Yanomami-Gesellschaft, diesem Volk übergab, um es von Generation zu Generation zu besiedeln und zu beschützen, und zwar mithilfe der xapiripë, der Geister-Bilder der Urwesen, die von den Schamanen zum Tanzen gebracht werden, um die Ordnung auf der Welt zu erhalten und die Menschen zu heilen.

Für die Yanomami ist der Wald also keineswegs ein teilnahmsloses Szenarium, bloßes Objekt einer wirtschaftlichen Ausbeutung, sondern ein lebendiges Wesen, beseelt durch eine komplexe Dynamik des Austauschs zwischen den verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen, sichtbaren und unsichtbaren Wesen, die es bewohnen.
Bruce Albert
ist Anthropologe und Forschungsdirektor am Institut de Recherche pour le Développement in Marseille.

     

    „Für die Yanomami ist der Wald ein lebendiges, beseeltes Wesen.“