Amazonien

Die Yanomami bringen den Amazonas in die Oper

© Leandro Lima/Divulgação


„Ein Bildregister an Blättern, Lichtern, Farbe und Wasser“ – die brasilianische Journalistin Stella Senra über ihre Reise ins Urwalddorf Demini.

Mitte des vergangenen Monats April kamen vier deutsche Journalisten in das Yanomami-Dorf Watoriki im Bundesstaat Roraima: Claus Spahn von der „Zeit“, Helmut Mauró von der „Süddeutschen Zeitung“, Susanne Burkhardt von der „Deutschen Welle“ und Jörg Lemmer vom Fernsehsender „Arte“. Ihr Ziel war es, das Volk kennenzulernen, das in der Oper „Amazonas – Musiktheater in drei Teilen“ eine herausragende Rolle einnimmt. Die Oper wurde am 8. Mai 2010 in München uraufgeführt; im Juli 2010 wird die Oper in São Paulo aufgeführt.

Die Musikkritiker waren neugierig auf die Teilnahme eines indigenen Stammes an einer Oper, die als europäischer Musikstil par excellence gilt. Sie wollten wissen, wie die Indianer in das zeitgenössische Projekt eingebunden wurden, das zudem einen experimentellen Anspruch hat.

Der französische Anthropologe Bruce Albert, der seit 20 Jahren den Stamm der Yanomami erforscht, war der Übersetzer für die Ausländer und 165 Indianer, von denen nur wenige Portugiesisch sprechen. Die Sprache war aber nicht nur Barriere für Weiße und Yanomami: In der Gruppe sprachen zwei Brasilianer Englisch und Französisch, aber niemand Deutsch; ein fünfter Deutscher sprach portugiesisches Portugiesisch und ein Journalist sprach Französisch. Ohne eine gemeinsame Sprache zu haben, sprachen die Weißen Englisch, und in diese Sprache wurde auch das Indianische übersetzt.

Ein derartiges linguistisches Problem ist bei anthropologischen Exkursionen keine Seltenheit. In unserer globalisierten und durch Hochtechnologien angetriebenen Welt entsteht aber auch in anderen Situationen immer häufiger ein Aufeinandertreffen von kultureller und linguistischer Diversität.

Tatsächlich ist dieses kleine Abenteuer eine Art von Konvergenzpunkt ...

Amazonas Video Blog – Vorbericht | © Jörg Lemmer/ARTE Tatsächlich ist dieses kleine Abenteuer eine Art von Konvergenzpunkt, der auf beispielartige Weise sowohl in der Musik als auch im Journalismus den Widerhall dieser großen Veränderungen der zeitgenössischen Zeit zu vereinen weiß.

Von seiner Konzeption bis zum Aufführungsformat umfasst das musikalische Schaffen heutzutage eine riesige Menge von nicht unbedingt musikalischen Elementen – und genau deshalb müssen unsere Experten, die in Europas höchsten musikalischen Traditionen ausgebildet worden sind, die Konzertsäle verlassen, um sich im Urwald zu verkriechen. Aber auch das journalistische Arbeiten hat sich durch die Globalisierung und die technologische Wende der vergangenen 20 Jahre verändert.

Diese Umstände hat auch den Musikredakteur Claus Spahn, einen unserer Reisenden, veranlasst, sich nicht etwa als Musikkritiker, sondern als Musikjournalist zu verstehen. So wie er eine Reportage über die Yanomami schreibt, reiste er auch schon nach Zentralafrika und hörte die Musik der Pygmäen, die György Ligeti, einen der herausragenden Komponisten des 20. Jahrhunderts inspirierte. Die Veränderungen im Journalismus haben Jörg Lemmer vom deutsch-französischen TV-Sender „Arte“ dazu gebracht, außerhalb seiner traditionellen TV-Reportage einen Blog zu erstellen, der bis zur Uraufführung aktiv war, und in dem er seine Erkenntnisse anhand einer fiktiven Person darlegt, die etwas naiv und zerstreut scheint und sich etwa mitten in São Paulo auf die Suche nach den Yanomami begibt oder sich in der Wasserfurche des Indianerdorfes ungelenk zu baden versucht.

Brutstätte für Veränderungen

Amazonas Video Blog – 1. Eintrag: São Paulo | © Jörg Lemmer/ARTE Die Amazonas-Oper ist zudem Brutstätte von Veränderungsprozessen. An der Oper sind Künstler aus verschiedenen Teilen der Welt beteiligt (außer Brasilianern und Deutschen gibt es eine Gruppe von Portugiesen, Österreichern, einen Schweizer und einen Engländer); und es werden qualitativ hochwertige Ton- und Digitalbild-Techniken verwendet, damit das Zusammentreffen der verschiedenen Universen, zwischen dem Traditionellen und dem Zeitgenössischen, den Yanomami und europäischen und brasilianischen Künstlern, zustande kommt. Dabei wird Bezug genommen auf eine Figur und auf ihr tragisches Schicksal: der Regenwald und die Bedrohung seiner Zerstörung.

Eine Figur von derartigem Ausmaß hat „eine Oper verdient“, wie man zu sagen pflegt. Das Thema ist jedoch nicht nur von großem Interesse in einer Zeit, in der sich die Klimaprobleme vervielfachen, und in der die aktuellsten Tendenzen in die Welt der Musik miteinfließen: das Werk versucht auch die neuen Potenziale digitaler Bilder und Klänge auszureizen.

Eigentlich ist es das, was die Deutschen „Musiktheater“ nennen und in diesem Fall eine Multimedia-Oper ist. Frei von den strengen Formen des Genres Oper, damit verschiedene Materialien und technische Hilfsmittel eingesetzt werden können, wie etwa Bild und elektronischer Klang.

Deshalb haben die sensiblen Mikrophone der Komponisten und Tontechniker bei den Arbeitsaufenthalten in Watoriki nicht nur den Gesang der Schamanen aufgenommen, sondern auch den Klang des Regenwaldes, den Wind, den Regen, die Sprache des Volkes. Sie sind in Ameisenhaufen eingedrungen, haben Geräusche von Tieren und Vögeln aufgezeichnet, während die Kameras bewusst darauf verzichteten, die abgetragenen, folkloristischen Bilder aufzunehmen, um stattdessen ein minutiöses Bildregister von Blättern, Lichtern, Farbe und Wasser zu schaffen. So wurden Bilder erstellt, die fern der bloßen Darstellung oder augenscheinlichen Verbindung von Ton und Bild liegen.

Wie alles anfing

Amazonas Video Blog – 2. Eintrag: São Paulo + Manaus | © Jörg Lemmer/ARTE Der Ideengeber des Projekts, Joachim Bernauer, erzählt, dass er im Jahr 2006, als er Programmleiter am Goethe-Institut in São Paulo war, ein Treffen mit dem Künstler José Wagner Garcia hatte, der ihm vorschlug, in Manaus eine kleine Multimedia-Oper über den Amazonas zu schaffen. Da sich Joachim Bernauer der Komplexität der geologischen, anthropologischen, ethnographischen, ökologischen, klimatologischen und biologischen Fragen bewusst war, die diese Region aufwirft, lud er den Universitätsprofessor und Soziologen Laymert Garcia dos Santos ein, um konzeptionelle Grundlagen zu schaffen und die Themen zu definieren, auf die sich die Multimedia-Oper konzentrieren sollte. Laymert hat den Amazonas jahrzehntelang im Austausch mit indigenen Gesellschaften kennengelernt und ist mit der sozio-ökologischen Thematik vertraut. Er brachte, nach Joachim Bernauers Ansicht, zudem den großen Vorteil mit, die Gesellschaftsveränderungen im Medienzeitalter erforscht zu haben und ein Kenner der zeitgenössischen Kunst zu sein.

Der neue Ansatz und die radikale Herangehensweise des formulierten Projektes weckte über das Goethe-Institut hinaus das Interesse von Kooperationspartnern wie der Münchner Biennale, die sich, geleitet von Peter Ruzicka, experimentierfreudig gibt, dem ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in Karlsruhe, geleitet von Peter Weibel, dem SESC (Sozialeinrichtung des Handels in São Paulo), geleitet von Danilo Miranda, das Erfahrung hat mit kulturellen Darbietungen verschiedener Herkunft, inklusive indigenen Ursprungs. Dieser Gruppe gehört auch die Vereinigung Hutukara der Yanomami in Boa Vista an, der Davi Kopenawa aus dem Dorf Watoriki vorsteht – ein indigenes Oberhaupt, das weltweit bekannt ist. Dadurch wurde die Zusammenarbeit zwischen der indigenen Kultur und weißen Wissenschaftlern und Künstlern möglich. Und das war es auch, was das große Interesse von uns Journalisten geweckt hat.

Die gesamte deutsche Presse sollte dieses Interesse widerspiegeln: In der Woche der Uraufführung und in den darauffolgenden Tagen publizierten deutsche Zeitungen Artikel über die Yanomami: die „Zeit“ – zwei ganze Seiten mit Fotos; und die „Süddeutsche Zeitung“ aus München zwei lange Artikel. Auch das Radio „Deutsche Welle“ widmete den Yanomami eine Sendung , und der Fernsehsender „Arte“ zeigte am Tag der Premiere eine Reportage von Jörg Lemmer aus dem Dorf von Davi Yanomami. Das Interesse des Publikums war nicht geringer: Die Eintrittskarten für die fünf Aufführungen der Oper waren schnell vergriffen.

Vier Jahre Vorbereitung

Amazonas Video Blog – 3. Eintrag: Ankunft in Demini | © Jörg Lemmer/ARTE Die Konzeption und Vorbereitung des Werkes hat vier Jahre gedauert. In dieser Zeit sind Vertreter der fördernden Institutionen, Autoren und Teilnehmer in das Dorf Watoriki gereist, um die Yanomami, ihren Lebensalltag und ihre Kultur kennenzulernen. Das brasilianische Team, inklusive der Yanomami, besuchte München und das ZKM, wo die Schamanen in Kontakt mit medialer Hochtechnologie traten. In einem Seminar, das in São Paulo stattfand, konnten die deutschen Partner den Ansichten von Wissenschaftlern, Künstlern und politischen Aktivisten folgen, die sich mit dem Amazonas beschäftigen.

Neben dieser gemeinsamen Arbeit wurde eine Studie (außerhalb und innerhalb Brasiliens) durchgeführt, in der die Vertreter der Hauptkräfte zu Wort kamen, die sich auf der Bühne des Amazonas gegenüberstehen. Die Studie vereint die wissenschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Diskurse in einer verdichteten Form, aus denen dann einige Figuren der Oper entstanden.

Amazonas Video Blog – 4. Eintrag: Yanomami-Runddorf Demini | © Jörg Lemmer/ARTE Laymert Garcia dos Santos wollte, dass die Kultur und Technologie der Yanomami auf gleicher Augenhöhe mit der Welt der Weißen in die Oper integriert wird – in einem letztendlich transkulturellen Projekt. Deshalb schlug er die Mitarbeit von Bruce Weber vor, dessen große Kenntnis und Freundschaft zu diesem Volk (sichtbar in seinem großartigen Buch, das er mit Davi Kopenawa geschrieben hat, „La Fumée du Métal – Paroles d’un Chaman Yanomami – Amazonie Brésilienne“, und das im November 2010 in Paris vorgestellt wird) entscheidend war, um die Rolle der Indianer in der Oper zu definieren.

Diese Zusammenarbeit machte auch die Kosmologie der Yanomami kenntlich und schuf Zugang zum Wissen, das dieses Volk über die Urwald-Erde hat, die die zentrale Figur der Oper ist.

Andererseits spiegelt sich in dem Werk auch die Überzeugung wider, dass die Yanomami ein außerordentlich anspruchsvolles Wissen über das Virtuelle haben und eigenständige Techniken entwickelt haben und diese mit Hilfe des Schamanismus zugänglich machen. Durch die Suche nach verschiedenen Formen, wie die Kräfte des Virtuellen aktualisiert werden können, arbeiteten Komponisten und Künstler den Kontrast zwischen schamanischem und technisch-wissenschaftlichem Audiovisuellen der Oper heraus.

Die Oper, Teil 1: „Tilt“

Die Oper besteht aus drei Teilen. Für den ersten Teil „Tilt“ hat Klaus Schedl die Musik komponiert und Roland Quitt das Libretto verfasst anhand eines Briefes, den Sir Walter Raleigh der Königin Elizabeth I. über die Expedition nach Guaiana schrieb. Dieser Bericht, der eine Art Prototyp des europäischen Denkens über die Kolonisierung und Inbesitznahme des Landes ist und vom ersten Treffen mit dem Eldorado erzählt, wird nicht im eigentlichen Sinne aufgeführt, sondern anhand von drei großen Leinwänden wie in einer großen Installation aufgegriffen. In den Schlussworten der Schauspieler, die wie in einer Anbetung oder wie in einem Delirium vorgetragen sind, werden die Worte der Eroberer wiederholt.

Teil 2: „Der Einsturz des Himmels“

Im zweiten Teil transformiert sich die Bühne zu einem amazonischen Regenwald, der durch Bilder geschaffen wird und durch den die Zuschauer hindurchlaufen können. Unter dem Titel „Der Einsturz des Himmels“ nimmt dieser Teil die Perspektive der Yanomami von der Zerstörung des Amazonas auf: Gemäß des Mythos sind es die Schamanen, die den Himmel mit Hilfe ihrer Gesänge stützen. Doch Schawara, ein Rauch, der aus dem Edelmetall strömt, wenn die Weißen das begehrte Material Gold aus dem Boden heben, verbreitet Epidemien, zerstört die Regenwald-Erde und die Schamanen. Mit dem Ende des Gesangs stürzt der Himmel über die Erde ein, Ausdruck für eine Art von Apokalypse.

Der brasilianische Komponist Tato Taborda und der Librettist Roland Quitt sowie die Multimediakünstler Leandro Lima und Gisela Motta haben Musik und Bilder geschaffen, die neben dem Konflikt Schamane gegen Schawara auch die Gegenwart von anderen Figuren aufgreifen: Ein Politiker, ein Missionar und ein Wissenschaftler, die die Expedition von Schawara bis zur Zerstörung aller fördern.

Teil 3: „Amazonas-Konferenz“

Im dritten Teil „Amazonas-Konferenz. In Erwartung der Tauglichkeit einer rationalen Methode zur Lösung des Klimaproblems“ greifen Ludger Brümmer (Komponist) und Peter Weibel (Medienkünstler und Leiter des ZKM) anhand von digitalen Klängen und zerstückelten Bildern die Thematik der Zerstörung des Regenwaldes auf und beleuchten sie aus einer technisch-wissenschaftlichen Perspektive. Die Bühne verwandelt sich in eine internationale Konferenz, in der ein Schamane, ein Ökonom, ein Politiker und ein Wissenschaftler die wissenschaftliche Information und Zukunftsprognosen für den Amazonas mit Hilfe des Gesanges, des Gesprächs und der Elektronik diskutieren.

Die Musik besteht aus einer molekularen Komposition, das heißt einer Vertonung von Informationen, die aus dem Regenwald stammen, und mit Hilfe von Algorithmen über das „Spiel des Lebens“ rekonfiguriert und synästhetisch durch die Projektion auf weiße Würfel visualisiert werden. Die Würfel funktionieren wie konstruktive Blöcke der Biodiversität. Wie schon im schamanischen Experiment bestimmt der Klang das Erscheinen des Bildes: Die Konferenzteilnehmer lösen die Bilder durch ihre Bewegungen auf dem Konferenztisch aus und projezieren sie auf eine Leinwand, wie in einer komplexen Datenshow.

Zum Schluss werden die Informationsketten der Bio- und Sozio-Diversität zerstört. Damit wird auch im technisch-wissenschaftlichen Plan das wieder aufgegriffen, was im zweiten Teil „Der Einsturz des Himmels“ in einem mythischen Plan vorhergesehen war. Die Schauspieler nähern sich mit kleinen Bildschirmen dem Zuschauerraum, auf denen Bilder von den Zuschauern auftauchen, die im Verlauf des zweiten Teils aufgenommen wurden. So sollen die Zuschauer am Ende sich selbst begegnen.
Stella Senra

Die brasilianische Journalistin hat im April 2010 eine Reisegruppe mit Journalisten und Amazonas-Projektbeteiligten ins Urwalddorf Demini begleitet.


Dieser Text erschien erstmals am 18. Mai 2010 auf dem brasilianischen Internetportal „Trópico“.

Übersetzung: Tilo Wagner
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„Eine Figur von derartigem Ausmaß hat eine Oper verdient“