Musiktheater

Waldgesänge – Tato Taborda im Interview

Tato Taborda bei den Proben für den zweiten Teil des Amazonas-Musiktheaters „Der Einsturz des Himmels“ im Januar 2010 in Lissabon | Foto: Michael Scheidl


Tato Taborda hat den Regenwald bereist. Bevor in Lissabon die ersten Proben stattfanden, hat der brasilianische Komponist mit Schamanen und mit Anthropologen gesprochen, von tierischen Doppelgängern erfahren, dem Klang der Yanomami-Flöte und dem Gesang des Regenwalds gelauscht. All das ist eingeflossen in seine Komposition von „Der Einsturz des Himmels“, dem zweiten Teil der Amazonas-Oper.

Herr Taborda, das große Thema im zweiten Teil der Oper ist der Regenwald. Wie klingt der?

Tato Taborda: In der Klangwelt des Regenwaldes herrscht eine unglaublich reiche Polyphonie. Jedes Wesen sendet ein Signal in einer bestimmten Frequenz aus und ergänzt damit die Signale der anderen Spezies. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn alle ein ähnliches Signal ausstrahlen würden. Im Bestreben, ihre Gene weiterzugeben, würden sie versuchen, die Signale der anderen Wesen, die ihrer direkten Wettbewerber und anderer Spezies, zu übertönen. Dadurch entstünde ein unfruchtbarer Energieverlust, der die Spezies in ihrem Fortbestand bedrohen würde. Deshalb ist über Generationen hinweg ein „taktisches Abkommen“ geschlossen worden, um die Entwicklung einer bio-akustischen Orchestrierung voranzutreiben, durch die jedes Wesen im Kontext einer unvorstellbaren Vielfalt Gehör findet.

Amazonasgebiet in der Gegend von Watoriki, Roraíma/Brasilien | © ZKM, Foto: Moritz Büchner/Hutukara Associação Yanomami

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen Klänge aus dem Regenwald. Aufgenommen von Moritz Büchner im Sommer 2008 in Demini (MP3, 00:37 Minuten)


Wie übersetzen Sie diesen Wald-Klang in Musik? Welche Instrumente setzen Sie ein?

Es kommen sechs Metallinstrumente zum Einsatz: zwei Trompeten, zwei Hörner, eine Posaune und eine Tuba. Außerdem diverse Perkussionsinstrumente und zwölf Holzbläser, die in Anlehnung an die Flöten der Yanomami, die „Purunuma Usi", aus unterschiedlichen Materialien in verschiedenen Registern extra für die Oper gebaut wurden.

Gibt es Yanomami-Musik, die Sie zu Ihrer Komposition inspiriert hat?

Mich hat weniger die Musik der Yanomami inspiriert als vielmehr der Klang der Stimmen der Schamanen, der in ihren kräftigen Kehlen entsteht. Dieser Klang ist ein wesentlicher Bestandteil der Kultur der Yanomami.

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen Der Klang der Stimme eines Schamanen. Aufgenommen von Moritz Büchner im Sommer 2008 in Demini (MP3, 01:50 Minuten)


Wie vermitteln Sie dem Publikum den Klang des Waldes?

Der Konzertsaal wird aussehen wie ein gigantisches Labyrinth. Es ist eine Metapher für den Regenwald und für das Gehirn des Schamanen. Dieses Labyrinth wird durch ein Netzwerk von 24 Lautsprechern beschallt, die über den ganzen Raum verteilt sind. So wird das Gefühl einer Allseitigkeit geschaffen, das sich mit dem vergleichen lässt, was man im Regenwald erfährt.


Wie viele Sänger treten auf?

Es treten zwei Vokalkünstler auf. Sie stellen den Schamanen und seine Gegenspielerin Xawara dar. Xawara ist der böse Geist der Epidemien. Die Yanomami bringen ihn mit den giftigen Gegenständen und Gewohnheiten des weißen Mannes in Verbindung.

Sie haben für die Oper den Glauben der Yanomami übernommen, dass jeder Mensch ein bestimmtes Tier verkörpert. Die Sopranistin Katia Guedes etwa tritt als Wissenschaftler auf repräsentiert gleichzeitig eine Ameise. Wie stellen die Yanomami fest, wer welches Tier in sich trägt?

Die Yanomami sind sehr scharfe Beobachter. In wenigen Sekunden finden sie heraus, welches Tier der Doppelgänger des jeweiligen Menschen ist. Dabei stützen sie sich nicht nur auf dessen äußeres Erscheinungsbild, sondern auf sein Verhalten und andere Zeichen, die unseren Augen, die dafür nicht sensibilisiert sind, entgehen. In der Oper haben wir die tierischen Doppelgänger unserer Figuren ebenfalls nicht anhand physischer Aspekte ausgesucht, sondern nach dem Charakter, den sie in dem Stück verkörpern.

Sie haben viel recherchiert, waren auf Reisen im Regenwald und haben die Yanomami besucht, bevor im Januar 2010 in Lissabon schließlich die ersten Proben stattfanden. Was von dem, was Anthropologen und Yanomami sie gelehrt haben, hat Sie am meisten beeindruckt?

Ich habe gelernt, dass die Tätigkeit des Schamanen höchsten Technologiestandards entspricht. Ein Schamane hat die Möglichkeit, durch bestimmte Rituale Einblick in einen alles umfassenden spirituellen Plan zu erhalten. Was er während des Rituals sieht und hört, kann er in einer Art Download auf seinen eigenen Körper übertragen und es durch Ausdruck und Bewegung und Gesang den anderen mitteilen. Das hat mich am meisten beeindruckt.

Jeder Mensch besitzt einen tierischen Doppelgänger | Foto: Joachim Bernauer © Amazonas-Musiktheater/Hutukara Associação Yanomami

„Der Einsturz des Himmels“ heißt der zweite Teil der Oper nach dem Libretto von Roland Quitt, den Sie komponiert haben. Was meint der Titel?

Der Titel zielt auf die endgültige Katastrophe ab, die eintritt, wenn der physisch-mythische Raum des Regenwaldes vollends zerstört und die letzte und einzige Kraft, die die Zerstörung hätte aufhalten können, der Yanomami-Schamane, getötet wurde.

Wie eng war Ihre Zusammenarbeit mit Roland Quitt, dem Librettisten?

Unsere Zusammenarbeit war sehr intensiv. Es ist uns gelungen, gemeinsam eine Dramaturgie zu entwickeln, die von der Kosmologie und der Gedankenwelt der Yanomami inspiriert ist, ohne dabei jedoch auf die äußere Erscheinung zu verweisen. Es soll bloß niemand Indianerfedern auf der Bühne erwarten!


Tato Taborda | Foto: Michael ScheidlTato Taborda, 1960 geboren, lebt in Rio de Janeiro. Er studierte unter anderem bei Hans-Joachim Koellreutter, Esther Scliar und belegte Kurse in Neuer Musik Lateinamerikas. Tato Taborda stellte seine kompositorischen Arbeiten auf verschiedenen internationalen Festivals für Neue Musik vor, den Donaueschinger Musiktagen, dem Festival für aktuelle Musik MaerzMusik oder dem Résonance Contemporaine. In Brasilien kuratierte er mehrere Festivals für Neue Musik, etwa 1995 Música de Invenção, 1999 Fronteiras und 2002 Diálogos. 2004 promovierte der brasilianische Komponist im Forschungsfeld Bioakustik und polyphone Strategien.
Das Gespräch führte Verena Hütter im März 2010.
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„Im Regenwald findet jedes einzelne Wesen im Kontext einer unvorstellbaren Vielfalt Gehör.“