Arbeiten

Ohne Papiere geht (fast) gar nichts

Jana HermsenLynda Cromwell und Jan Jerzewski vor der Weltkarte. Die Stecknadeln markieren Standorte, an denen ihre Klienten ausgebildet wurden. Foto: © Janika RehakDie Aufnahme einer Arbeit erleichtert die Integration von Migranten ungemein. Viele haben in ihren Herkunftsländern eine Ausbildung absolviert und Berufserfahrung gesammelt. Damit sie auch in Deutschland in ihrem Job arbeiten können, müssen sie ihre Abschlüsse anerkennen lassen. Doch mit einem kurzen Stempel ist der Prozess meist nicht erledigt. Ein Besuch bei der Anerkennungsberatung für ausländische Bildungsabschlüsse in Bremen.

Schon für einen Muttersprachler kann ein Besuch auf dem Amt eine Herausforderung sein. Damit die Migranten zwischen Paragraphen und Papierkram nicht den Überblick verlieren, bieten viele Bundesländer kostenlose Unterstützung und Beratung an. In Bremen und Bremerhaven sind dafür Lynda Cromwell und Jan Jerzewski zuständig. Trotz einer engen Deadline, obendrein kurz vor Jahresende, wenn sich ohnehin überall die Termine häufen, kann ich kurzfristig einen Interview ergattern. Auch lange Schlangen in unpersönlichen Warteräumen sind nirgendwo zu sehen. Obendrein habe ich Glück, beide Berater zusammen zu erwischen. Ich treffe auf zwei freundliche, motivierte Menschen, die engagiert und anteilnehmend über ihre Arbeit und ihre Klienten erzählen.

Je spezialisierter, desto schwerer zu vermitteln?

Die Entscheidung, ob ein Berufsabschluss anerkannt wird oder nicht, folgt in Deutschland einem genau festgelegten Kriterienkatalog. Dennoch kann der Einzelfall recht kompliziert sein: Welche Qualifikation bringt der oder die Betreffende mit, welche Berufserfahrung, welche Weiterbildungen? Und wo gibt es Entsprechungen zum deutschen Arbeitsmarkt? Denn natürlich wollen spätere Arbeitgeber so genau wie möglich wissen: Was können sie von dem Bewerber erwarten?

War ein Klient in seiner Heimat beispielsweise als Koch tätig und kann entsprechende Referenzen vorweisen, dann ist die Anerkennung oft unproblematisch. Der Klient hat, sobald der Papierkram erledigt ist, gute Chancen, eine Anstellung in seinem Beruf zu finden. Dennoch müssen eventuelle Abstriche gemacht werden. Den Beratern ist es wichtig, keine unrealistischen Erwartungen in ihren Klienten zu wecken: „Es kann durchaus sein, dass sich der ehemalige Chefkoch eines Sterne-Restaurants zu Anfang mit der Arbeit in einer Kantine begnügen muss“, sagt Jerzewski.

Hat sich ein Ratsuchender hingegen auf chinesisches Steuerrecht spezialisiert oder auf polnische Literatur des 15. Jahrhunderts, könnte es etwas schwieriger werden, rasch einen passenden Job zu finden. Doch auch hier ermutigen die Berater dazu, optimistisch zu bleiben und sich umzuschauen. Denn eine Nische kann auch eine Chance sein.

Und wenn es den Beruf in Deutschland gar nicht (mehr) gibt?

Ab und zu werden Cromwell und ihr Kollege mit einem Beruf konfrontiert, der auf dem deutschen Arbeitsmarkt gar nicht existiert. So ist der Beruf des Feldschers (Ersthelfer in Militärlazaretten) in Deutschland vor allem Lesern historischer Romane bekannt, in Russland hingegen existiert diese Tätigkeit nach wie vor als anerkannter Beruf.

Was also tun mit dem hochmotivierten Feldscher, für den es in Deutschland aber einfach keinen Job gibt, der deckungsgleich mit seiner alten Tätigkeit ist? „Wichtig ist vor allem, den Menschen nicht zu entmutigen“, so Cromwell. „Zunächst wird geschaut, welche Fähigkeiten er mitbringt“, ergänzt Jerzewski, „und ob diese beispielsweise für eine Teilanerkennung als Krankenpfleger/in ausreichen oder in einer weiteren Ausbildung angerechnet werden können. In der Regel sind in dieser Situation Weiterbildungen nötig.“ Die Vorstellung des Ratsuchenden von seiner beruflichen Zukunft zählt natürlich auch: „Es geht nicht nur darum, was jemand kann, sondern auch, was er möchte“, betont Cromwell. „Wenn jemand schon den Aufwand einer Weiterbildung betreiben muss, vielleicht möchte er dann gleich ein ganz neues Berufsfeld erforschen.“

„Mit nur einem Besuch bei uns ist es in den meisten Fällen nicht getan“, so Jerzewski. Nach dem Erstgespräch und der Verständigung über die Ziele der Anerkennung geht es buchstäblich an den Papierkram. Zeugnisse, Referenzen, Belege über mögliche Weiterbildungen oder Berufserfahrung müssen zusammen getragen werden. Sind alle Dokumente da, werden diese zur Prüfung eingeschickt. Danach heißt es: Warten.

Was tun, wenn die Papiere weg sind?

Wer seine Einreise nach Deutschland in Ruhe durchplanen konnte, hat meist keine Schwierigkeiten, die Papiere einzureichen. Fehlt noch etwas, wird im Zweifelsfall die Familie in der Heimat gebeten, das Fehlende nachzusenden, auch ehemalige Arbeitgeber oder Universitäten sind hier oft kooperativ, weiß Jerzewski aus Erfahrung: „Dann zieht sich das Anerkennungsverfahren zwar in die Länge, doch alles geht seinen Gang.“

Bei manchen Flüchtlingen ist dies jedoch nicht so einfach. Wer seine Heimat überstürzt verlassen musste, der hatte mitunter gar keine Zeit, alle Papiere einzupacken oder diese sind auf dem Weg verloren gegangen. Was dann? Kein Krankenhaus stellt einen Herzspezialisten ohne Papiere ein, keine Baufirma überlässt einem Unbekannten die Planung eines Mehrfamilienhauses, nur weil dieser hoch und heilig schwört, er sei ein ausgebildeter Ingenieur mit jahrelanger Berufserfahrung.

Häufig sitzen derzeit Ratsuchende aus Kriegsgebieten bei Cromwell oder Jerzewski auf dem Stuhl, berichten eifrig und in schon sehr solidem Deutsch von ihrer Berufsqualifikation – doch zucken bei der Frage nach Dokumenten nur ratlos mit den Schultern. Kontaktanfragen bei zuständigen Ämtern in der Heimat bringen dabei kaum Ergebnisse, berichtet Jerzewski: „Manchmal existieren diese Ämter gar nicht mehr, zumindest nicht in ihrer ursprünglichen Form.“

Doch auch dann ist die Lage nicht hoffnungslos. Fachgespräche, Arbeitsproben oder ganze Prüfungen können hier eine Perspektive bieten, wenn zum Beispiel eine Fächer- und Notenübersicht fehlt. Doch: „So ein Verfahren ist langwierig und im Gegensatz zu unserer Beratung nicht umsonst“, so Jerzewski. „Die Kosten müssen die Antragsteller selbst tragen. Die Summen können für einige abschreckend sein.“

„Sprache ist das A und O“

Je mehr Kundenkontakt ein Arbeitnehmer hat, desto mehr werden Sprachkenntnisse erwartet. Ein Kinderarzt kann eine echte Koryphäe auf seinem Gebiet sein, doch das nützt ihm wenig, wenn er seine Patienten nicht versteht. „Sprache ist das A und O“, findet Cromwell. „Sie ist das Medium, über das Menschen einen Kanal zueinander finden. Und das gilt nicht nur für den Arbeitsmarkt.“ Berührungsängste mit Migranten, glaubt Cromwell, wurzeln häufig in der Befürchtung, mit diesen Menschen nicht kommunizieren zu können: „Ohne Kommunikationsmöglichkeit endet es oft mit Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Ist aber eine Verständigung machbar, dann ist die erste Hürde schon genommen.“ Jerzewski ergänzt: „Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, sind bereit, sich die Sprache anzueignen oder beherrschen sie bereits.“

Wenn die Dokumente auf dem Weg sind, beginnt für die Antragsteller die Wartezeit. „Sie leben ihr Leben weiter. Sie besuchen weiter ihre Sprachkurse, pflegen das Familienleben, jobben oder engagieren sich ehrenamtlich.“ Und natürlich schauen sie häufig und hoffnungsvoll in den Briefkasten. „Unsere Erfahrung ist“, so Jerzewski, „dass es den meisten mit der Anerkennung gar nicht schnell genug gehen kann.“

Anerkennungsberatung von Personen mit ausländischen Berufsabschlüssen:

Beratung in der Arbeitnehmerkammer Bremen
Bürgerstraße 1
28195 Bremen
Tel.: (0421) 36 301 954

Beratung im afz (Arbeitsförderungs-Zentrum)
Erich-Koch-Weser-Platz 1
27568 Bremerhaven
Tel.: (0471) 983 995 4
Fax: (0471) 983 992 0
E-Mail: anerkennung@arbeit.bremen.de | Internet: www.arbeit.bremen.de

Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Am 1. April 2012 ist das „Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen“ in Kraft getreten. Mit dem Anerkennungsgesetz wurde der Rechtsanspruch eingeführt, im Ausland erworbene Qualifikationen auf ihre Gleichwertigkeit mit deutschen Bildungs- und Berufsabschlüssen überprüfen zu lassen. Damit sollte eine bessere Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern gewährleistet und unter anderem dem Fachkräftemangel begegnet werden.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Janika Rehak

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Januar 2016
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