Berlin aLive

Der Berliner Hipster – ein Kulturphänomen der 2010er Jahre

(c) naisfotografie  / pixelio.de© naisfotografie  / pixelio.de
© naisfotografie / pixelio.de

Als meine Mitbewohnerin Anfang des Jahres für eine Woche den hartnäckigen Berliner Winterfrost gegen die wohltemperierte spanische Frühjahrssonne eintauschte, quartierte sie einen Untermieter in ihr WG-Zimmer ein, um den Platz in der Zeit nicht ungenutzt zu lassen und sich ein paar Euro zu ihrem Urlaubsgeld hinzuzuverdienen. Andrej war Ende zwanzig, kam aus der Ukraine und war zum ersten Mal in Berlin.
Als er eines Abends von einem seiner Touristenstreifzüge durch die Hauptstadt in die heimische WG-Küche zurückkehrte, lag ein Ausdruck von Verwirrung gepaart mit einer gehörigen Portion Unglauben auf seinem Gesicht. Trotz der leicht hinderlichen Sprachbarriere, die zwischen uns bestand, schaffte er es, mir den Grund für seine Verdutztheit verständlich zu machen: „Ich war gerade am Kottbusser Tor. Und die Leute … wie sie aussehen! Alle ihre Sachen sind kaputt, überall Löcher, sie sehen aus wie Junkies! Aber … sie haben alle ein Smartphone!“

Spätestens als er in seiner Beschreibung zu dem Teil mit den Smartphones kam, wusste ich, dass Andrej nicht von den massenhaft Drogenabhängigen, Obdachlosen und sonstigen zwielichtigen Gestalten redete, die sich am Kottbusser Tor so herumtreiben , sondern sich auf ein ganz spezielle Subkultur bezog, die in Berlin seit den 2010er Jahren auf dem Vormarsch ist und sich gerne in den angesagten Ecken der Stadt herumtreibt: der berüchtigte Berliner Hipster.

Woher kommt er eigentlich, der Hipster?

Die ersten Hipster gab es bereits in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals entwickelte sich die Subkultur des Hipstertums in den Jazz Clubs in den USA, wo sich eine Vielzahl von jungen Erwachsenen, die ursprünglich aus der Mittelklasse stammten, mit dem Lebensgefühl des Jazz identifizierten und so gegen ihre spießige Herkunft und die gesellschaftlichen Normen der damaligen Zeit rebellierten. Indem die jungen, weißen Aufständischen die afroamerikanischen Jazzmusiker zu ihren Vorbildern erklärten und ihnen in ihrem Lebensstil nacheiferten, zeigten sie, dass die Werte und Normen, die in der weißen Mittelschicht das gesellschaftliche Zusammenleben bestimmten, für sie an Bedeutung verloren hatten. Ihrem Außenseiterstatus in der Gesellschaft verliehen sie dabei Nachdruck durch ihre Kleidung, ihren Sprachgebrauch, ihre sexuelle Offenheit und nicht zuletzt durch ihre Experimentierfreudigkeit mit Drogen aller Art.

Und was zeichnet den Berliner Hipster des einundzwanzigsten Jahrhunderts aus?

© Gordon Gross  / pixelio.de
  © Gordon Gross /  pixelio.de
Während die Rebellion des Hipsters der 1940er Jahre wenigstens in ihrem Ansatz als gesellschaftliche Kritik verstanden werden kann, die im Ausleben der individuellen Freiheit zum Ausdruck kam, hat sich der moderne Hipster von diesem Ziel längst verabschiedet. Er möchte gar nicht rebellieren, sondern bewegt sich stets im Rahmen des gesellschaftlich Erlaubten – ja, sogar Anerkannten. Die politische Attitüde liegt im fern, der Gang zum nächsten Fashion-Store dafür umso näher.

Was dem Hipster bleibt, ist das unbedingte Bedürfnis, seine Individualität auszuleben und diese für die Welt offen zur Schau zu tragen. Seinen individuellen Stil zu pflegen, ist ihm derart zum Selbstzweck geworden, dass er einen Großteil seiner Zeit auf Fashionportalen im Internet verbringt oder seinen Blog mit den neuesten Modeinspirationen updatet. Wie mein Kurzzeitmitbewohner Andrej schon richtig bemerkte, legt der Hipster dabei aber enormen Wert darauf, dass man ihm nicht ansieht, wie viel Zeit er in die Zusammenstellung seines Alltagsoutfits investiert hat. Die ausgewaschene Skinny-Jeans mit den zerlöcherten Knien ist ein Muss und grundsätzlich gilt: Je zusammengewürfelter, desto besser. Komplettiert wird der Look schließlich durch ein wahlweise passendes oder auch unpassendes original Vintagestück von einem der zahlreichen Berliner Flohmärkte.

Lässt sich die Konsumlust des Hipsters besonders von Außenstehenden nicht immer zweifelsfrei an seiner Garderobe erkennen, so wird spätestens anhand der Auswahl an Elektrogeräten, die er sein eigen nennt, klar, dass Hipstertum und Trendbewusstsein Hand in Hand gehen. Zur Grundausstattung des Hipsters gehört an erster Stelle das obligatorische Smartphone der jüngsten Generation, das hauptsächlich benutzt wird, um das Essen, das in Berliner Szenerestaurants zusammen mit einem Chai Latte serviert wird, via UMTS-Verbindung zumindest visuell einer breiten Masse zugänglich zu machen. Hinzu gesellen sich die Spiegelreflexkamera – analog versteht sich – und natürlich das teure, matt silbern schimmernde Notebook, hinter dem sich der Hipster mit seinem Nerd-Brillengestell auf der Nase zurückzieht, wenn er ein paar neue Fotos auf seinen Blog stellen oder seiner Arbeit nachgehen will.

© Lothar Wandtner  / pixelio.de
© Lothar Wandtner / pixelio.de
Wie sich der Hipster seinen Lebensstil finanziert, ist eine Frage, der besonderes Interesse gebührt. Nicht selten ist er Angestellter oder sogar Gründer von einem der zig Start-up-Unternehmen, die in Berlin jährlich aus dem Boden sprießen. Passend zu seinem Lebensgefühl bewegt er sich vornehmlich in der Kreativszene oder macht im Zweifelsfall „irgendwas mit Medien“.

Doch was verbirgt sich wirklich hinter dem mysteriösen Wesen, das seine Zeit hauptsächlich in den neuesten Trendcafés in Mitte verbringt und je nach Geschlecht Schnurrbart oder schwarzen Lippenstift trägt? Was geht eigentlich im Kopf eines Hipsters vor? Die Definitionen des Hipsters und seiner Lebensart, die im Internet kursieren, beschränken sich allesamt auf Oberflächliches und auch ein Blick auf die Sprüche, die auf den Jutebeuteln abgedruckt sind, die viele von ihnen so gerne über der Schulter tragen, bescherte mir bis jetzt keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage. Auch Andrej verließ schließlich Berlin, ohne verstanden zu haben, worum es bei der Subkultur des Hipstertums eigentlich geht. Ob es tatsächlich so etwas wie einen gemeinsamen Leitsatz gibt, der dem Lebensstil der Berliner Hipster zugrunde liegt, bleibt also nach wie vor unklar. Fakt ist: Der Hipster ist das neue Kulturphänomen Berlins und verbreitet in der Stadt einen Individualismus, der als solcher kaum mehr zu erkennen ist.
Tanja Bertele (24)
studiert Literaturwissenschaft, Philosophie und Linguistik in Berlin. Sie arbeitet als studentische Mitarbeiterin in einem Verlag und trägt ihre Habseligkeiten oft in einem Jutebeutel mit sich herum.

Copyright: Tudo Alemão
März 2013
Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen   

    rumbo @lemania

    © rumbo @lemania
    Auf nach Deutschland!

    FuturePerfect

    © Future Perfect
    Geschichten für morgen - schon heute, für überall.

    Goethe-Institut Portugal

    Willkommen
    auf unserer
    Homepage!