Berlin aLive

Nicht so gern gesehen: Schwaben in Berlin

(c) Tanja Bertele© Tanja Bertele

Vor fünf Jahren habe ich Berlin zu meinem bevorzugten Wohnort erklärt. Ursprünglich komme ich aus einer Stadt in einer Region Süddeutschlands, die sich Schwaben nennt und im ganzen Land nur für den Arbeitseifer, den Ordnungssinn und den gewöhnungsbedürftigen Dialekt ihrer Einwohner bekannt ist. In Schwaben ist die Welt noch in Ordnung: Man wohnt in kleinen Einfamilienhäusern, fegt gewissenhaft den Gehweg und trifft sich sonntags zum Kaffeeklatsch. Oder anders ausgedrückt: Es ist nichts los und der Großteil der Bevölkerung bewegt sich altersmäßig jenseits der fünfzig.

Da wollte ich weg. Klar, dass meine Wahl auf Berlin fiel, das genaue Gegenteil von Deutschlands Süden. Was mich an der Metropole so anzog, war die unglaubliche Vielfalt, die Berlin zu bieten hat, das Potpourri aus verschiedenen Lebensstilen, Nationalitäten und Kulturen. Statt auf skeptische Blicke trifft man hier auf Weltoffenheit und Toleranz. Zumindest meistens.
Denn schon bald musste ich erfahren, dass in der Stadt, die sich doch gerade für ihren Status als kultureller Schmelztiegel rühmt, nicht jeder bedingungslos willkommen ist. Antwortete ich auf die Frage eines Berliners nach meiner Herkunft mit „Schwaben“, erntete ich oftmals kritische Blicke und verächtliches Schnauben. Als ich dann an eine Berliner Hauswand gesprayt den Spruch „Schwaben raus“ entdeckte, wurde mir klar, dass sich Berliner und Schwaben wohl nicht ganz grün sind.

Der Prenzlauer Berg und das „Schwabenproblem“

© Tanja BerteleBesonders spürbar ist der Konflikt zwischen Urberlinern und zugezogenen Schwaben in einem Bezirk im Norden Berlins: dem Prenzlauer Berg. Schlendert man durch den sogenannten Prenzlberg, fallen einem zuerst die zahlreichen Mütter mit Kinderwagen und die im Vergleich zu manch anderem Bezirk relativ sauberen Straßen auf. Als nächstes springt einem die hohe Zahl an Bioläden ins Auge, die sich in den Ladenzeilen mit Second-Hand-Geschäften für Kinderkleidung und elternfreundlichen Cafés mit Krabbelecke abwechseln. Die Häuser sind saniert, die Parks und Spielplätze gepflegt, die Menschen wohlhabend. Der Prenzlauer Berg ist eine attraktive Wohngegend für Familien.

So lautet denn auch der Vorwurf, den die Berliner gegen die Schwaben erheben: Sie sollen schuld daran sein, dass das, was eins ein bunter Bezirk mit authentischem Berliner Flair war, nun eine homogene Masse aus Öko-Familien ist. Die Schwaben seien es, die als Besserverdiener die Mieten nach oben getrieben und so einkom-
mensschwächere Berliner vertrieben hätten, als der Prenzlauer Berg nach dem Mauerfall zum Trendbezirk avancierte. Dieses Phänomen wird auch als „Gentrifizierung“ bezeichnet und ist in Berlin in aller Munde. Doch damit nicht genug: Angeblich haben die Schwaben das Stadtbild ihren eigenen Bedürfnissen angepasst; so herrscht hier nun Ruhe, Ordnung und Sauberkeit – wie in Deutschlands Süden eben. Dies hatte zur Folge, dass viele der alteingesessenen Diskotheken schließen mussten, weil die Musik zu später Stunde von den Anwoh-
nern als Lärmbelästigung empfunden wurde, und immer mehr der typischen Berliner Eckkneipen verschwanden, um Szeneläden mit überteuerten Preisen und Schwäbischen Bäckereien platzzumachen.

Aktuelle Entwicklungen

© Tanja Bertele Ist es nun schon seit einigen Jahren an der Tagesordnung, dass der geborene Berliner beim Wort „Schwabe“ die Augen verdreht, wur-
de der Konflikt zu Beginn des Jahres erneut angeheizt, nachdem der deutsche Politiker und seinerseits Bewohner des Prenzlauer Bergs Wolfang Thierse sich in einem Interview negativ über die Schwa-
benpopulation im Bezirk äußerte. Sein Kritikpunkt: Er wolle seine Brötchen beim Bäcker weiterhin unter dem in Berlin geläufigen Namen „Schrippen“ bestellen und keine dem schwäbischen Sprach-
gebrauch entsprungenen „Wecken“ ordern müssen. Da müsse sich der Schwabe eben anpassen, wenn er nach Berlin kommt.

Das Interview blieb nicht folgenlos. Prompt formierte sich eine schwäbische Gegenbewegung, die der Schwaben-Diskriminierung diesmal energisch den Kampf ansagte und zur schwäbischen Geheim-
waffe griff, den „Käsespätzle“. Mit dem regionalen Nudelgericht bewarf die Initiative ein Denkmal auf dem von Berlinern und Schwa-
ben gleichermaßen begehrten Kollwitzplatz, der sich mitten in der Konfliktzone befindet, und forderte nicht ganz ernst gemeint: „Free Schwabylon!“

© Taja Bertele
Und wie ist es wirklich?

Was bleibt, ist die Frage, ob es denn nun eigentlich stimmt, dass die Schwaben für alle denkbaren Übel in Berlin verantwortlich sind. Tatsache ist, dass die zunehmende Gentrifizierung längst nicht mehr nur im Prenzlauer Berg, sondern in einigen Bezirken der Stadt ein reelles Problem darstellt. Mit der wachsenden Beliebtheit eines Bezirks erhöht sich auch das Interesse an dem dort vorhandenen Wohnraum, die Mieten steigen. Die Viertel werden aufgewertet, im Zuge der Sanierungen aber gleichzeitig viele der ursprünglichen Bewohner vertrieben. Zu diesen Veränderungen kommt es, weil viele Menschen sich wünschen, in einer schönen Gegend mit attraktiven Lebensbedingungen zu wohnen. Zu großen Teilen sind es Zugezogene, die von diesen Szenebezirken angezogen werden – und darunter eben auch Schwaben.

Die Verantwortung für die Prozesse, die dem Phänomen der Gentri-
fizierung zugrunde liegen, jedoch einer einzigen Volksgruppe in die Schuhe zu schieben, ist etwas kurz gegriffen. Vielmehr ist es so, dass „der Schwabe“ zum Sinnbild für die große Masse an Zugezogenen wurde, durch die sich in den letzten Jahren das Stadtbild drastisch verändert hat. Doch ist es gerade dieser große Andrang, der Berlins Status als Anziehungspunkt für Menschen aus allen denkbaren Regionen und Ländern deutlich macht, ein Charakteristikum der Stadt. Wer von Berlin den Stillstand fordert, setzt sich also gegen das zur Wehr, was die deutsche Hauptstadt ausmacht: immerwährender Wandel und die Offenheit für Neues.
Tanja Bertele (24)
ist nach ihrem Abitur dem schwäbischen Kleinstadtidyll entflohen, um sich ins kunterbunte Berlin zu stürzen. Hier studiert sie Literaturwissenschaft, Philosophie und Linguistik und arbeitet nebenher als studentische Mitarbeiterin im Lektorat eines kleinen Berliner Verlags.

Copyright: Tudo Alemão
Juli 2013
Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen   

    rumbo @lemania

    © rumbo @lemania
    Auf nach Deutschland!

    FuturePerfect

    © Future Perfect
    Geschichten für morgen - schon heute, für überall.

    Goethe-Institut Portugal

    Willkommen
    auf unserer
    Homepage!