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Berlin in Zukunft – Stadtvisionen junger Architekten

© Kathrin HoetzelNeubauten am Hauptbahnof © Kathrin Hoetzel

Was muss eine Stadt in Zukunft unbedingt haben und wie stellst du dir Berlin in zehn Jahren vor? Konstantin, Paula und Jannik, die gerade ihr Architekturstudium abschließen, geben Auskunft.

Eine der ersten und zugleich bekanntesten Vermutungen über die zukünftige Stadtentwicklung Berlins äußerte der deutsche Kunstkritiker und Publizist Karl Scheffler zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er schrieb Berlin die Eigenschaft zu, „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Dass Scheffler bis dato mit seiner Einschätzung zur Entwicklung der deutschen Metropole richtig lag, können wir, wenn wir auf die zahlreichen Vorgänge von Zerstörung und Aufbau der Stadt im letzten Jahrhundert zurück schauen, definitiv bestätigten. Doch was erwartet uns in der Zukunft?

Die Stadt der Zukunft: Wenn du heute selbst ein Stadt entwickeln dürftest, was wären die wichtigsten Charakteristika dieser Stadt?

Konstantin: Ich würde darauf achten, dass Menschen über möglichst kurze, direkte Wege zu allem gelangen können was sie brauchen, so hätten alle mehr Zeit für wichtige Dinge in ihrem Leben. Außerdem würden öffentliche Verkehrsmittel gratis zur Verfügung stehen, sodass die meisten Straßen autofrei wären. Es müsste außerdem ein gut zugängliches Gewässer geben, im besten Falle einen Fluss. Am Wasser wird dem städtischen Leben Geschwindigkeit entzogen, es gibt uns Hoffnung und ist Ruhepuls. Ich würde Räume so ausgestalten, dass diese temporär und heterogen genutzt werden können, so könnte man sich die ständige Umgestaltung sparen, denn die Stadt würde sich dem ständigen Wandel flexibel anpassen können.

Paula: Ich sehe mich nicht in der Lage, eine Stadt zu entwickeln. Eine Stadt ist ein unheimlich komplexes System aus Gebäuden, Infrastruk-
tur, Bewohnern, Tieren, Pflanzen und noch vielem mehr – dieses System lässt sich nicht planen! Eine Stadt ist niemals fertig, sie verändert sich ständig. Toll ist es, wenn eine Stadt möglichst vielen Bewohnern und ihren Bedürfnissen Platz bietet und Veränderungen zulässt. Also ganz kurz in Schlagworte gefasst: Für mich ist die Stadt der Zukunft unfertig, eigenartig, dynamisch, vielseitig und aufregend.

Jannik: Ein Punkt der mich beschäftigt ist die nachhaltige Materialaus-
wahl. Das bedeutet, ich würde bei der Planung der Stadt der Zukunft bei der Materialwahl die Faktoren Umweltbelastung, Gesundheitsge-
fährdung, Ressourcenmanagement und verantwortungsvolle Materi-
albeschaffung beachten. Ich stelle mir außerdem eine Stadt vor, die ihren Bewohnern Anreize gibt auf gemeinschaftlicher Ebene zu interagieren.

Wie wird sich Berlin in zehn Jahren verändert haben?

© Kathrin HoetzelKonstantin: Das ist schwer abzusehen. Ich denke der Trend zum Kulturkonsum wird weiter gestiegen sein, während gleichzeitig einkommensschwächere Einwohner in die Bezirke außerhalb des S-Bahnringes abgedrängt leben werden.

Paula: Wohl leider nicht positiv. Wir werden ein furchtbares Stadtschloss und neue Schulden haben, ein bebautes und gestaltetes Tempel-
hofer Feld, mehr Eigentumswohnungen und weniger Kleingärten. Aber wenn die Mieten in der inneren Stadt weiter steigen, werden die bisher wenig beachteten äußeren Bereiche in den Fokus der Stadtent-
wicklung rücken – das könnte interessant werden.

Jannik: Ich nehme an, dass Berlin sein charmantes hässliches Aus-
sehen verloren haben wird und sich damit den gängigen Schönheitsvor-
stellungen mitteleuropäischer Städte angenähert hat. Das klingt im ersten Moment gar nicht schlecht – doch die Beurteilung über ästhetische Qualitäten birgt auch Risiken. Denn schnell werden nicht nur Objekte, sondern auch Menschen anhand ihrer ästhetischen Wir-
kung beurteilt. Ich sehe das sehr problematisch: Wenn der Plastikstuhl aus dem Stadtbild verbannt wird, dann gilt derselbe Verdrängungsme-
chanismus für unwillkommene Individuen und soziale Randgruppen.

Was würdest du gerne an/in Berlin verändern?

© Kathrin Hoetzel Konstantin: Ich würde Berlin einwohner-
freundlicher gestalten, schönere Spielplätze und mehr öffentliche Räume zur kollektiven, generationenübergreifenden Nutzung anbieten. Es gibt in Berlin sehr viele kleine Verbindungs-
straßen, diese würde ich nur noch von Anwohnern befahren lassen, oder komplett sperren. So könnte die Stadt ein viel interaktiveres Straßenleben bekommen.

Paula: Als Erstes würde ich den Verkauf von Liegenschaften – also öffentlichen Gebäuden, Immobilien und Grundstücken, die momentan Eigentum des Landes Berlins sind – stoppen. Und: Die Stadt Berlin sollte ihr Wohnungsbauprogramm wiederaufnehmen, um langfristig bezahlbare Mieten für breite Teile der Stadtbevölkerung zu garantieren!

Jannik: Statt in extrem teure Bauprojekte, wie den Neubau des Stadtschlosses oder den Flughafen BER, würde ich in Projekte investieren, die den Berlinern Lebensqualität zurückgeben. Menschen für die Berlin nicht nur vorübergehende Wahlheimat, sondern langjähriges Zuhause ist, sollen sich wohlfühlen. Eine interessante Neuerung finde ich zum Beispiel den Gastrostopp im Gräfekiez im Stadtteil Kreuzberg. Mit dieser Maßnahme können Anwohner und Inhaber kleiner Gewerbe geschützt werden. Ähnliches müsste auch mit der Vermietung von Wohnraum geschehen.
Kathrin Hoetzel (25)
studiert Spanisch mit Lateinamerikanistik und Politikwissenschaften in Berlin.

Copyright: Todo Alemán
Januar 2014
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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