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Kreuzberg - „Istanbul am Ufer der Spree“?

© Tanja BerteleBildquelle (CC BY – SA 2.0) nevred, flickr.com

Ich wohne in Kreuzberg, genauer gesagt im Bezirk SO36, und um noch genauer zu sein im Wrangelkiez. In diesem Kiez wohnen fast alle meine Freunde, ich habe eine Adoptivoma, ein Patenkind und unzählige Bekannte.

Der Wrangelkiez – Mein Wohnzimmer

In jedem Imbiss kann man anschreiben lassen, in jedem einzelnen der Cafés kann ich meine Sachen liegen lassen, wenn ich etwas von zu Hause hole, die meisten Leute kennen meinen Namen, und wenn ich mal eine Weile weg bin, wundern sich alle über meine Abwesenheit und freuen sich, wenn ich wieder da bin.
Um es ganz einfach zu sagen: Hier fühle ich mich zu Hause.

Mein Kiez war eines der Stadtviertel, das nach dem Bau der Mauer am meisten unter der Teilung der Stadt gelitten hat. Durch die Mauer wurden drei Hauptzugangsstraßen abgeschnitten: die Köpenicker Straße, die Schlesische Straße und die Oberbaumbrücke. Der Kiez wurde von den drei Nachbarvierteln Berlin-Mitte, Friedrichshain und Treptow isoliert, die zum sowjetischen Sektor gehörten.

Und als ob das noch nicht genug wäre, wurde der Wrangelkiez, als mit dem Wiederaufbau Kreuzbergs begonnen wurde, auf die Warteliste gesetzt. Da ein „Wiederaufbau“ Abriss und Neubau bedeutete, weigerten sich die Eigentümer der Gebäude, irgendwelche Reparaturen und Verbesserungen vorzunehmen, was nur logisch war, wenn man bedenkt, dass die Gebäude nur noch kurze Zeit stehen würden. Das Viertel verkam und die, die wegziehen konnten, taten es auch. Die niedrigen Mietpreise lockten die erste Generation türkischer Arbeiter an, die kurze zuvor nach Deutschland gekommen war. Der Kiez verwandelte sich zum türkischsten Viertel der Stadt.

„Istanbul am Ufer der Spree“

So taufte Juan Goytisolo mein Viertel. Vor Jahren lebte er einige Zeit in Berlin, und da er kein Deutsch, dafür aber Türkisch sprach, zog er nach Kreuzberg, um seinen Roman Paisajes para después de la batalla (Landschaften nach der Schlacht) zu beenden.
Bildquelle: (CC BY-SA 2.0) cervus, flickr.com Der Wrangelkiez ist sehr türkisch, aber er ist nicht nur deswegen so besonders. Es ist ein Viertel, in dem Immigranten aus allen Teilen der Welt leben, Deutschland mit eingeschlossen: Die Pizzeria wird von zwei syrischen Brüdern geführt, die sich als Italiener ausgeben, das chinesisch-thailandische Restaurant gehört einer Gruppe Vietnamesen, eines meiner beiden Lieblingscafés, das Sofia, wird von einem deutschen Pärchen und einem Österreicher geführt und das Baretto, mein zweites Lieblingscafé, gehört einem deutsch-italienischen Pärchen, das den besten Kaffee und die besten Panini in Berlin zubereitet. Es gibt Spanier, Lateinamerikaner, Sudanesen, Israelis, Marokkaner, US-Amerikaner, Engländer, Franzosen und natürlich Türken und Deutschen. Alle in sieben oder acht Häuserblocks.

Die Stimmung ist entspannt: Im Sommer stellen die älteren Frauen Sofas auf die Straße und reden bis in die frühen Morgenstunden, die Männer rauchen Wasserpfeife in den Cafés und auf den Bürgersteigen, junge Menschen füllen die Bars, Musiker spielen auf den Terrassen, die Kinder drehen mit ihren Fahrrädern und Skateboards Runden um den Block. Das Leben ist hier – wenn ihr mir diese alberne Bemerkung erlaubt – eine Party.

Das Projekt Mediaspree – Das Ende für den Bezirk?

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass diese Gefahr unmittelbar besteht. Die Stadt hat bereits alle freien Flächen an den Flussufern und einige Gebäude, in denen noch bis vor kurzem Ateliers, halblegale Clubs und improvisierte Bars untergebracht waren, verkauft. Und obwohl sich 95 Prozent der Bewohner des gesamten Bezirks in einer Volksabstimmung, die angesichts der Beteiligung und des Ausmaßes der Ablehnung Geschichte geschrieben hat, gegen das neue Projekt ausgesprochen haben, würde es 160 Millionen Euro kosten, einen Rückzieher zu machen. Das Projekt, das als Mediaspree bekannt ist, betrifft in erster Linie die Stadtviertel Kreuzberg und Friedrichshain und verspricht Wolkenkratzer, Konferenzzentren, Fünf-Sterne-Hotels, riesige Parkplätze, also die totale „Modernisierung“ ...

Ich weiß weder für wen noch wofür, und noch viel weniger kann ich mir erklären, warum ausgerechnet hier.
Alfredo Tarre,
wurde in Macuto (Venezuela) geboren. Im Jahr 2001 zog er nach Heidelberg, um sein Studium zu beginnen. Zwei Jahre später setzte er es in Berlin fort. Er ist Mitarbeiter von Berlunes, einem Blog, der sich an Spanier richtet, die ihr Glück in der Hauptstadt suchen. Alfredo betreute ein halbes Jahr lang auch die Webseite Trabajo Ya (Arbeit Jetzt!) und betreibt aktuell die Seite Vida y trabajo en Alemania (Leben und arbeiten in Deutschland). Darüber hinaus gründete er vor vier Jahren The Macuto Collective, ein in Berlin und Barcelona wirkendes Filmprojekt, das bereits zu mehreren internationalen Kurzfilmfestivals eingeladen wurde. Heute lebt er in Madrid und Berlin.

Copyright: Todo Alemán
Januar 2013
Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen

     

     
     

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