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Bier auch nachts um zwei – der Spätkauf

© Tanja BerteleEdna Niclas arbeitet in der Frühschicht im Spätkauf in Berlin-Mitte | © Katja Hanke

Ein Uhr nachts, die Party ist in vollem Gange und die letzte Flasche Bier geöffnet: Was junge Menschen in anderen deutschen Städten in die Verzweiflung treibt, lässt Berliner ganz entspannt. Denn: Der nächste Spätkauf ist nicht weit.

Die kleinen Läden haben bis in die frühen Morgenstunden geöffnet, manche sogar rund um die Uhr. Spätis nennen die Berliner sie liebevoll. Es gibt sie in vielen Varianten: von Kiosk bis Mini-Supermarkt. Zum Grundsortiment eines jeden Spätkaufs gehören Getränke, Chips, Tabak und Schokolade. In fast allen findet man am Verkaufstresen eine reiche Auswahl an Schokoriegeln und anderen Süßwaren, verschiedene Zigaretten- und Tabaksorten, und eine Wand wird meistens von einem großen Regal mit allerlei Sorten Wein eingenommen. In mindestens drei großen Kühlschränken mit Glastüren findet der Kunde bestimmt 15 verschiedene Biersorten oder mehr, dazu Wasser, Säfte und Erfrischungsgetränke.

Die meisten Spätis führen außerdem eine Auswahl an Lebensmitteln und Haushaltsartikeln: Nudeln, Butter, Joghurt, Hundefutter, Spülmittel, sogar frische Tomaten oder Bananen – für die, die es nicht zum Supermarkt geschafft oder eine Kleinigkeit vergessen haben.

Man kennt sich und redet

Rund 900 solcher Spätkaufs gibt es in der Stadt. Für ihre Kunden sind Spätis mehr als nur Geschäfte: Sie sind ein Treffpunkt im Viertel: Die Menschen aus der Nachbarschaft kaufen hier morgens ihre Zeitung oder abends ihr Feierabendbier, das viele auch gleich an den Tischen vor dem Laden trinken. Man kennt sich, redet und trifft hier Nachbarn.

Die Bindung zwischen Kunden und Händlern ist hier oft sehr persönlich. „Wir haben unsere Kunden ins Herz geschlossen“, sagt Seydi Dogmus, der seit zehn Jahren den Oderberger Kiosk im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg betreibt. Auch sein Bruder und ein paar enge Freunde arbeiten hier. Es sei „eine Art familiäre Beziehung“, sagt er, nicht nur untereinander, sondern auch zu den Kunden. „Wir wissen, wann unsere Kunden Magenschmerzen oder andere Probleme haben“, sagt er. Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten kämen in seinen Laden, „vom nicht sehr Wohlhabenden bis zum Multimillionär“.

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Audio-Slide-Show: Spätis in Berlin

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Ersatzkneipe und mehr

Aber auch bei Studenten und den jungen Partytouristen, die jedes Wochenende von überall aus Europa in die Stadt kommen, stehen Spätis hoch im Kurs: als kostengünstige Alternative zu Kneipen oder als Treffpunkt vor dem Ausgehen. Ein halber Liter Bier für weniger als 1,50 Euro, dazu nette Gesellschaft, das ist unschlagbar. Bier und Zigaretten werden in der Regel am meisten verkauft, und der größte Umsatz wird zwischen 22 und 2 Uhr gemacht.

Manche Spätis haben sich außerdem auf besondere Produkte spezialisiert, führen eine besonders große Auswahl an Zeitschriften und internationale Zeitungen oder bieten ganz spezielle Bier- oder Weinsorten an – so wie Seydi Dogmus, der in seinem Oderberger Kiosk Weine von kleinen italienischen Weingütern und ausgefallene Biersorten führt.

Der Streit um den Sonntag

Der wichtigste Tag für die Späti-Besitzer ist der Sonntag. Dann machen sie den meisten Umsatz, da die Supermärkte geschlossen sind. Wer in Berlin lebt, vertraut darauf, sonntags in den Spätkauf gehen zu können, um die Butter zum Kuchenbacken oder Nudeln für das Abendessen zu kaufen. Doch eigentlich dürfen die Läden am Sonntag gar nicht öffnen. Und das schon seit 2006. Seitdem gilt das Berliner Ladenöffnungsgesetz. Es schreibt vor, dass Geschäfte, die viele verschiedene Artikel anbieten, sonntags nicht öffnen dürfen. Nur Tankstellen und Läden in Bahnhöfen ist das erlaubt. Die meisten Spätkauf-Besitzer öffneten trotzdem, und die Behörden duldeten es. Seit allerdings ein Berliner Anfang 2014 rund 40 Spätis verklagte, schritten die Behörden ein und kontrollieren jetzt die Einhaltung des Gesetzes. Doch es gibt einige Ausnahmen: Geschäfte, die ein begrenztes Warenangebot wie Blumen, Zeitungen, Backwaren oder Artikel für Touristen, wie Souvenirs, Stadtpläne oder Tabakwaren haben. Das ist eine herbe finanzielle Einbuße für die Inhaber von Spätis mit einem breiten Sortiment. Manche öffnen aber trotzdem, decken die Produkte, die sie sonntags nicht verkaufen dürfen, mit Tüchern ab und hoffen, dass sie nicht kontrolliert werden.

Katja Hanke
ist freie Journalistin in Berlin und hat in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung sogar zwei gut sortierte Spätis.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2014

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