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Silvester in Berlin

© Eva Gür © Eva GürNach zwei Jahren in Lissabon habe ich manchmal das Gefühl, dass ich mehr über Portugal als über mein Heimatland weiß. Höchste Zeit, mir die deutsche Hauptstadt mal genauer anzusehen.

Der Schulausflug nach Berlin vor zehn Jahren ist mir kaum noch im Gedächtnis. Reicht also nicht, um ein Häkchen auf der „Kenn-Ich-Liste“ zu machen. Also reise ich gemeinsam mit meinem Freund Tiago über Silvester ins kalte Deutschland.
Ich gebe zu, es ist vielleicht nicht die beste Zeit, die Stadt zu besuchen: Berlin ist zum Jahreswechsel grau, bitterkalt, viele Geschäfte sind geschlossen und die Straßen sind verdreckt von aufgeweichten Böller-Überresten. Aber wir haben den charmanten „Abfuck-Charakter“ dieser Stadt sofort ins Herz geschlossen!

Wir kommen am 31.12. nachmittags in Neukölln an. Die Geräuschkulisse wird schon jetzt von Böllern und Raketen dominiert. Tiago schaut mich fragend an: „Jetzt schon? Ich dachte, das fängt erst um Mitternacht an!?“ „Nein, nein. Das geht den ganzen Tag so. Warte mal ab, bis es zwölf ist. Dann siehst du den Unterschied!“ Und ich hatte ja keine Ahnung, was uns tatsächlich erwarten würde...

© Eva Gür Gegen 21 Uhr gehen wir mit portugiesischer Gemütlichkeit Richtung Kreuzberg, um uns ein bisschen umzusehen und etwas zu essen. Jetzt geht es schon wilder auf den Straßen zu. Wir versuchen, keine Opfer von Bölleranschlägen zu werden. Tiago schüttelt nur den Kopf und zieht mich ins nächstbeste Restaurant. Für eine Zeit lang sind wir in Sicherheit. Wir finden uns in einer indischen Oase wieder. Es ist wohlig warm und wir werden sofort herzlich begrüßt. Bis wir uns aber setzen können, müssen wir erst einmal alle unsere Lagen an Mützen, Schals, Jacken und Pullover loswerden. Ich ärgere mich, dass ich meine Thermostrumpfhose unter die Jeans und ein doppeltes Paar Wollsocken angezogen habe, denn jetzt ist mir viel zu heiß! Der Kellner wartet. Ich fühle mich überfordert. Tiago kämpft noch mit seinem dritten Pulli und bestellt schon mal zwei Bier zur Abkühlung. Ich habe das Gefühl völlig vergessen, wie es ist, im Winter ständig vom eiskalten Draußen in überhitze Bars und Restaurants zu gehen. Wie habe ich das früher nur gemacht? Ich erinnere mich nicht.

Gegen elf verlassen wir aufgewärmt das indische Restaurant. Das An-und Ausziehmanöver geht aber den ganzen Abend so weiter. Nächster Halt ist eine Bar um die Ecke. Es wird geraucht, was das Zeug hält. Die Tanzfläche ist voll von Alt-68ern die zu „Canned Heat - Going up the Country“ abtanzen und sich gegenseitig Luftschlangen um den Hals hängen. Besser als jede aufgesetzte Hipster Party! (Der Berliner Hipster)

© Marcel Berkmann, https://www.flickr.com/photos/marcelberkmann/5494725231Um Mitternacht gehen wir nach draußen, um „gemütlich“ auf das neue Jahr anzustoßen. Gemütlich? Fehlanzeige: Es herrscht ein Kriegsszenario auf den Straßen. Berlin brennt! Unfassbar viele Menschen tanzen betrunken durch die Nacht. Wir müssen uns anschreien, um uns zu verständigen. Tiago wartet auf den Countdown. Ich irgendwie auch, aber um uns herum fallen sich die Leute durcheinander und unkontrolliert in die Arme. Ein Mädchen, das mit einer Gruppe von Punks neben uns steht, steckt uns Wunderkerzen in die Hand und zündet sie an. „Frohes Neues!“, „Bom Ano!“, „Happy New Year!“, „Mutlu yıllar!“ Ein kunterbuntes, multikulturelles neues Jahr beginnt.
„Ich dachte eigentlich, Deutschland sei ein zivilisiertes Land!“ schreit Tiago mir ins Ohr und lacht.

Der 1. Januar schenkt uns Sonnenschein. Der Kiez schläft noch, als wir vor die Tür gehen. So scheint es jedenfalls. Je weiter wir Richtung Spree gehen, desto mehr durchfeierte Zombies kommen uns entgegen. Aus Wellblechbaracken dröhnt harter Electro. Ich vergaß: Berlin ist eine 48 Stunden Stadt!
Ab dem 5.1. wacht die Stadt wieder einigermaßen auf, obwohl sie gleichzeitig den Anschein macht, nie zu schlafen, und geht in den Alltag über. Dann machen wir uns aber schon wieder auf den Weg nach Hause. Nach Lissabon. Die Wintersonne empfängt uns und wir sind beide froh wieder in Alfama zu sein, unserem kleinen gemütlichem Dorf mitten in der Stadt.
Eva Gür
Hat in Deutschland Medien-und Kommunikationswissenschaften sowie Musikjournalismus studiert. Sie hat für diverse Rundfunkanstalten und Kultureinrichtungen gearbeitet. Aus Liebe zu Land und Leuten lebt sie seit Anfang 2013 in Lissabon und beschäftigt sich mit der portugiesischen Kulturszene.

Copyright: Tudo Alemão
Februar 2015
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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