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Morning Gloryville Berlin

© Tanja Bertele© Tanja Bertele

Die Partykultur in Berlin treibt bisweilen seltsame Blüten. So kommt es, dass ich an einem eiskalten Mittwoch im Februar um 6 Uhr morgens völlig nüchtern und ausgeschlafen durch den totenstillen Friedrichshain laufe, um meinen Tag mit einem grünen Smoothie auf dem Dancefloor zu beginnen. Ja, ihr habt richtig gelesen: Ich bin nicht immer noch wach und auf der Suche nach einer Afterhour-Party, weil ich die Nacht zuvor bereits durchgetanzt habe – nein, ich habe die letzten Stunden artig schlummernd in meinem Bett verbracht. Zumindest bis mich mein Wecker um 5 Uhr unsanft aus dem Schlaf riss und ich mich halb missmutig, halb vorfreudig aufraffte, um mir mit eigenen Augen das neueste Großstadtphänomen anzusehen: die Pre-Work-Party!

© Tanja Bertele»Morning Gloryville« heißt die Partyreihe, die Tanzwütige in anderen Großstädten schon seit Jahren regelmäßig zu frühester Stunde aus ihren Betten wirft und die nun auch in Berlin angekommen ist. Das Konzept ist denkbar einfach: »Rave your way into the day!« Also den Tag mit einer wilden Party beginnen, um dann frisch und wachgetanzt um zehn Uhr im Büro aufzulaufen und sich den Aktenstapeln auf dem Schreibtisch zu widmen. Zugegeben, ich bin skeptisch, als ich das erste Mal von dieser Idee höre. Aber da der Flyer außer Party noch frisch gepresste Säfte, einen kostenlosen Yogakurs und eine Ganzkörpermassage verspricht, kann ich nicht widerstehen und mache mich in der Dämmerung auf zur Neuen Heimat, wo die Party stattfinden soll.

Um auch noch ganz sicher eines der letzten Tickets zu ergattern, bin ich schon fünf Minuten vorm offiziellen Beginn um halb sieben vor Ort – und treffe prompt auf eine Menschenschlange, die zwar nicht mit den Zuständen vor dem Berghain vergleichbar, aber für diese Uhrzeit dennoch beachtlich ist. Was mir hier sofort ins Auge fällt, ist das farbenfrohe Styling der Wartenden, das sich trotz dicker Winterjacken erahnen lässt: Blumen im Haar, eine pinke Perücke, blau gefärbte Dreadlocks. Zum Glück müssen wir nicht lange anstehen und rund zehn Minuten später betrete ich die große Halle. Nachdem ich das über-
dimensionale Banner mit der Aufschrift »Guten Morgen« am Eingang passiert und meine Jacke an der Garderobe abgegeben habe, reihe ich mich nicht wie der Großteil der bereits Anwesenden in die Schlange vor dem Kaffeestand ein, sondern mache erst mal einen Rundgang.

© Tanja BerteleDas Innere der Halle duftet nach Räucherstäbchen und wird von einem riesigen Dancefloor dominiert, über dem sich bunte Girlanden zeltartig um eine Discokugel ranken. Darum herum finden sich diverse Entspannungs- und Unterhaltungs-
stationen. Das alles ist -anders als in einem gewöhnlichen Club- auch gut sichtbar, denn mittlerweile scheint schon die Morgensonne durch die großen Fenster, die absichtlich nicht abgedeckt sind – denn hier ist Party im Tageslicht angesagt. Ungewohnt, aber nicht schlecht, immerhin sehen die Partygäste hier ausnahmsweise mal frisch und ausgeruht aus.

Meinen ersten Stopp lege ich bei den zwei Glitzerfeen ein, die mir ein kostenloses Party-Make-up anbieten, das ich zum Warmwerden gut gebrauchen kann. Mit blau-roten Glitzerschnörkeln im Gesicht geht es dann weiter: Vorbei an der Malerin im Yeti-Kostüm, die energisch den bunten Pinsel über die Leinwand schwingt, dem Massageparadies und den im Halbkreis ausgebreiteten, aber noch unbenutzten Yogamatten bis hin zur Saftbar. Hier mache ich Halt und kaufe mir einen Mango-Karotten-Saft, um meine Lebensgeister zu wecken und sie vollends in Partylaune zu bringen. Tatsächlich hat sich in der Zwischenzeit die Halle schon fast komplett gefüllt und die Massen, gestärkt von der ersten Koffein-Infusion des Tages, strömen bestimmt in Richtung Dancefloor, wo sie völlig ungehemmt ihre Gliedmaßen zu einem Remix von It’s Raining Men in alle Richtungen schütteln.

© Tanja BerteleSchnell merke ich, dass die Ein-
stimmungsphase hier kürzer ist als in den Berliner Clubs sonst üblich, immerhin ruft einen großen Teil der Anwesenden schon bald der triste Arbeitsalltag zurück an ihren Schreib-
tisch. Die Zeit zum Feiern ist begrenzt –in vier Stunden ist der Spaß auch für die Allerletzten schon wieder vorbei. Ein Grund, es der Menge nachzutun und mich ins Getümmel zu stürzen!

Auf dem Dancefloor schüttele ich auch das letzte bisschen Müdigkeit ab und beobachte neugierig die Menschen um mich herum. Das Publikum ist genauso bunt wie das Konzept der Party: Burberry-Schal-Träger im Nadelstreifenhemd tanzen neben begeistert grölenden Touristen, die sich wiederum den Platz mit lässig gekleideten Start-up-Gründern und esoterisch angehauchten Mittvierzigerinnen in wallenden Gewändern teilen. Fehlen darf bei solch einem Event natürlich auch nicht die grün angehauchte Vegan-Fraktion mit dem ökologischen Bewusstsein, aus deren Gespräch ich nur den Satz »Keine Erdbeeren außerhalb der Saison!« aufschnappe.

© Tanja BerteleAls sich mit fortschreitender Uhrzeit die Menge auf der Tanzfläche lang-
sam lichtet, lege auch ich eine Pause ein und hole mir einen frischen Minztee, um meinen Wasserhaushalt wieder auszugleichen. An der Garde-
robe hat sich in der Zwischenzeit eine Schlange gebildet; es ist neun Uhr und viele müssen aufbrechen. Während ich mich neben der Handvoll Menschen, die sich auf den Yogamatten gerade gekonnt in den herabschauenden Hund bewegt, auf einer Treppenstufe niederlasse und meinen Tee schlürfe, frage ich mich, welcher Arbeit die Partygäste um mich herum wohl nachgehen und ob sie einen produktiven Tag haben werden. Wie auf Kommando fange ich dabei an zu gähnen und merke, wie schwer sich alle meine Glieder anfühlen. Entschlossen trinke ich meinen Tee aus und bewege mich langsam Richtung Garde-
robe. Als ich nach draußen trete, höre ich ein paar Vögel zwitschern und den Verkehr auf den Straßen des Friedrichshains donnern. Zu Hause wasche ich mir nur kurz das Glitzer-Make-up aus dem Gesicht und falle dann erschöpft in mein Bett. Es dauert keine zwei Minuten, bis ich eingeschlafen bin.

Davor denke ich nur noch: Arbeiten kann ich dann ja morgen wieder.
Tanja Bertele
kommt ursprünglich aus dem schönen Süden Deutschlands und studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Linguistik in Berlin. Nach ihrem Studium arbeitete sie im Lektorat eines Verlags und schrieb 2014 als Ghostwriterin ihr erstes Buch. Momentan ist sie als freie Autorin und Lektorin tätig.

Copyright: Tudo Alemão
Mai 2015
Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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