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„Eine Tüte Erdnüsse am Tag“ – Junge Obdachlose in Deutschland

Unterwegs mit Roberto in Berlin | © Andrea Marshall

Deutschland ist ein Wohlstandsland, dennoch sind immer mehr junge Menschen ohne feste Wohnung oder leben auf der Straße. Viele stranden in Berlin.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie auf einem Abenteuerspielplatz. Bunte Zelte und Bretterbuden, Graffiti, junge Leute sitzen auf Klappstühlen unter Bäumen und grüßen freundlich. Doch so romantisch, wie das illegal besetzte Brachland am Flussufer irgendwo in Berlin zunächst wirkt, ist es nicht. Zwar haben sich manche Bewohner diesen Lebensstil ausgesucht. Andere aber befinden sich in einer akuten Notlage. Sie wollen nicht erkannt werden, weil ihr Leben sonst noch schwieriger werden könnte als es ohnehin schon ist. Deshalb sollen Ort und Personen hier anonym bleiben.

Der junge Spanier Roberto (Name geändert), Jahrgang 1990, lebt seit acht Monaten als Wohnungsloser in der deutschen Hauptstadt, vier Monate davon in einem kleinen blauen Zelt am Ufer. Es ist das einzige Zuhause, das dem früheren Philosophie-Studenten aus Madrid geblieben ist. Als Toilette dient ein Bretterverschlag. Zum Duschen, Wäschewaschen und Essen fährt Roberto zur Hilfseinrichtung Klik – Kontaktladen für junge Menschen auf der Straße. „Manchmal esse ich nur eine Tüte Erdnüsse am Tag“, sagt er in gutem Englisch. „Erdnüsse kosten nur 65 Cent und machen lange satt.“

Flucht ins Zelt

Roberto lebt bei Wind und Wetter im Zelt | © Andrea Marshall

Dass dieses Leben anstrengend ist, sieht man dem Mann mit den sehr kurzen schwarzen Haaren an: Er ist mager, wirkt nervös und gestresst. In Berlin sei er auf der Suche nach Arbeit gelandet – und weil er gerne reise, erzählt Roberto. Davor hatte er in Turin sein Philosophie-Studium fortgesetzt, als Spanischlehrer gejobbt und in London ein halbes Jahr gekellnert. Beides mit festem Wohnsitz.

Dass er nicht in sein Heimatland Spanien zurückkehrt, liegt auch an der hohen Jugendarbeitslosigkeit dort: 45 Prozent der jungen Spanier waren im April 2016 ohne Beschäftigung. Und dann sind da noch die schwierigen familiären Verhältnisse: Vater Architekt, Mutter Ingenieurin, doch als die Ehe zerbrach, gerieten die fünf Kinder in einen hässlichen Scheidungskrieg. Der Vater ist inzwischen verstorben, mit der Mutter will Roberto nichts mehr zu tun haben. Lieber lebt er bei Wind und Wetter im Zelt in Deutschland.

Größter Wunsch: die Anmeldung

Roberto gehört zu einer besonderen Gruppe junger Wohnungs- und Obdachloser: Sie alle sind ohne deutschen Pass. Viele scheiterten an der deutschen Bürokratie, erklärt Anett Leach vom Kontaktladen Klik. Dort kümmert man sich um diese Gruppe. Das Problem: Die Ausländer suchen Arbeit, brauchen dafür aber eine Anmeldung bei den Behörden. Für die Anmeldung wird jedoch der Nachweis einer festen Wohnung verlangt. Eine Wohnung kann sich wiederum nur leisten, wer eine Arbeit hat. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt Leach.

Klik – Kontaktladen für junge Menschen auf der Straße in Berlin | © Isis e. V.

Auf offiziellem Wege kommt nur weiter, wer einen Arbeitgeber oder Vermieter findet, der ohne Sicherheiten einen Vertrag unterschreibt. Die anderen schlagen sich mit Schwarzarbeit zu Hungerlöhnen etwa auf Baustellen durch, außerdem mit Pfandflaschensammeln, Bettelei, Zeitungverkaufen oder Kriminalität.

Als Spanier und damit EU-Bürger hätte Roberto eigentlich einen Anspruch auf staatliche Unterstützung in Deutschland. Doch die Behörden zahlen nicht. Kein Wunder, dass Roberto sagt: „Mein größter Wunsch? Dass es bald klappt mit der Anmeldung.“ Bis es so weit ist, macht er sich mit kleinen Jobs im Klik nützlich.

Man sieht sie nicht im Straßenbild

Schätzungsweise 400.000 Wohnungs- und Obdachlose gibt es in Deutschland. Zunehmend sind junge Menschen betroffen, schreibt das Deutsche Jugendinstitut. Von 20.000 „Entkoppelten“ bis zu 27 Jahren ist in einer Studie von 2015 die Rede. Sie gehen nicht zur Schule, haben keine Arbeit, bekommen keine Hilfe vom Staat. Viele rutschten in Obdachlosigkeit und Drogensucht ab.

„Man sieht diese jungen Leute nicht so sehr im Stadtbild“, sagt die Sozialarbeiterin Ines Fornaçon von der Berliner Streetworker-Station Off Road Kids. Sie schlafen nicht direkt auf der Straße, sondern bei wechselnden Freunden, manchmal jahrelang. „Sofa-Hopper“ werden sie genannt. Ihre Sozialkontakte hätten sie ins Internet verlegt: „Man trifft sich bei WhatsApp, nicht mehr auf öffentlichen Plätzen.“ So sei eine verdeckte Obdachlosigkeit entstanden. Den Trend dazu beobachte sie seit zehn Jahren.

Schon 13-Jährige leben auf der Straße

Die jüngsten Wohnungs- und Obdachlosen sind etwa 13 Jahre alt | © Roman Bodnarchuk - Fotolia.com

In Deutschland ist es selten die Armut, die junge Menschen in die Wohnungslosigkeit treibt. Meist haben die Betroffenen Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch in der Familie erfahren. „Liebesentzug gibt es in allen Schichten“, bekräftigt Ines Fornaçon.

Die jüngsten Wohnungs- und Obdachlosen sind etwa 13 Jahre alt und von zu Hause, aus dem Heim oder der Pflegefamilie ausgerissen, heißt es bei der Kontakt- und Beratungsstelle KUB, die sich um 13- bis 20-Jährige auf den Straßen Berlins kümmert. Genau 555 waren es im Jahr 2015. Viele kommen aus anderen Regionen Deutschlands in die Hauptstadt. Ihr Zustand sei oft erbärmlich: ausgehungert und mangelernährt, verwahrlost und ohne Bindungen. Drogen, Kriminalität und Prostitution bestimmen zunehmend ihren Alltag.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Hilfseinrichtungen versuchen, den jungen Entwurzelten Schritte in ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Sozialarbeiter treffen sie an den Brennpunkten Berlins, in den eigenen Beratungsstellen oder im Internet-Chat. Nothilfe in Form von medizinischer Versorgung, Essen, Kleidung und Notschlafplätzen wird angeboten. Während die Jüngsten vorsichtig begleitet werden – auch mit Kreativangeboten wie Theater, Musik, Zeichnen – bekommen die jungen Erwachsenen vor allem Unterstützung, um sich selbst zu helfen. Manche schaffen dann die Rückkehr in die Gesellschaft. Andere verschwinden wieder. Ihr Schicksal bleibt unklar.

Roberto möchte irgendwann die deutschen Philosophen im Original lesen | © Andrea Marshall

Roberto möchte weiter nach einer festen Arbeit und einer Wohnung in Berlin suchen. Spätestens zum harten Berliner Winter muss eine Lösung her. Ein Lichtblick ist der anstehende Deutschkurs, den die Betreuer von Klik für ihn organisiert haben. Deutsch will der ehemalige Philosophiestudent Roberto auch deshalb lernen, damit er die Werke deutscher Philosophen im Original lesen kann. Sein Traum: In Zukunft möchte er als Lehrer arbeiten – in welchem Land auch immer.

Andrea Marshall
ist Redakteurin und freiberufliche Journalistin in Berlin. Sie engagiert sich auch in der Ausbildung junger Journalisten in Afrika und Asien.

Produktion: redaktion.brunner

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2016

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