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Matschige Tomaten retten

Birke Carolin Resch© Jonathan DateIn Supermärkten, Restaurants und Privathaushalten landet ein großer Teil noch essbarer Lebensmittel in der Mülltonne. Die Initiative Foodsharing setzt der Verschwendung etwas entgegen: Lebensmittelretter holen die Esswaren ab, verteilen sie oder konsumieren sie selbst – ein kleiner Beitrag, um die Welt zu retten, aber nicht immer einfach.
Ich stehe mit meiner Mitbewohnerin am Maybachufer/Ecke Kottbusser Brücke in Berlin und warte. Es ist ein kühler Novemberabend und um 18 Uhr bereits dunkel. Wir sehen uns suchend nach zwei anderen Frauen und einem Mann um, die wir hier treffen sollen, aber noch nie gesehen haben. Zwei wartende Mädchen die, wie wir, mit großen Ikea-Tüten und Rücksäcken hier sind, winken uns zu. Wenig später stößt ein schlaksiger Typ mit Jeansjacke dazu. Wir können loslegen. Unsere Mission: Lebensmittel davor zu retten, in der Mülltonne zu enden.

Die meisten von uns sind heute zum ersten Mal als Lebensmittelretter auf dem Markt am Maybachufer. Nur Chris, der Typ mit der Jeansjacke, kennt sich aus. Er übernimmt das Kommando und erklärt, was wir zu tun haben: „Bleibt zusammen und geht gemeinsam von Marktstand zu Marktstand. Bei jedem Händler haltet ihr an, identifiziert euch als Foodsharer und fragt höflich, ob es etwas abzuholen gibt.“ Alles klar, klingt easy. Wir beginnen motiviert mit der Arbeit und gleich der erste Händler zeigt freundlich auf zwei Kisten voller Obst, sehr reif und teilweise mit Druckstellen. Am nächsten Stand dürfen wir eine Kiste mit Orangen und ein paar sehr weiche Avocados einpacken, dann gibt es weiche Tomaten, eine riesige Kiste mit noch frischer Minze, leicht bräunliche Brokkoliköpfe und ein paar Zucchini.

Bald merken wir, was die eigentliche Herausforderung des Abends ist: Auf diesem Markt warten unglaubliche Mengen noch essbarer Lebensmittel auf Retter wie uns. Wir können unmöglich alles in unseren Taschen und Rucksäcken verstauen.

Hauptsache, es wird gegessen

Bei Foodsharing geht es nicht wie bei der Tafel oder der portugiesischen Organisation Re-food in erster Linie um die Versorgung von Bedürftigen, sondern darum, die Verschwendung von Nahrungsmitteln zu stoppen. Mehr als die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. Diese schockierende Tatsache hat der Dokumentarfilm „Taste the Waste“ von Valentin Thurn, der wesentlich zur Gründung von Foodsharing beigetragen hat, eindrucksvoll demonstriert. Seit ich bei Foodsharing aktiv geworden bin und die Mengen an Lebensmitteln sehe, die im Normalfall weggeworfen werden, wundert mich diese Zahl nicht mehr.

© Jonathan DateSo ging es wahrscheinlich auch Raphael Fellmer, der als einer der Ersten Lebensmittel aus der Tonne rettete und im März 2012 mit der Bio-Supermarktkette Bio Company die erste offizielle Kooperation zwischen einem Lebensmittelbetrieb und einem Foodsaver ins Leben rief. Gleichzeitig gründete der Dokumentarfilmer Valentin Thurn den Verein foodsharing e.V., dessen Plattform foodsharing.de im Dezember 2012 online ging und seitdem immer mehr Menschen dazu motiviert hat, sich zu engagieren.

Was die Foodsaver später mit den geretteten Lebensmitteln machen, ist ihnen überlassen: Ob sie die Ware selbst konsumieren, in der WG teilen oder zu einem der Fair-Teiler bringen, wo andere Menschen sie abholen können, ist egal – Hauptsache, die Lebensmittel werden gegessen.

Und jetzt geht die Arbeit erst richtig los

Das allerdings ist oft gar nicht so leicht. Auf dem Markt am Maybachufer haben wir es nach anderthalb Stunden mit Müh und Not geschafft, einen Großteil der für die Tonne bestimmten Lebensmittel zusammenzutragen. Wir stehen erschöpft im Kreis um einen Haufen aus etwas ältlichem, aber definitiv noch essbarem Gemüse und Obst und fühlen uns erschlagen von den Mengen. Chris macht den Anfang: „Wer will den Brokkoli? Fünf Köpfe, jeder kann einen haben...“

Ich fülle meinen Rucksack mit etlichen halb-matschigen Tomaten, Orangen, Bananen, Äpfeln, Avocados und drei Bündeln Minze. Mehr kann ich beim besten Willen nicht tragen, und schon gar nicht konsumieren. Was wir nicht mitnehmen können, verschenken wir schließlich an Passanten, die sich nach der ersten Überraschung sichtlich freuen.

Müde und mit prall gefüllten Rücksäcken machen meine Mitbewohnerin und ich uns auf den Heimweg. Die nächsten zwei Stunden werden wir mit dem Einkochen der Lebensmittel verbringen, um sie haltbar zu machen. Zum Abendessen gibt es Spaghetti mit (geretteter) Tomatensauce.
Birke Carolin Resch
hat in Hamburg, Kopenhagen und Amsterdam Ethnologie mit Schwerpunkt Migration studiert. Sie ist in Berlin geboren, hat die deutsche Hauptstadt aber erst in den vergangenen vier Jahren kennen und lieben gelernt. Nun hat es sie nach Lissabon verschlagen, wo sie als freiberufliche Deutschlehrerin arbeitet, in jeder freien Minute zeichnet und in ihrem Blog (ZwischenLissabonundBerlin) über Lissabon und Berlin berichtet.

Copyright: Tudo Alemão
Mai 2017

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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