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Paradoxes Deutschland

© Birke Resch© Birke Carolin ReschWarum herrscht in Deutschland eigentlich ab 22 Uhr Nachtruhe, aber auf der Autobahn haben Raser freie Fahrt? Was für viele Deutsche so selbstverständlich ist, wirkt für Neuankömmlinge oft widersprüchlich. Gespräche aus meinem Integrationskurs.
Mahmud betritt wie immer pünktlich um vier Uhr nachmittags als erster den Klassenraum. Er ist 20 Jahre alt, klein und schmächtig, mit dunklen, gelockten Haaren. In Berlin wohnt er mit einem seiner Brüder zusammen, ein anderer Bruder hat es nach München geschafft. Der Rest der Familie ist noch in Syrien.

„Hallo Mahmud, wie geht’s dir?“, begrüße ich meinen Schüler. „Gut“, grinst Mahmud, ein bisschen schüchtern. „Aber Problem“, sagt er dann, immer noch lächelnd, und holt ein großes Bündel geöffneter Briefumschläge aus dem Rucksack. „So viele Briefe, alle von Jobcenter, warum?“, stöhnt er und lässt sich auf einen Stuhl fallen. „Die Deutschen lieben Briefe schreiben“, fügt er resigniert hinzu.

Mahmud ist mit seinem Problem nicht allein: Fast alle Kursteilnehmer bringen regelmäßig Schreiben vom Jobcenter mit, in komplizierter Behördensprache verfasst. Wörter wie Ausländerbehörde oder Familiennachzug lernen Geflüchtete, aus der Notwendigkeit heraus, bevor sie Guten Tag sagen können, aber die Sprache der Beamten ist auch für viele Deutsche schwer verständlich. Für Deutschlerner ist sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Die deutsche Verwaltungsstruktur ist nicht die einzige Hürde für Neuankömmlinge in Deutschland, die große Verwirrung und manchmal Verzweiflung hervorruft. Sprachschulen sind meistens der erste Ort, an dem ein echter Austausch zwischen Geflüchteten und Deutschen stattfindet, als Integrationskursleiterin war ich die erste Anlaufstelle für Fragen. Im Kurs äußerten meine Schüler ihre Zweifel und ihre Verblüffung über deutsche Gesetze, Gewohnheiten und Gebräuche – und brachten mich oft zum Nachdenken.

Mischung aus Laissez-faire und strengen Regeln

© Claudia Voigt-ReschZum Beispiel zum Thema Nachtruhe. Im sogenannten Orientierungskurs, in dem ich in drei Wochen Kenntnisse zu Staat, Gesellschaft und Geschichte Deutschlands vermitteln soll, erkläre ich meinen Schülern, dass in Deutschland ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht. Das müssen die Teilnehmer wissen, denn diese Frage kann im anschließenden Test „Leben in Deutschland“ drankommen.

„Ab zehn Uhr abends müsst ihr leise sein in Deutschland, keine laute Musik, keine Partys. Das ist das Gesetz.“ Ich blicke in verdutzte Gesichter. „Also schlafen alle Deutschen dann um 22 Uhr?“, fragt Rami ungläubig. „Nein“, beeile ich mich zu sagen. „Sie sind nur leise.“ „Und die Kinder? Kinder sind doch nie leise“, wirft Habib ein. „Hm ja“, sage ich, „die Kinder sollten doch dann schon schlafen, oder?“ Ich sehe, wie meine Schüler skeptische Blicke austauschen.

„Ich verstehe Deutschland nicht“, erklärt Zain jetzt. Er hat kurzgeschorene Haare und ein breites, muskulöses Kreuz, weil er fast jede Nacht im Fitnessstudio trainiert. Seine Frau und seine zwei kleinen Kinder sind in Syrien geblieben. Beim Reden gestikuliert er wild mit den Armen. „Manchmal ist Deutschland so streng, und dann wieder gar nicht streng. Deutsche trinken immer und überall Bier und auf der Autobahn fahren sie 200. Und am Strand haben sie keine Kleidung an. Aber sie müssen abends leise sein?“

Darauf habe ich keine Antwort parat, denn Zains Argument ist berechtigt. Die so typisch deutsche Mischung aus penibel eingehaltenen Regeln und liberalem Laisser-faire ist widersprüchlich. In Deutschland wird man zurechtgewiesen oder von der Polizei angehalten, wenn man bei Rot die Straße überquert, aber bestimmte Freiheiten, in anderen Ländern undenkbar, möchte sich hier niemand nehmen lassen.

Obdachlose trotz Sozialstaat

Noch etwas anderes liegt meinen Schülern auf dem Herzen. „Warum wohnen in Deutschland Menschen auf der Straße, sogar im Winter?“, fragt Rami. Die anderen nicken zustimmend. „Deutschland ist doch reich. Und wir sind nicht Deutsche, und bekommen eine Wohnung und Essen und Geld? Und warum hilft die Familie nicht?“

© Jonathan DateNoch ein schwer erklärbares Paradox, das selbst ohne Sprachbarrieren nicht so einfach zu fassen ist. Was in Deutschland der Staat macht oder machen sollte, übernimmt in anderen Ländern und Kulturen die Familie. Manchmal liegen Welten zwischen Berlin und Damaskus, Bagdad oder Asmara. Mir gelingt es nicht, meinen Kursteilnehmern zu erklären, warum im reichen Deutschland Obdachlose auf der Straße erfrieren und alte Leute im Altenheim leben.

Darüber sprechen hilft trotzdem. Es ist ein langer Prozess, neue Sichtweisen zuzulassen und Ängste abzubauen – auf beiden Seiten. „Naja“, Zain zuckt schließlich mit den Schultern und grinst. „Syrien ist auch nicht logisch.“
Birke Carolin Resch
hat in Hamburg, Kopenhagen und Amsterdam Ethnologie mit Schwerpunkt Migration studiert. Sie ist in Berlin geboren, hat die deutsche Hauptstadt aber erst in den vergangenen vier Jahren kennen und lieben gelernt. Nun hat es sie nach Lissabon verschlagen, wo sie als freiberufliche Deutschlehrerin arbeitet, in jeder freien Minute zeichnet und in ihrem Blog (ZwischenLissabonundBerlin) über Lissabon und Berlin berichtet.

Copyright: Tudo Alemão
Oktober 2017

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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