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Urban Exploration in Brandenburg:
Die sowjetischen Anlagen bei Vogelsang

© Lucas Galindo© Lucas GalindoDas Bundesland Brandenburg umgibt die Metropole Berlin, hat jedoch bei uns Stadtmenschen kein gutes Image. Auch ich bin nie dort gewesen. Die Assoziationen reichen von leeren Landschaften und verfallenen Dörfern bis hin zu Neonazis und AfD. Naja, immerhin wurde unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel dort geboren. Ob sich ein Besuch der verlassenen, sowjetischen Militäranlage bei Vogelsang lohnt?
Der tschechische Erasmus-Student, der mich auf die Idee mit dem Urbex gebracht hat, belegt Geschichte und Politik und kennt sich gut aus mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er beschäftigt sich in seiner Freizeit mit obskuren und verlassenen Orten, die er gerne besucht und dabei Fotos schießt. Das Hobby nennt er Urban Exploration, kurz Urbex. Ihm zufolge gibt es nicht weit von Berlin, in Brandenburg, eine verlassene Militäranlage der Sowjets, die sich für einen Ausflug am Wochenende perfekt eignet. Ich gebe zu, dass ich noch nie in Brandenburg war und das auch nicht geplant hatte. Doch seine Beschreibung klingt spannend, und so machen wir uns an einem Sonntag im Frühsommer auf nach Vogelsang.

Mit dem Brandenburg-Berlin Ticket nach Vogelsang

Als Studenten dürfen wir in ganz Berlin die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, in Brandenburg gilt dies allerdings nicht. Vogelsang erreicht man am besten mit der Deutschen Bahn. Für Ausflüge am Wochenende gibt es besondere Angebote. Die Frau am Schalter im Hauptbahnhof empfiehlt uns das Brandenburg-Berlin Ticket. Bis zu fünf Personen können damit am Wochenende das Bundesland entdecken und zahlen für die 2. Klasse insgesamt 29 Euro. Wir sind zu dritt und kommen damit auf etwa zehn Euro pro Person. Die Fahrt dauert ungefähr eine Stunde, dazu kommt etwas Wartezeit, da wir einmal umsteigen. Der Tscheche erzählt, dass fast 15.000 Menschen in der nach dem zweiten Weltkrieg errichteten Anlage im Gebiet der ehemaligen DDR lebten. Es handelte sich um eine der größten sowjetischen Garnisonen außerhalb des Heimatlandes. Während des kalten Krieges waren dort sogar eine Zeit lang Nuklearraketen stationiert.

Pflanzen überwuchern die Anlage aus dem Sozialismus

Vogelsang liegt nördlich von Berlin und der gleichnamige Bahnhof ist klein und etwas abgelegen. Man kann sich auf Blogs der Urbex-Szene über die Route informieren. Es geht dabei durch Waldgebiet, allerdings gibt es ausgetretene Pfade und mehr Wege, als erwartet. Wir erreichen die ersten Gebäude. Gestrüpp und junge Bäume schließen sie ein, seit 1993 liegt die Anlage brach. Die Architektur ist funktional, die meisten Fenster sind eingeschlagen und die Türen stehen offen. Man fühlt sich an Filme und Polaroids vom russischen Regisseur Andrei Tarkovsky erinnert.
© Lucas Galindo Zuerst erkunden wir eine alte Sportanlage. Hier haben Soldaten und ihre Kinder wohl Ball gespielt. Das Feld ist völlig überwuchert. Die Soldaten lebten hier mit ihren Familien, es gibt sogar ein erstaunlich großes Schulgebäude. Man erkennt, wo sich die Tafeln befanden und es hängen sogar noch Teile des russischen Alphabets an den Wänden. In den Wohnhäusern lebten die Familien auf engem Raum zusammen. Einige besaßen sogar Badewannen. Vielleicht wurden sie auch kollektiv genutzt. Wir wandern weiter und entdecken noch eine Sportanlage, diesmal aber eine Halle, die mit Basketballkörben ausgestattet war.

Wir sind, anders als erwartet, nicht die einzigen Besucher. Mehrere Grüppchen junger Leute begegnen uns. Sie kommen offenbar auch aus Berlin und tragen meist Kameras bei sich. Vogelsang ist also bekannter, als ich dachte. An vielen Wänden haben sich auch Graffiti-Künstler verewigt und wir finden Bierflaschen und Reste eines Lagerfeuers.

Als nächstes betreten wir einen Theater- und Kinosaal. Der Saal ist mit schönem Parkett ausgestattet, das sich inzwischen natürlich ablöst. Man erkennt die Kammer, in der einmal der Projektor stand. Die Öffnungen in der Wand sprechen dafür. Neben den funktionalen Bauten stoßen wir auch auf ein relativ luxuriöses Haus, das bestimmt für eine hochrangige Persönlichkeit aus dem Militär gedacht war. Insgesamt sind die Anlagen nicht baufällig, nirgendwo wirkt es so, als würde ein Gebäude bald einstürzen. Wir entdecken nur ein einziges Zimmer, in dem das Dach durchbrochen ist und die Pflanzen beginnen, im Innenraum zu wachsen. Ein letztes Highlight ist ein Bau, der wahrscheinlich mit der Heizung zu tun hatte. Die Rohre und Geräte lassen darauf schließen und wirken etwas gruselig. Bisher fand ich die Kaserne nicht wirklich unheimlich, hier dagegen könnte man einen Horrorfilm drehen.

Nun ist es Zeit, nach Berlin zurückzukehren, der Sonntag neigt sich dem Ende zu. Für mich war der Ausflug eine spannende neue Erfahrung. Ich habe noch nie eine solche Anlage besucht und Urban Exploration betrieben. Die Spuren der Geschichte zu erkunden hat mir gut gefallen und mir sind einige tolle Fotos mit abgelaufenem Analogfilm gelungen. Ich kann den Ausflug weiterempfehlen, etwas Vorbereitung ist aber wichtig, damit man den Weg findet. Auch sollte man mindestens zu zweit oder am besten zu dritt unterwegs sein.
Mit dem GPS auf dem Smartphone ist es heutzutage aber weniger wahrscheinlich, dass man sich verirrt und ganz so wild ist Brandenburg auch für uns Stadtmenschen dann doch nicht.
Lucas Galindo
studiert Kunstgeschichte in Berlin und entdeckt gerne neue Orte in der Stadt.

Copyright: Tudo Alemão
Mai 2018

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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