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Lohnt es sich, Neukölln zu besuchen?
Meine Tipps nach drei Jahren im Kiez

© Lucas Galindo© Lucas GalindoBerlins Stadtviertel Neukölln ist deutschlandweit bekannt als DER Problembezirk des Landes. Migrantenviertel, Ghetto, Kriminalität und Drogenhandel sind Stichworte, die in Bezug darauf oft fallen. Wer selbst dort lebt, sieht das entspannter. Junge urbane Leute haben die Gegend mit vergleichsweise günstigen Mieten für sich entdeckt und leben zwischen Arabern und Türken oder alteingesessenen Berlinern. Auch ich wohne dort und möchte nach drei Jahren Kiez hier davon berichten.
Ich wohne an der großen Hermannstraße, also mitten in Neukölln. Dort ist immer viel los, aber besonders der Berufsverkehr am Morgen und Abend hat es in sich. Bei gutem Wetter stehen und sitzen viele Leute draußen, aber nicht nur in Cafés, sondern vor Wohnhäusern und Eingängen, dabei läuft laut Musik und oft riecht es nach Cannabis. Manchmal hört man plötzlich laute Hupkonzerte und eine Reihe teurer Autos fährt vorbei - Das ist bei türkischen Hochzeiten so Brauch. Die Geschäfte und Cafés der Straße bilden eine bunte Mischung. Nahe meiner Wohnung liegen Wettbüros für Sportwetten, ein türkisches Café, das guten Schwarztee und Gebäck anbietet und ein Fahrradladen, den es schon seit 30 Jahren gibt.

© Lucas GalindoNatürlich gehören auch die beliebten Spätis zum Stadtbild, die bis tief in die Nacht offen sind und Getränke, Zeitschriften und Tabak anbieten. Seit einigen Jahren tauchen immer mehr günstige Läden für Handys und Elektronik auf und ein Geschäft für muslimische Religionsartikel hat vor kurzem erst eröffnet. Auch die hippen Cafés mit veganem Angebot und hohen Preisen gibt es erst seit wenigen Jahren, eines hat sich neben einer Altberliner Kneipe angesiedelt, in der Rauchen erlaubt ist und in der meist ältere Berliner sitzen. Am liebsten schaue ich mir aber die kuriosen Möbelgeschäfte an. Sie verkaufen zum Beispiel prunkvolle Sessel in Kindergrößen. Viele Ladeninhaber im Viertel sind sehr kreativ und stellen witzige Dinge in ihre Schaufenster. Diese wilde Mischung von Geschäften und seltsamen Details bei einem Spaziergang zu entdecken, macht großen Spaß.

Gute und günstige Küche für jeden Geschmack

Auch die vielen Restaurants und orientalischen Imbissbuden laden zum Ausprobieren ein. Das Beste daran: Die Preise sind in der Regel niedrig, das Essen dabei sehr gut. Ein Klassiker in ganz Deutschland ist der Döner, der in seiner modernen Variante hier in Berlin entstanden ist. In Neukölln gibt es besonders viele der kleinen Restaurants, in denen sich ein dicker Dönerspieß dreht, von dem die Verkäufer mit langen Messern Fleisch abschaben. Das Ganze wird in einem Fladenbrot mit Gemüse und Kräutersoße serviert und ohne Besteck gegessen. Für Vegetarier eignet sich die Variante mit Falafel, Bällchen aus Kichererbsen mit Gewürzen. Für den kleinen Hunger empfehle ich Kichererbsensuppe, die gerne mit viel Beilage wie Brot, Rettich und scharfer Paprika serviert wird. Oder einfach ein Glas Schwarztee, das man mit traditionellem Gebäck wie Baklava begleiten kann. Das sind kleine Blätterteig-Kuchen, sehr süß und zum Beispiel mit Pistazien-Paste gefüllt. In den letzten Jahren sind außerdem Burgergrills beliebt geworden. Auch gegenüber meiner Wohnung hat einer eröffnet und in der Umgebung gibt es eine Menge davon.

© Lucas GalindoAber nicht nur beim Thema Essen kommt man auf seine Kosten: Ein besonderer Tipp für Kulturfans ist die Kindl-Brauerei. Das alte Gebäude sieht von außen wie eine Backstein-Kirche aus und dient inzwischen als Galerie für Gegenwartskunst. In den Räumen mit den Braukesseln gibt es einen schicken Bar- und Café-Bereich. Mit dem Fahrstuhl fährt man zur höher gelegenen Ausstellung, die in den früheren Maschinenräumen liegt. Aktuell ist zum Beispiel Videokunst zu sehen, die durch Fotografien und einige Skulpturen ergänzt wird. Das Künstlerduo Taiyo Onorato und Nico Krebs arbeitet darin dokumentarisch, aber verfremdet die Motive und erzeugt überraschende Effekte. Sie haben beispielsweise Objekte aus der Mongolei mitgebracht, Bäume, die sich über viele Jahre mit Metallzäunen verbunden haben und eine seltsame Mischung bilden. Oder sie filmen neuartige Industrieroboter mit alten 16mm-Kameras - das Ergebnis wirkt gleichzeitig hochmodern und altmodisch.

Im Stadtviertel Neukölln kann man abseits der typischen Sehenswürdigkeiten also viel buntes Leben und Kulturangebote entdecken. Meiner Meinung nach lohnt sich das Erlebnis. Kommt auch einmal vorbei!
Lucas Galindo
studiert Kunstgeschichte in Berlin und entdeckt gerne neue Orte in der Stadt.

Copyright: Tudo Alemão
September 2018

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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