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Alle wollen nach Berlin?! Wohnungsnot in Deutschlands Hauptstadt

© Lucas Galindo© Lucas GalindoIn den letzten zehn Jahren hat sich die Lebenssituation in Berlin stark verändert, immer mehr Menschen wollen in die boomende Hauptstadt ziehen, was Investoren und Wohneigentümer für sich nutzen und die Mieten erhöhen. Die Zeit, in der Kunstschaffende wie David Bowie oder Nan Goldin wegen der günstigen Preise herzogen, ist wohl vorbei.
Ich kam 2010 nach Berlin und bin seitdem vier Mal umgezogen. Jedes Mal wurde es teurer. Ich habe drei Mal in Wohngemeinschaften gelebt und zwei mal in Einzelwohnungen. Als ich für mein Studium in die Hauptstadt zog, gab es noch Angebote für Einzelwohnungen um die 300 Euro und WG-Zimmer um die 150 Euro. Ich hatte das Glück, ein Semester in der Wohnung eines Bekannten zu leben, die anderen Angebote schienen mir zu teuer. Heute weiß ich es besser und ärgere mich, nichts dauerhaftes gesucht zu haben. Nach einer chaotischen Zeit in verschiedenen WGs nahm ich 2014 das Angebot einer Einzelwohnung mit 38 m² an. 2018 zahlt man den gleichen Preis für manche 12 m²-Zimmer in Wohngemeinschaften. In der nächsten Zeit werde ich wohl nicht mehr umziehen.

Seit 2009 stiegen viele Mieten in Berlin um fast 100%

Die Stadt ist seit 2010 voller und teurer geworden, vor allem junge Leute aus aller Welt werden von Berlins Lebensstil angezogen. Auch durch die Flüchtlingskrise seit 2015 kamen mehr Menschen in die Stadt. Man merkt, dass Events, Parks, Flohmärkte oder U-Bahnen voller sind als damals. Auch die Konkurrenz bei der Suche von Wohnungen und WGs ist härter. Natürlich schwanken die Preise zwischen den Stadtteilen deutlich. Außerhalb des S-Bahn-Rings, der die Innenstadt von den Randbezirken trennt, sind die Mieten niedriger. Innerhalb des Rings sind die ursprünglichen Arbeiterviertel Wedding und Neukölln am preiswertesten, ganz oben liegt das bei Touristen beliebte und schicke Berlin-Mitte. Die Preise stiegen in manchen Gegenden seit 2009 fast um das doppelte, in meiner Zone Hermannstraße West um 89%. Deshalb beginnen viele junge Familien in die Randbezirke zu ziehen, zum Beispiel nach Spandau.

Die Gentrifizierung ist an vielen Orten sichtbar. Viele Menschen leiden unter Sanierungen, nach denen die Miete erhöht wird. Zwischen den typischen Berliner Altbauten entstehen luxuriöse, moderne Wohngebäude, die sich nur wenige Menschen leisten können. Ganz oben liegt meist ein Penthouse. Auch in meiner Straße gibt es Beispiele. An einer Kreuzung wurden kürzlich Bungalows mit günstigen Restaurants plattgemacht, nun soll dort ein exklusives Boardinghouse entstehen, in dem Firmen ihre Mitarbeiter einige Monate lang wohnen lassen. Die Miete für 55 m²-Wohnungen beträgt dort 1599€, was aber die Firmen übernehmen. Das Gebäude wird im eher sozial schwachen und alternativen Neukölln völlig fehl am Platz sein.

Früher gab es mehr alternative Szene, heute geht es um das coole Image Berlins

© Lucas GalindoEine Freundin von mir, Berry, wagte 2018 den Schritt, etwas neues zu suchen. Sie kam 2011 aus Irland nach Berlin und zog ebenfalls häufig um, insgesamt elf Mal. In die Stadt war sie wegen der dynamischen Kunstszene gezogen, wegen des queeren Lebens und der günstigen Preise. Sie nahm an vielen Kunstprojekten teil und lebte für zwei Jahre in einem Wohnprojekt in Weißensee, wo sie 180 Euro für ihr Zimmer zahlte. Für einige Jahre musste sie nach den Umzügen nie mehr als 300 Euro zahlen und mit ihrem damaligen Freund teilte sie sich eine Einzelwohnung für 400 Euro. In der letzten Zeit sieht auch sie große Veränderungen in der Stadt, was, so vermutet sie, mit dem Trend der Startups begann. Berlin wurde seither immer mehr zu einem Ort für junge, digitale Unternehmen. Ihr zufolge gab es früher Platz für Freaks, jetzt ist die Stadt viel mehr Mainstream und es geht vor allem um das coole Image. Sie kritisiert, dass die besondere soziale Szene der Stadt immer mehr verschwindet und stattdessen oberflächlich wird. „Menschen aus aller Welt wollen Teil der hippen Szene sein, kennen aber kaum die Geschichte des Berliner Stadtlebens“, sagt sie enttäuscht.

Durch einen Glücksfall fand Berry schließlich ihre aktuelle Einzelwohnung im Wedding. Bei einem WG-Casting kam sie mit einer Mitbewerberin ins Gespräch, die nicht mehr alleine wohnen wollte und ihre Wohnung mit alten Mietverträgen an Berry weitergab. Leider haben nicht alle dieses Glück. Die Politik wacht erst langsam auf, man hat aber das Gefühl, sie ist machtlos. Lange Zeit galt Berlin als alternative und günstige, etwas dreckige Stadt. Diese Zeit ist wohl vorbei.
Lucas Galindo
studiert Kunstgeschichte in Berlin und entdeckt gerne neue Orte in der Stadt.

Copyright: Tudo Alemão
Oktober 2018

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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