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Berlin-Schöneberg - Bürgerlicher Kiez oder besonderer Flair des Andersseins?

© Jonathan Date© Jonathan DateMeine neue Wohnung liegt in Schöneberg. Der Stadtteil im Südwesten von Berlin findet neben den Szene-Kiezen Neukölln oder Kreuzberg wenig Beachtung – zu Unrecht, wie ich finde.
Schöneberg und Neukölln - zwischen diesen beiden Stadtteilen scheinen Welten zu liegen. Neukölln steht für das, was Hipster, Studenten, Künstler und Kreative gemeinhin mit Berlin verbinden. Schöneberg - und vor allem das Bayerische Viertel - ist das genaue Gegenteil davon. Da wo ich jetzt wohne, sind die Gehsteige sauber, die Restaurants teuer und die Straßen nachts wie ausgestorben. Wahrscheinlich kommt es mir deshalb manchmal so vor, als sei ich nicht in einen anderen Kiez, sondern in eine andere Stadt gezogen.

Kiez - so nennen Berliner Stadtteile oder Wohnbereiche, die nicht unbedingt mit administrativen Grenzen übereinstimmen und in denen sich eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt hat. Wer kann, bleibt seinem Kiez treu. Doch steigende Mieten und Wohnungsknappheit zwingen immer mehr Berliner zum Umziehen. Und wer wie ich nach zwei Jahren aus dem Ausland zurückkommt, kann bei der Wohnungssuche nicht wählerisch sein.

Konzipiert für wohlhabende Bürger

Eine neue Stadt - dieser Gedanke ist gar nicht so abwegig. Tatsächlich war Schöneberg bis nach dem ersten Weltkrieg eine eigenständige Stadt. Erst mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 verleibte sich die deutsche Hauptstadt das kleine Schöneberg als elften Verwaltungsbezirk ein und beendete so dessen Autonomie. Wohlhabend und elegant war Schöneberg aber schon vor dieser Vereinnahmung: das Schöneberger Rathaus, in dem der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy viele Jahrzehnte später die berühmten Worte „Ich bin ein Berliner“ sprechen sollte, die U-Bahn, die mit fünf Stationen heute die kürzeste U-Bahn-Linie Berlins ist und eben besagtes Bayerisches Viertel mit den herrschaftlichen Wohnhäusern, all das gab es damals schon.

© Jonathan DateAuf Wikipedia heißt es, das Bayerische Viertel zähle zu den „bevorzugten Wohnlagen Berlins“, und genauso wurde es vor dem ersten Weltkrieg auch konzipiert. Der jüdische Unternehmer und Kaufmann Salomon Haberland wollte damals ein Quartier für das betuchte Großbürgertum schaffen. Die großzügig angelegten Häuser, breiten Straßen und dekorativen Plätze lockten bald wohlhabende Anwälte und Ärzte, Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler an, unter ihnen viele berühmte Persönlichkeiten und viele Juden. Albert Einstein wohnte hier, der Psychoanalytiker Erich Fromm und der Regisseur Billy Wilder. Alle drei waren, wie viele ihrer Glaubensgenossen gezwungen, kurz nach Hitlers Machtergreifung auszuwandern. Die Nazis sorgten dafür, dass das Bayerische Viertel, einst Zentrum jüdischen Lebens in Berlin, bis 1943 „judenfrei“ war. 6.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden deportiert.

Spuren der NS-Verbrechen

Das Bayerische Viertel ist deshalb auch ein Stadtteil, in dem die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und der Holocaust besonders präsent sind. Im Rathaus Schöneberg erinnert die Dauerausstellung „Wir waren Nachbarn“ an die jüdischen Bewohner des Viertels. Über 150 biografische Alben mit Fotos und persönliche Dokumenten geben einen Einblick in das Leben all derer, die jahrelang hier lebten, bis die Nazis einen brutalen Schlussstrich zogen.

Auf ein anderes Mahnmal stoßen Besucher in den Straßen des Bayerischen Viertels. „Juden müssen den Namen 'Israel', Jüdinnen den Namen 'Sara' als zusätzlichen Namen führen“ steht auf einem Schild in der Münchener Straße. Und ein paar Meter weiter: „Wanderungen jüdischer Jugendlicher in Gruppen von mehr als 20 Personen sind verboten.“ 80 dieser Tafeln mit Auszügen aus nationalsozialistischen Gesetzestexten dokumentieren die Ausgrenzung und Entrechtung der Juden im Dritten Reich. Wer die prachtvollen Bauten im Bayerischen Viertel bewundert, kann nicht das grausame Unrecht ausklammern, das einem Teil der ehemaligen Bewohner angetan wurde.

Party-Mekka der 70er

© Jonathan DateAber nicht nur das jüdische Leben im Bayerischen Viertel, sondern auch die Motzstraße ein paar Ecken weiter, war den Nazis ein Dorn im Auge. Die 1,5 Kilometer lange Straße, die den Nollendorfplatz mit dem Prager Platz verbindet, war schon in den 1920er Jahren bekannt für ihre Schwulenszene. Die Nazis setzten der relativ offen gelebten Homosexualität vorübergehend ein Ende, doch heute reihen sich in der Motzstraße wieder schwule Bars neben Fetisch-Geschäfte für Lack- und Leder-Outfits. Jedes Jahr im Juni veranstaltet die Szene das Motzstraßenfest, ein lesbisch-schwules Straßenfest, und im September treffen sich ganz in der Nähe die Anhänger der Leder- und Fetisch-Szene aus ganz Europa.

Auch die Berliner Club-Szene hatte Schöneberg einst zum Treffpunkt auserkoren. Damals verlief die Mauer quer durch Berlin und Partygänger tanzten die Nächte in Schöneberger Clubs durch. Zum Beispiel im legendären „Dschungel“, den neben David Bowie und Iggy Pop auch Nick Cave frequentiert haben sollen. Bowie wohnte in den 1970ern sogar einige Jahre in der Hauptstraße 155 in Schöneberg und produzierte drei Alben, seine Berlin-Trilogie. Die Single „Where are we now“ ist auch eine Hommage an seine Berliner Jahre. Erst nach dem Mauerfall verlagerte sich das Nachtleben in andere Kieze, viele Clubs mussten schließen.

Seitdem ist es sicherlich ruhiger geworden im Kiez. Aber ein gewisses Flair ist geblieben.
Birke Carolin Resch
hat in Hamburg, Kopenhagen und Amsterdam Ethnologie studiert und sich dabei vor allem mit Migration, Islam in Europa und Rassismus beschäftigt. Sie hat zwei Jahre in Lissabon gelebt, Deutsch unterrichtet und als freiberufliche Redakteurin gearbeitet, bevor es sie zurück nach Berlin zog. Auf ihrem Blog schreibt sie über Kurioses & Kulturelles in der deutschen Hauptstadt.

Copyright: Tudo Alemão
Februar 2019

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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