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Das Tacheles – Berlins alternative Kunstszene in Gefahr

In vielen Reiseführern wird ein besetztes Kaufhaus in einem Atemzug mit der East Side Gallery oder dem Checkpoint Charlie genannt. Jahr für Jahr zieht das Tacheles rund 400 000 Besucher aus aller Welt an, alle wollen hier das „alternative Berlin“ erleben und Künstlern und ehemaligen Hausbesetzern beim Leben und Arbeiten zugucken.

© Oliver Soos

Die Oranienburger Straße ist die bekannteste Flaniermeile im Ostberliner Szenebezirk Mitte. Nacht für Nacht strömen hier Tausende Einheimische und Touristen in die schicken Cocktailbars, Pizzerien und indischen Restaurants. Wenige Meter vor der Kreuzung zur Friedrichstraße steht ein Berliner Kultur-Symbol: eine alte halb verfallene mit Graffiti besprühte Bauruine, früher ein Kaufhaus, jetzt ein Künstler-Zentrum – das Tacheles.

Künstler als Touristenattraktion

© Oliver SoosDurch ein düsteres Eingangstor geht es hinein in ein fünfstöckiges Treppenhaus. Wohl an kaum einem anderen Ort in der Stadt gibt es mehr Graffiti, Plakate und Aufkleber an der Wand. Es ist bunt, chaotisch und ranzig – ein ganz spezielles Ostberliner „Bauruinen-Flair“. Gruppen von Touristen strömen durch die Flure, man hört ein Kauderwelsch aus Spanisch, Polnisch und Schwedisch.

Im dritten Stockwerk führt ein langer Gang vorbei an mehreren Ateliers und Werkstätten in eine Halle, in der man das Gefühl hat, man sei auf einem Wochenmarkt in den Anden gestrandet. Eine Gruppe von südamerikanischen Künstlern verkauft Strickmützen, Umhängetaschen, selbst gefertigte Halsketten, Ohrringe und Skulpturen aus Blech und Kork. Aus kleinen Boxen tönt chillige Gitarren-Musik.

Ein chaotisches, buntes Haus

© Oliver SoosIn der fünften Etage zeigt Alexandr Rodin aus Minsk seine düsteren, bedrohlich wirkenden Riesen-Gemälde. Der „Neoromantiker“ aus Weißrussland würfelt auf meterhohen Leinwänden verschiedenste Gegenstände, Figuren und futuristische Elemente zusammen, dazwischen mal ein Auge, ein Finger, eine Hand. Die Bilder zeigen unendlich viele Details, sind kaum zu durchdringen und versetzen viele Besucher ins Staunen. „In meinem Land kann ich meiner Arbeit nicht auf diese Art und Weise nachgehen und meine Bilder ausstellen“, sagt Alexandr Rodin. „Im Tacheles aber kann ich alles verwirklichen, was ich will.“

Künstler besetzten ein leer stehendes Haus

Vor gut 20 Jahren, kurz nach der Wende, wäre das Tacheles fast abgerissen worden. Der Sprengmeister hatte schon die Vorbereitungen getroffen, da besetzte eine Gruppe von Künstlern und linken Aktivisten das Haus. Die Initiative „Tacheles“ richtete sich häuslich ein, gründete einen Verein und eröffnete das „Cafe Zapata“, das auch einen mit Sand ausgelegten Teil des Innenhofs als „Strandbar“ genutzt hat. Das Tacheles-Projekt stieß auf Zustimmung bei den Medien und in der Politik und wurde zum Touristen-Magnet. Jahrelang konnten sich die Künstler frei entfalten, davon zeugen auch zahlreiche Blechskulpturen auf dem Innenhof.

Nun soll das Gelände versteigert werden

© Oliver SoosDoch jetzt ist die Zukunft des Tacheles ungewiss, es droht sogar das Aus. Die kommerziellen Nutzer im Gastronomie-Bereich haben sich mit den Künstlern zerstritten. Die Eigentümergesellschaft, der das Gelände gehört hat, ist pleite. Und um das Geld für die Kredite wieder einzutreiben, will die Gläubigerbank das Tacheles versteigern lassen. Ein Angebot der Künstler über knapp 3 Millionen Euro wurde bereits abgelehnt. Die Bank will das Tacheles nur als Paket, mit der angrenzenden 25 300 Quadratmeter großen Brachfläche verkaufen, für mindestens 35 Millionen Euro. Es ist ein so genanntes „Filet-Grundstück“ in Toplage im Zentrum von Berlin. Würde man das Tacheles abreißen und an dessen Stelle ein Wohn- und Gewerbegebiet bauen, könnte man sich damit eine goldene Nase verdienen. Als Favorit für den Kauf des Areals gilt der Hamburger Immobilieninvestor Harm Müller-Spreer, der schon das „Spreedreieck“ am Bahnhof Friedrichstraße zu einem modernen Einkaufszentrum ausgebaut hat.

Die letzten Künstler geben nicht auf

Nun hatte ein Teil der Tacheles-Nutzer das Gelände schon verlassen, für eine Zahlung von einer Millionen Euro.

Am 22. März 2012 wurde das Tacheles dann nach einem Räumungsversuch für Besucher gesperrt. Am 26. März 2012 gab das Landgericht Berlin in einer Mitteilung bekannt, dass die Räumung des Kulturhauses Tacheles rechtswidrig war und erließ eine einstweilige Verfügung an den Zwangsverwalter, die Räume des Tacheles umgehend wieder herauszugeben. Das Tauziehen um die alternative Künstlerstätte ging also weiter.

Am Morgen des 4. September 2012 wurde es schließlich geräumt und die Schlüssel einem vom Eigentümer HSH Nordbank eingesetzten Zwangsverwalter übergeben.

Oliver Soos
(geboren in Nürnberg, Deutschland, 1979) hat in Leipzig Musikwissenschaft, Medien und Spanisch studiert und arbeitet als Radioreporter beim Rundfunk Berlin Brandenburg. Dort beschäftigt er sich vor allem mit der Szene in Berlin und allen spannenden Geschichten, die die deutsche Hauptstadt zu bieten hat. Er liebt Südamerika, die Anden und Valencia.

Copyright: Todo Alemán
Mai 2011

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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