Berlin aLive

Berlin im Ohr

Marlene Dietrich in Hollywood, 1930. © Deutsche Kinemathek, Fotograf: Eugene Robert Richee Marlene Dietrich hat eins im Repertoire, Paolo Conte auch und selbst von Robbie Williams soll´s eins geben: Ein Lied über Berlin. Die Liste der größtenteils deutschen, aber auch internationalen Künstler, die Berlin im Lauf der Zeit besungen haben, ist lang und lässt sich bis Anfang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Was hat diese Stadt nur, dass alle Welt meint, ihr ein Ständchen darbringen zu müssen? Schließlich ist der Charme der deutschen Hauptstadt, der die Strapazen der jahrelangen Teilung noch deutlich anzumerken sind, eher von der herben Sorte. Und obwohl Berlin seit der Wende an den entscheidenden Stellen ganz schön rausgeputzt wurde, ist hier und da doch etwas der Lack ab. Offenbar ist es aber gerade das Unperfekte, was die Stadt ausmacht, ihr diese schwer definierbare Faszination verleiht. Und das Künstlern jenen Raum zur Entfaltung bietet, der ihnen in anderen Städten verwehrt bliebe. Welche Musiker sich in den letzten Jahrzehnten von Berlin inspirieren ließen? Lest und hört selbst!

Marlene Dietrich (1901-1992) – Ich hab` noch einen Koffer in Berlin

Marlene Dietrich an Bord der “Bremen” im Frühjahr 1931. © Deutsche Kinemathek, Fotograf: Richard FleischhutWer sein Herz an die deutsche Hauptstadt verloren hat, der macht es am besten wie Marlene Dietrich in diesem weltberühmten Lied: Die legendäre Schauspielerin und Sängerin hatte nämlich vorsorglich einen Koffer in Berlin gelassen, damit sie jederzeit wieder hinfahren könnte, falls sie in Hollywood die Sehnsucht nach ihrer heißgeliebten Heimatstadt übermannte. Paris, Rom, Wien. Glaubt man dem, was Frau Dietrich mit wehmütiger Stimme ins Mikro haucht, so kommt an Berlin einfach keine andere Stadt ran. So sieht effizientes Stadtmarketing aus!

Ich hab noch einen Koffer in Berlin (Video, YouTube)

David Bowie – Helden

Zu einer beachtlichen Legende haben sich die Ereignisse der beiden Jahre verdichtet, die Rockstar David Bowie in Berlin verbrachte – wobei bis heute unklar ist, wer hier von wem profitiert: Die Stadt vom Künstler, oder der Künstler von der Stadt? Bowie kam 1976 nach Westberlin und fand Inspiration im deutschen Expressionismus und der progressiven Musikszene der Stadt, darunter auch die Band „Kraftwerk“. Während Bowies Aufenthalt in Berlin entstand das Album „Heroes“, dessen gleichnamige Singleauskopplung er auch auf Deutsch einsang. Was den bekennenden Berlin-Liebhaber hingegen zu seinem Welthit „Helden“ bewegte, tja, da erweist sich die Quellenlage leider als löchrig. Eine Theorie ist, dass der mysteriöse Songtext von einem Liebespaar im geteilten Berlin erzählt. „Die Mauer im Rücken war kalt, die Schüsse reißen die Luft, doch wir küssen, als ob nichts geschieht“. Könnte hinhauen.

Heroes (Video, YouTube)

PVC - Berlin by night (1979)

Etwa zu der Zeit, als Bowie wieder aus Berlin abreiste, lief eine Band namens PVC zu kreativen Höchstformen auf. 1977 gegründet, leistete die Punkband tonnenschwere Pionierarbeit für die Berliner Punkbewegung, indem sie den Genre-Begriff „Wall City Rock“ etablierte. 1982 stellten die Musiker dann klar, wann die Stadt am faszinierendsten ist: bei Nacht. Ihre new-wavige Ode an das nächtliche Berlin und seine Protagonisten bleibt unvergessen!

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PVC - Berlin by night (live, 2006)

Ideal – Berlin (1980)

„Wir stehen auf Berlin“, von Ideal mehr geschrien als gesungen, heißt so viel wie: Wir finden Berlin super, genial oder einfach nur geil. Kaum einer deutschen Band gelang es, die Faszination der Metropole so kompakt einzufangen wie Ideal. Im Jahr 1980 kam „Berlin“ als eine Art akustischer Reiseführer im Drei-Minuten-Format heraus: Im Eiltempo klappert Sängerin Annette Humpe (heute bei Ich&Ich) zu flotten Beats mit dem Ku´damm, Kreuzberg und der Mauer die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt ab, während sie von Junkies, Hundekot, Hinterhöfen und Türkenmelodien berichtet. Berlin-Feeling pur!

Berlin (Video, YouTube)

Udo Lindenberg – Sonderzug nach Pankow (1983)

Nichts lieber als den „Sonderzug nach Pankow“ möchteUdo Lindenberg Anfang 1983 besteigen. Seine Mission: Im Ostberliner Stadtteil Pankow, wo zu DDR-Zeiten zahlreiche Parteimitglieder wohnten, will er sich DDR-Staatsratspräsident Erich Honecker zur Brust nehmen. Bereits Ende der 70iger Jahre hatte der westdeutsche Rocker den Wunsch geäußert, in Ostdeutschland auftreten zu dürfen – vergeblich, denn zu Zeiten des sozialistischen DDR-Systems war dort alles Westliche verboten. Doch Udo Lindenberg will das nicht einsehen, bringt einen schmissigen Song zu Papier und fragt darin ganz ungeniert, weshalb denn „all die kleinen Schlageraffen“ durch die DDR touren dürften, er hingegen aber nicht. Mit jenem ironischen Bittgesuch an Erich Honecker setzte der deutsche Rocker wider Erwarten durch, im Oktober 1983 als erster Künstler aus dem Westen vor DDR-Publikum auftreten zu dürfen – auch wenn er dabei auf seinen „Sonderzug nach Pankow“ verzichten musste. Sei´s drum. Der beschwingte Song, vermutlich der mutigste Protest, mit dem je gegen das DDR-Regime angesungen wurde, genießt bis heute Kultstatus. Lindenbergs Interesse an der Ost-West-Verständigung soll im Übrigen ein ganz Persönliches gewesen sein. Angeblich habe der Sänger sich nämlich bei einem Besuch jenseits der Mauer in eine Ostberlinerin verliebt und seinen Herzschmerz in der Ballade „Mädchen aus Ostberlin“ verarbeitet. Guter PR-Gag oder wahre Begebenheit? Das weiß wohl nur Herr Lindenberg selbst.

Sonderzug nach Pankow (Video, SAPO)
Mädchen aus Ostberlin (Video, YouTube)

Die Sterne – Big in Berlin (1999)

Ein besonders gelungenes Berlin-Lied stammt paradoxerweise von einer Hamburger Band: Die Sterne. Das Musikvideo zeigt den Sänger der Deutschrockband, Frank Spilker, im Cowboy-Outfit aufs Brandenburger Tor zutraben. Da klingt der Refrain „Wir sind viele und wir sind zu zweit, wir sind Big in Berlin tonight“  fast wie eine ironische Anspielung auf den Rest der Republik, der sich ins Berliner Nachtleben stürzt, um sich auch endlich mal cool zu fühlen. Oder wollten es sich die gewitzten Hamburger schlichtweg nicht nehmen lassen, in ihrem Song leise Kritik am seinerzeit aufkommenden Berlin-Hype unterzubringen? Wie dem auch sei: Neben griffigem Gitarrensound birgt „Big in Berlin“ vor allem die tröstliche Botschaft, dass es mit den richtigen Leuten an der Seite überall spaßig sein kann. Anhören!

Big in Berlin (Video, YouTube)

Seeed - Dickes B

Wenn die elf Musiker von Seeed die Bühne betreten, heißt es in Deckung gehen, denn mit ihrem kraftvollen Einsatz von Trompeten und Posaunen haben sie noch die Wände jeder Konzerthalle zum Wackeln gebracht. Während zum frechen Mix aus Reggae und Dancehall unweigerlich Partylaune aufkommt, lassen die Berliner in ihren Texten gern mal durchblicken, wie stolz sie auf ihre Heimatstadt sind. Lippenbekenntnisse à la „Wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser ziehen“ machen „Dickes B“ zu jenem Gute-Laune-Song, der im Sommer 2001 aus den Boxen jeder Berliner Strandbar schepperte. Die wahre Hymne der Hauptstadt!

Dickes B (Video, YouTube)

Peter Fox - Schwarz zu blau (2009)

Peter Fox, © Erik Weiss/Felix BrödeDa wundert es fast ein bisschen, dass ausgerechnet Peter Fox, einer der drei Frontmänner von Seeed, dem coolen Image der Stadt einen empfindlichen Kratzer verpasst. Das Berlin, das Fox acht Jahre später als Solokünstler beschreibt, hat mit der fröhlichen Partystadt aus „Dickes B“ nur noch wenig gemeinsam. In „Schwarz zu blau“ besingt Peter Fox das andere Berlin. Ein Berlin am Ende der Nacht – grau, hässlich und dreckig. Seine ungeschönten Reden von Schnapsleichen, Ratten und müden Gestalten im Neonlicht könnten fast als düsterer Abgesang auf die Hauptstadt missverstanden werden, wären da nicht jene versöhnlichen Worte, mit denen Peter Fox sein Berlin-Lied schließt. „Doch ich weiß, ob ich will oder nicht, dass ich dich zum Atmen brauch.“  Na, wenn das keine Liebeserklärung ist!

Schwarz zu blau (Video, YouTube)
Franziska Gerlach
lebt und arbeitet als freie Autorin in München.

Copyright: Todo Alemán
April 2012

Originalsprache: Deutsch

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