Film

Willkommen in Deutschland

© Concorde Filmverleih Die Liste der deutschen Regisseure, die sich dem Filmstoff Migration bislang angenommen haben, ist lang und hat uns über die Jahre ein Füllhorn an Beiträgen beschert, die sich der schwierigen Materie entsprechend ernsthaft nähern. Almanya – Willkommen in Deutschland packt das Ganze mal anders an: Mit viel Humor strapaziert die Komödie derzeit die Lachmuskeln deutscher Kinobesucher. Ein schöner Anlass, die besten Filme zum Thema Einwanderung vorzustellen.

Almanya – Willkommen in Deutschland (2010)

Der sechsjährige Cenk ist stinksauer. Die türkischen Jungs wollen ihn beim Fußball nicht mitspielen lassen, weil seine Mutter Deutsche ist. „Du bist doch gar kein richtiger Türke!“, hänseln sie ihn. Stimmt! Cenk Yilmaz ist „Made in Germany!“, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Warum er als Kind in dritter Einwanderer-Generation, dessen Türkisch über ein paar Brocken nicht hinausgeht, aber derart zwischen die Kulturen gerät, will ihm nicht in den Kopf. Almanya – Willkommen in Deutschland erzählt wie Hüseyn Yilmaz (Cenks Opa) und seine Familie, dem deutschen Wirtschaftswunder sei dank, vor 45 Jahren als Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen. Mit im Gepäck: Die Hoffnung auf ein besseres Leben, aber auch das ein oder andere Vorurteil gegenüber den „ungläubigen“ Deutschen, die Schweinefleisch essen und ihr Geschäft auf „Stühlen“ (Toiletten mit Sitz) verrichten.

Der Clou an der Familiengeschichte ist die ungewöhnliche Erzählperspektive, aus der die ersten Schritte der sympathischen Türken in Deutschland hautnah miterlebt werden. Deutsch mutiert dann zum unverständlichen Kauderwelsch, der Lebensmitteleinkauf wird zur Tortur und über „die Ratten an Seilen“ (Dackel an Leine) kann auch der Zuschauer nur den Kopf schütteln. Dabei spannt die türkisch-deutsche Regisseurin Yasemin Şamdereli raffiniert den Bogen zwischen damals und heute und zeichnet von jedem Familienmitglied ein sensibles Porträt: Da gibt es zum Beispiel Cenks Onkel, der verrückt nach Coca-Cola ist und seine Cousine Canan, die – obwohl emanzipiert und selbstbewusst – nicht so recht weiß, wie sie der Familie ihre voreheliche Schwangerschaft beibringen soll. Und schließlich das Familienoberhaupt Hüseyn, das nach wie vor nichts von Einbürgerung wissen will und lieber die ganze Familie zu einer Reise in die Türkei überredet … mit ungeahnten Folgen!

Fatih Akin – Türkei meets Deutschland

Wer sich für den Alltag türkischer Immigranten in Deutschland interessiert, kommt an Fatih Akin nicht vorbei. Der Regisseur, dessen Eltern selbst in den 1960er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland übersiedelten, greift in seinen Filmen immer wieder Probleme auf, denen es sich in der neuen Kultur zu stellen gilt. So handelt sein mehrfach ausgezeichnetes Drama Gegen die Wand (2004) etwa vom schmerzhaften Befreiungsschlag eines türkischen Mädchens, das sich gegen die Ansichten ihres strengen Elternhauses wehrt und einen harten Reifungsprozess durchlaufen muss, ehe sie so leben kann, wie sie es will: frei und selbstbestimmt. Bereits in seinem Erstlingswerk Kurz und Schmerzlos (1998) erzählt Akin die Geschichte dreier Freunde unterschiedlicher Herkunft, die Hamburg unsicher machen und auf eine harte Probe gestellt werden, als einer von ihnen umgebracht wird. In Auf der anderen Seite (2007) verknüpft der Filmemacher gekonnt die Lebenswege von Deutschen und Türken, die sich mal in Deutschland, mal in der Türkei kreuzen und am Ende trotz aller Tragik – etwa der plötzliche Tod einer jungen Frau oder der Mord an einer türkischen Prostituierten – von Mitgefühl für die jeweils andere Kultur geprägt sind.

Angst essen Seele auf (1974)

Von dieser beispielhaften Empathie ist bei Rainer Werner Fassbinder, einem der wichtigsten Regisseure des deutschen Films, noch wenig zu spüren. 1974 fällt mit Fassbinders preisgekröntem Drama Angst essen Seele auf der Startschuss zu einer Reihe von Migrations-Filmen: Als Emmi, verwitwete Putzfrau und über 60, sich in den viel jüngeren Marokkaner Ali verliebt, reagiert ihr Umfeld – Kinder, Kollegen und Nachbarschaft – mit Unverständnis. Mit schnörkelloser Offenheit zeichnet Fassbinder die rassistischen Angriffe nach, denen der Gastarbeiter und seine deutsche Frau tagtäglich ausgesetzt sind und an denen ihre Liebe schließlich zerbricht – ein tragisches Ende für Ali und Emmi, ein Meilenstein deutscher Filmgeschichte!

Neukölln Unlimited (2010)

© Arsenal Filmverleih„Wenn man kurz davor ist, die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen, macht man eine Kartoffelparty!“, das hat die 19-jährige Libanesin Lial zumindest gehört. Doch davon können Lial und ihre Brüder Maradona und Hassan, die Protagonisten des Dokumentarfilms von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch, nur träumen: Seit Jahren leben sie im Berliner Stadtteil Neukölln, dem aufgrund seines hohen Migrantenanteils der Ruf eines sozialen Brennpunkts anhaftet, sind aber permanent von Abschiebung bedroht. Ihren Frust verarbeiten die Migrantenkinder im Tanz: Der Streetdance bietet ihnen nicht nur ein Zuhause, sondern außerdem die Chance den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Eindrückliche Tanzszenen, flotte Beats und Comic-Sequenzen nehmen den Zuschauer in Neukölln Unlimited mit auf eine authentische Milieustudie und regen gleichzeitig zu mehr Toleranz gegenüber Asylbewerbern an, die nach einer Kindheit und Jugend in Deutschland oft sehnsüchtig darauf warten, auch auf dem Papier endlich willkommen zu sein.
Franziska Gerlach
arbeitet als freie Autorin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in München.

Copyright: Li-lak
Mai 2011

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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