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Emotionen in kleinen Häppchen

(c) Ana Sousa© Ana Sousa

Tliim „Saal zwei, Saal zwei“ hört man die Stimme einer Mitarbeiterin des „Teatro Rápido“ (des „Schnellen Theaters“) von der Türe der „TR Bar“ her schallen, während sie gleichzeitig mit einer kleinen Glocke klingelt. Die Gruppe sammelt sich und folgt ihr durch einen schmalen Flur. Auf der linken Seite befinden sich die vier Theatersäle. Sie öffnet uns die Tür und wir setzen uns auf kleine Pappbänke. Mit einem „Ich wünsche gute Unterhaltung“ schließt sie die Tür.

Ich schaue mich um. Die Dekoration ist äußerst spartanisch. Auf der Bühne befinden sich weiße, den Bänken gleiche Pappkartons, die zu einem Kreuz gestapelt sind. Das Licht erlischt, Sekunden der Stille …das Schauspiel beginnt. Auf der Bühne sind nur zwei Schauspieler, die, die Kartons auf- und wieder abstapelnd, das Bühnenbild verän-
dern. Zwei Schauspieler, die absolut ausreichend sind, um fünfzehn Minuten lang in einer Mischung aus Gelächter, Erstaunen und Zweifel Bibelpassagen darzustellen. Was werden sie als nächstes tun, wie werden sie diese Passage darstellen? Et Voilà. Die Zeit des Bühnen-
stücks vergeht wie im Flug und wir applaudieren im Stehen vor der Kreativität und der guten Arbeit des Ensembles. Fünfzehn Minuten haben genügt, uns die Welt dort draußen mit all ihrer Aufgewühltheit und Rennerei vergessen zu lassen. Etwas erholter können wir nun die Reise fortsetzen. Entweder nach Hause oder in ein anderes Theaterstück.

© Ana SousaDas „Teatro Rápido“ wurde im Mai ein Jahr alt. Hier haben schon mehr als 300 Künstler gespielt, mehr als 60 Stücke für Erwachsene und Kinder wurden aufgeführt und es konnten 25.000 Eintritte verzeichnet werden. Was ist das Erfolgsrezept? Nun, die Aufführungen beginnen gegen 18:00 Uhr und enden um 20:45 Uhr, sodass es keinen guten Grund dafür gibt, nach der Arbeit dieses kulturelle Angebot nicht wahrzunehmen und dabei kurz abzuschalten. Außerdem dauern die Ministücke, wie der Name schon sagt, nur fünfzehn Minuten und werden donnerstags bis montags je fünf Mal pro Abend aufgeführt. Jede Vorführung kostet 3€, und wer sich an einem Abend alle vier verschiedenen Schauspiele ansehen möchte, zahlt sogar nur 10€. Die Zutaten sind also: Zeit, der finanzielle Aspekt und, ganz wichtig: die Lage. Das „Teatro Rápido“ befindet sich genau im Herzen Lissabons, im „Chiado“, Straße Rua Serpa Pinto Nr. 14.

Das Stück ist vorbei, doch ich will noch für einen Moment die Zeit in der „TR Bar“ genießen. Die „TR Bar“ ist nicht nur der richtige Ort, um eine Kleinigkeit zu essen oder ein Gläschen zu trinken, es finden hier auch regelmäßig Café-Konzerte, Kunstausstellungen, Buchvorstellungen, Literarische Zirkel oder Lesungen statt. Es ist an einem der Tische, an dem ich João kennenlerne. Er hat die gleiche Vorführung besucht wie ich und im Gespräch erfahre ich, dass er das Theater über eine Freundin kennt, die hier bereits zwei Stücke aufge-
führt hat. Das hat ihn neugierig gemacht und so ist er vorbeige-
kommen, um sich das Theater anzusehen. „Das Konzept des „Teatro Rápido“ gefällt mir sehr gut, denn hier bekommst du, finanziell gesehen, relativ leicht Zugang zur Kultur und dadurch, dass sie so kurz sind, kannst du dir gleich mehrere Aufführungen am Stück ansehen“, sagt er.

© Ana Sousa Das Konzept ist neuartig für Portugal, existierte jedoch bereits in Madrid. Als Alexandre Gonçalves, Direktor der Theater-
agentur „Encena“, zum ersten Mal Kontakt mit dem Mikro-Theater hatte, beschloss er, es nach Portugal zu holen. Das Prinzip ist das Gleiche: Aufführungen mit der Dauer von je fünfzehn Minuten, aufgeteilt auf vier Säle. Jeden Monat gibt es ein anderes Thema, auf das sich alle Stücke beziehen. Im Grunde handelt es sich um vier Theaterstücke, die die gleiche Materie aus vier verschiedenen Blickwinkeln beleuchten – etwas, das sich als äußerst interessant und lehrreich für den Zuschauer herausstellen kann, der sich alle vier Stücke ansieht.

Im „Teatro Rápido“ gibt es keinen Niveauunterschied zwischen Zuschauerraum und Bühne. So sind wir direkt in die Handlung mit einbezogen und die Spannung bleibt konstant erhalten. Es sind fünfzehn Minuten Kultur, fünfzehn Minuten Vergnügen. Falls es noch nicht Teil der ärztlichen Empfehlungen ist, sollte es das werden. Denn Theater ist gut für die Seele und wie schon der französische Schau-
spieler Jean-Louis Barrault sagte:

„Das Theater ist wohl das erste Heilmittel, das der Mensch erfand, um sich vor der Krankheit der Angst zu schützen.“
Ana Sousa
machte ihren Abschluss in Kommunikationswissenschaften und Kulturellen Studien an der Faculdade de Letras der Universidade de Lisboa. Sie besuchte einen Einführungskurs in den modernen Modejournalismus an der Central Saint Martins in London und andere Journalismuskurse an der Cenjor. Sie liebt das geschriebene Wort, Malerei und Reisen.

Copyright: Tudo Alemão
Juli 2013

Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem Portugiesischen.

     

     
     

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