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Interview mit Carlos Manuel Henriques

© Carlos Manuel Henriques© Carlos Manuel Henriques Wir haben dem portugiesischen Künstler Carlos Manuel Henriques ein paar Fragen zu seinem Lebensweg als Künstler gestellt: Außerdem möchten wir gerne von ihm wissen, wie sein Verhältnis zu Deutschland ist und wie er die Krise erlebt.

Carlos, Künstler sein, ist das deine Berufung oder wie hast du gemerkt, dass es für dich keinen alternativen Weg gibt?

Leider wollte es das Schicksal, dass ich mit drei Jahren bereits ein Waisenheim besuchen sollte. Wegen der mangelnden familiären Fürsorge faszinierte mich die bildende Kunst bereits im frühen Kindesalter. Mit acht Jahren fing mein Talent an, Aufsehen zu erregen und zwischen meinem neunten und zehnten Lebensjahr bat mich die Schule beim Wechsel der Jahreszeiten oder anliegenden Festen wie Weihnachten regelmäßig thematische Bilder zu malen. Ich verbrachte meine Kindheit in fünf verschiedenen Heimen und in jedem davon gewann ich mehrere Preise. Als ich 13 war, meldete mich eines der Heime an einer damals sehr berühmten Kunstschule an: An der „Escola Antonio de Arroio“.

Hattest du einen schweren Start ins Berufsleben oder bekamst du Hilfe (auch finanzieller Art) von Freunden oder vielleicht sogar vom Staat?

© Carlos Manuel Henriques Liebe Freundin, anfangs war der Besuch der Kunstschule ein wahr gewordener Traum. Aber als ich 16 Jahre alt war, wurde plötzlich alles anders... Das Heim wollte mich nicht mehr weiter unterrichten. Ich sollte mich an eine Schreinerei wenden, um die Schule im darauffolgenden Jahr zu verlassen. Ich war noch von der alten Schule. Das war zu Zeiten des Faschismus. Darum versuchte man, uns heraus zu drängen, bevor wir die Jüngeren mit unserer Erziehung anstecken konnten. Wir waren keinerlei Beachtung wert, das war sehr traurig...

Glücklicherweise wurde ich Teil eines Spiels, das mich zwar meine Gesundheit kostete, aus dem ich aber letztendlich als Sieger hervorging: Ich erkrankte an einem Geschwür. Schon im darauffolgenden Jahr hatte ich mir so, allein gegen alle, sämtliche meiner Rechte zurück erkämpft. Alle Beteiligten wurden suspendiert, aber das hatten sie sich selbst zuzuschreiben. Als ich ein paar Jahre später mit einem schweren Geschwür und einer ausgeprägten Anämie in die Notaufnahme eingeliefert wurde, begleiteten mich die Zuständigen des Heimes in meiner Krankheit auf Schritt und Tritt. Ich war ein privilegierter Schüler, weil ich ihrem verrückten Plan, mich, einen Minderjährigen, aus der Schule zu drängen, entflohen war. Andere hatten nicht so viel Glück. Ich begann mein Studium der Bildenden Kunst mit Auszeichnung.

Gibt es eine Person, eine „Muse“, die dich inspiriert oder lässt du dich vom Leben inspirieren?

© Carlos Manuel HenriquesIch hatte immer schon eine Schwäche für intellektuelle Frauen. Mit einer aus der Algarve lernte ich die Poesie wertschätzen. Mit einer in Deutschland lebenden Portugiesin lernte ich die Literatur lieben und so weiter. Aber die Bilder, die ich heute male, weisen Einflüsse des amerikanischen Künstlers Willem de Kooning und einem deutschen Maler, Hans Hofmann, auf. Beide waren Teil des Abstrakten Expressionismus – eine künstlerische Bewegung, die inzwischen der Vergangenheit angehört. Sie sind meine „Muse“, meine Inspiration.

Wie ist deine Beziehung zu Deutschland und dein Bild der Personen, des Landes?

Ich habe gute deutsche Freunde. Meine ersten ausländischen Freunde waren Deutsche. Eine davon, Uta, ist vielleicht meine beste Freundin. Ich habe Deutschland nur einmal besucht, aber mein Aufenthalt war sehr lang. Ich war in Frankfurt und Berlin. Ich habe es sehr genossen. In Frankfurt begann ich, Pop-Art richtig kennenzulernen, denn dort sah ich eine große Ausstellung dieser Kunstrichtung. Es ist ein Land, in dem ich ohne jegliche Schwierigkeiten leben könnte. Ich wurde sehr geschätzt und mein Temperament war auf einer Länge mit den Frankfurtern.

© Carlos Manuel Henriques Bezüglich der Krise: Da Deutschland gerade in aller Munde ist, möchte auch ich meine Meinung zum Ausdruck bringen. Ich sehe nicht, dass Deutschland den Rest Europas kreuzigen will. Dein Land, Veronika, ist Teil der europäischen Familie. Und das ist wie in allen Familien: Es gibt gewisse Diskussionen, aber am Ende bleibt in einer kultivierten Familie immer der gesunde Menschenverstand. Das Leben ist Bewegung. Ich denke, dass Deutschland nie aufhören wird, an seine Heimat Europa zu denken. In diesem Moment erleben die südeuropäischen Länder, allen voran Portugal, „evil hours“, aber morgen ist wieder ein anderer Tag.

Und wie läuft dein Leben als Künstler? Kannst du von der Kunst leben?

Ich kann von der Kunst leben. Ich muss den Gürtel sehr eng schnüren, leide dabei aber sicher keinen Hunger. Ich gebe Malunterricht für ältere Personen und in meiner Freizeit male ich kommerzielle Bilder, meist auf Bestellung. Wenn ich mich etwas sicherer fühle, male ich für eine Ausstellung. Das ist es, was ich wirklich am meisten liebe in diesem Leben.

Beeinflusst die aktuelle Krise deine Arbeit sehr?

Die Krise hat einen immensen Einfluss auf mein künstlerisches Leben und auf mein Leben generell. Ich bin ein aufstrebender Künstler. Denn die anerkannten Künstler sind in Portugal immer noch sehr gefragt. Das ist eine sichere Investition.

© Carlos Manuel HenriquesWenn du noch einmal 20 Jahre alt wärest, würdest du an deinem Berufsweg etwas ändern?

Wenn ich noch einmal 20 wäre, würde ich nichts ändern. Es war wie es war und die Person die ich heute bin, bin ich dank meines Lebensweges. Ich bin ein Mensch mit vielen Interessen und Passionen. Literatur, Politik, Poesie, alle Arten von Kunst und ich liebe die Ökonomie. Was ich am Liebsten hätte? Ganz privat? Vielleicht ein Leben mit einer Familie, eine Wohnung, auch eine kleine, die ganz mir gehört? Ich weiß nicht, ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht. Und vielleicht bekomme ich deshalb im Alter einen Schock. „No love, no art and beauty“.
Veronika Faust
Redaktion Tudo Alemão.

Copyright: Tudo Alemão
November 2015

Originalsprache: Portugiesisch.

     

     
     

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