Lissabon aLive

Der Marathon über die Brücke des 25. April

© Boris Rimkus© Jonas Zink
Fast jeder Reisende, der auf dem Landweg die portugiesische Hauptstadt erreicht, fährt über die Brücke des 25. April. Bei dieser Art der Anreise bietet sich ihm bereits beim ersten Blick auf Lissabon ein unglaublicher Anblick. Doch dieser wird getrübt durch die Fensterscheiben und verflüchtigt sich durch die schnelle Fahrt der Autos, Busse und Bahnen. Könnte man nur einmal in aller Ruhe über diese Brücke spazieren und den Ausblick ganz in Ruhe genießen…Ja, könnte man doch nur!

Beim Halb- und Minimarathon am 16. März 2014 hatte man genau diese Möglichkeit. Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen!

Schon in der Metro begegnete ich den ersten Menschen in Laufhosen und T-Shirts. Auffällig war dabei vor allem die charakteristische Startnummer, die alle Teilnehmer deutlich auf ihrer Brust trugen. An der Station Entrecampos stieg ich zusammen mit einem riesigen Schwall an Läufern in den Zug. Trotz der Enge blieb die Stimmung freudig und erwartungsvoll. Spanische und portugiesische Läufer diskutierten lautstark darüber, ob Messi oder Ronaldo der bessere Fußballer sei und alle paar Sekunden rief es aus einer anderen Richtung „Foto! Foto!“

© Jonas ZinkIn Pragal, der ersten Station auf der anderen Seite der Brücke angekommen, drängte sich die Masse dann auf den Bahnsteig und wurde von großen Schildern Richtung Brücke gelenkt. Einen zehnminütigen Fußmarsch, mehrere Gratiskäppis und eine Sonnencremeprobe später gelangte ich an den Start und wurde dort von wummernden Bässen und einem durchs Mikrofon schreienden Moderator empfangen. Während nach und nach auch die letzten Autostreifen gesperrt wurden, strömten immer mehr Läufer auf die Straße. Jeder bereitete sich unterschiedlich auf den Lauf vor. Die einen liefen sich in Ruhe ein und machten Dehnübungen, die anderen mussten vor Aufregung mehrfach das Angebot der aufgestellten Klohäuschen benutzten.

Atemberaubend schon auf den ersten Metern: Lauf über die Brücke

Nach einem unauffälligen Startschuss ging es dann um 10:30 endlich los! Bei 22 Grad und blauem Himmel stürmten insgesamt fast vierzigtausend Läufer auf die Brücke. Die ersten Kilometer waren atemberaubend! Ich genoss den Blick und langsam kamen die sanften Hügel von Lissabon rechts und links näher. Fast alle bekannten Wahrzeichen der Stadt konnte man hier erkennen, unter anderem das Hieronymuskloster, das gleichzeitig das Ziel des Halbmarathons darstellte. Doch die Nähe zu dem alten Bau trog, denn noch hatten wir den Großteil der Strecke vor uns.

© Jonas ZinkWenige Minuten nach dem Start war die Stimmung aber noch äußerst gut. Viele Gruppen liefen zusammen und hielten während des Joggens ein Pläuschchen, einige Leute machten Fotos. Sieht die Brücke auch schon von Weitem imposant aus, so wird ihre wahre Höhe erst sichtbar, wenn man über sie läuft. Das Wasser des Tejo fließt tief unter den sechs Autospuren der Brücke dahin und vermittelt den Läufern eine Ruhe und ein Stückchen portugiesische Gelassenheit. Nach den mehr als 2200 Metern der Brücke wand sich die Laufstrecke durch das alte Arbeiterviertel Alcântara. Hier warteten Helfer mit Wasserflaschen auf die Läufer und die ersten Zuschauer standen am Rand und feuerten Freunde und Bekannte an. Nach fünf Kilometern war bei vielen die Leichtigkeit der ersten Meter verschwunden, Unterhaltungen und Witze waren weniger geworden und das Feld der Läufer zog sich immer weiter auseinander. Für laute Rufe und erfreute Gesichter sorgten immer wieder kleine Bands, die am Rande der Strecke mit aufpuschenden Liedern gute Stimmung machten.

Nach dem ersten Wendepunkt am Cais do Sodré ging es nach etwa 11 Kilometern auf der gleichen Strecke wieder Richtung Belém unter der Brücke hindurch. Die Hälfte war also geschafft. Nicht wenige guckten dabei auf die Uhr, um festzustellen, ob sie noch in ihrer Wunschzeit lagen, oder doch einen Schritt zulegen sollten. Die Sonne strahlte auf die Köpfe und die Wasserstationen, die alle 2,5 Kilometer eingerichtet waren, stellten für alle Läufer eine willkommene Erfrischung bereit. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich bereits die Muskeln und die Sohlen meiner Füße.

Die letzten Meter: Will I survive?

© André Jacques PauwelsLangsam kam ich an den Punkt, an dem ich die Zähne zusammenbeißen musste und der Gedanke an das Ziel die Schmerzen übertönen sollte. Doch die letzten vier Kilometer wurden noch einmal sehr hart. Die Sonne brannte immer heißer und meine Beine schmerzten. Ich konzentrierte mich nur noch darauf, meinen Laufrhythmus beizubehalten und nicht in die Füße meines Vordermanns zu rennen. Nach 19 Kilometern kam die Station mit der letzten Band und noch nie hatte Gloria Gaynors „I will survive“ eine so passende Bedeutung für mich. Plötzlich konnte ich das Entdeckerdenkmal erkennen und fühlte mich dabei ein bisschen wie die alten portugiesischen Seefahrer bei ihrer triumphalen Heimkehr: Endlich kam dann das Ziel in Sicht, die letzten Meter wurden überwunden und nach einem kurzen Linksknick in den Park stürmte ich mit letzter Kraft über die Ziellinie…. Geschafft!!

In dem Gewusel hinter der Ziellinie war es schwer einen Moment zu finden, in dem ich meinen persönlichen Triumph genießen konnte. Nachdem ich meine Teilnehmermedaille eingesammelt und ein paarmal tief durch geschnauft hatte, setzte ich mich in die Straßenbahn Richtung Innenstadt. Als wir unter der Brücke durchfuhren nahm ich mir vor, dieses besondere Erlebnis im kommenden Jahr zu wiederholen.
Jonas Zink

Copyright: Tudo Alemão
Juli 2014

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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