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Tuk Tuks in Lissabon- Wie die motorisierten Dreiräder die Stadt überfluten.

© Maria Wurst© Eva GürMittwochmorgen in der Alfama. Ich blicke aus dem Fenster und beobachte das Szenario am Largo de São Miguel, dem Platz mit der weißen Kirche und der kleinen Palme in der Mitte. Das älteste und berühmt-berüchtigtste Viertel Lissabons erwacht gerade aus einer Fado-durchtränkten Nacht. An der Ecke der Rua São Miguel preist ein altes Marktweib lauthals und ohne müde zu werden ihre frischen Feigen an. Aus einem parkenden Auto dröhnt ein Kizomba-Remix mit zu lautem Bass. Der Nachbar grüßt die Tante aus dem Fenster und blickt, wie ich, in aller Ruhe auf den Rest des Geschehens. Im Schatten der schrägen Hausfassaden versammeln sich die Männer der Nachbarschaft, um die Fußballergebnisse zu disku-
tieren und zu rauchen.


Dieses idyllische Durcheinander wird plötzlich von einem Rattern übertönt. Fußgänger weichen schreckhaft zurück. Anwohner, die es sich auf den Stufen ihres Hauseingangs bequem gemacht haben, ziehen ihre Füße ein oder springen auf und drücken sich mit dem Rücken an die Hauswände. Sie machen Platz für ein Tuk Tuk. „Here you can see the most famous Fado Restaurant in this area. It’s awesome! You should really come here at night“, empfiehlt der Tuk Tuk-Fahrer seinen Gästen. Die beugen sich nach vorne, um ihn neben dem Motorgeräusch auch verstehen zu können. Sie sagen Dinge wie: „Ahh!“ und „Ohh!“, schießen ein Foto und schon geht es ruckelig weiter auf der unebenen Calçada Portuguesa, dem portugiesischen Kopfsteinpflaster. Ich schließe die Fenster um den Lärm zu dämpfen.

© Eva GürSeit Monaten überfluten die motorisierten Dreiräder für Touristen ganz Lissabon. Aber werden sie auch wirklich gern gesehen? Viele Einheimi-
sche sind genervt. Besonders kritisch ist es in den Altstadtvierteln rund um das Castelo de São Jorge: Alfama, Graça, São Vicente de Fora. „Hier sieht man noch das authentische, alte Lissabon. Hier leben noch Traditionen“, heißt es in Reiseführern. Hier wollen die Touristen hin. Aber am Besten nur mal kurz gucken. Einen Eindruck bekommen, wie die Menschen da leben. Vorbei kutschiert werden sie an Fado-Restau-
rants, Souvenirshops und modernen Cafés, wo man auf Englisch be-
dient wird, auch wenn man Portugiesisch spricht. Es gefällt den Durch-
reisenden. Nicht selten höre ich Sätze wie: „Ach schau mal, wie hübsch das hier alles ist. Die hängen noch ihre Wäsche vor die Fenster. Und die kleinen putzigen Gassen“, gefolgt von einem herablassenden: „Aber leben könnte ich hier ja nicht. Es ist ganz schön schmuddelig...primitiv irgendwie.“ Ein Gefühl des Fremdschämens überkommt mich. Die Alfama ist zu einem Zoo geworden.

Das Viertel präsentiert sich so gut es kann von einer glänzenden Seite für den Massentourismus. Die wahren Verhältnisse werden, wenn über-
haupt, mit gerümpfter Nase zur Kenntnis genommen. Ohne Rücksicht auf Privatsphäre wird hier dreist in die offenen Küchen- und Wohn-
zimmerfenster geknipst. Die Unterwäsche, die zum Trocknen vor dem Fenster hängt, weil drinnen kein Platz ist, landet im Urlaubsfotoalbum von Heike und Peter, Pierre und Michèle oder Dylan und Jennifer. Die Bewohner ertragen das geduldig.
Sie wissen: Die Touristen bringen Geld ins Land und auch das Geschäft mit den Tuk Tuks boomt. Für viele ist es ein äußerst lukrativer Job in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten.

© Eva GürDer Vorplatz der ist die chaotische Hauptanlaufstelle der Gefährte in der Alfama. Klar, hier kommt fast jeder Tourist vorbei. Den vom Auf und Ab durch Lissabon müden Beinen kommt eine kleine Rundfahrt dort gerade recht. Hier wartet auch André auf seine Kunden. „In guten Monaten verdiene ich locker über 1500 Euro. Das meiste davon geht schwarz auf die Hand“, erzählt er mir stolz. „Mir ist klar, dass wir nicht immer gerne gesehen werden. Gestern hat mich ein Typ am Kragen gepackt und mir Prügel gedroht, weil ich am Straßenrand den Verkehr blockiert habe. Aber was soll ich machen? Ich muss eben Geld verdienen.“

Dies sind die zwei Seiten der Tourismus-Medaille. Es ist der Überfluss, der zur Belastung geworden ist. Neben Lärm und Abgasen stört das ständige Kommen und Gehen den Alltag der Bewohner. Die portugie-
sische Behaglichkeit wird geraubt. Ständig muss man Platz machen, sich beäugen lassen. Und weil die Tuk Tuks ihre Kunden nur auf eine Stippvisite mitnehmen, profitieren davon nicht einmal mehr die kleinen traditionellen Geschäfte, die sich tief in der Alfama verstecken. Will man wirklich das Authentische dieser Gegend sehen, muss man sie zu Fuß entdecken, Treppen steigen und sich im Labyrinth der vielen Gässchen verlaufen.

Ich grüße das alte Mütterchen, das am Fenster sitzt und apathisch ins Nichts schaut. „Tá tudo, menina. Vai-se andando“, „Alles ok Mädchen, passt schon“, antwortet sie mit einem müden Lächeln auf meine Frage, wie es ihr gehe. Für die Straßenkatzen hat sie Fischreste vor die Tür gestellt und hofft auf den flauschigen Besuch, der ihr den einsamen Tag versüßt. Ein paar Schritte weiter brutzelt die Tochter auf einem ros-
tigen Grill das Mittagessen. Eindrücke, die nicht auf jeder Postkarte zu finden sind. Sie gelangen in den Hintergrund, stehen im Schatten der perfekt inszenierten Welt für den Tourismus.
Eva Gür
hat in Deutschland Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Multimedia-und Musikjournalismus studiert. Sie hat für diverse Rundfunk- und Kultureinrichtungen gearbeitet. Seit Anfang 2013 lebt sie in Lissabon und beschäftigt sich mit der portugiesischen Kulturszene.

Copyright: Tudo Alemão
November 2015

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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