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„Ein Deutscher in Lissabon“
Über den Künstler Hein Semke

© Maria Wurst© Eva GürGeboren 1899 in Hamburg. Gestorben 1995 in Lissabon. Seine Kunst lebt weiter. In Portugal. Wer war dieser Mann, der zwischen Weltkriegen und faschistischen Regimen sein Handwerk ausüben wollte, sein Inneres frei nach außen zu bringen versuchte?

Seine Kreativität bündelte sich in vielen verschiedenen Kanälen. Er war Bildhauer, Maler, Schriftsteller und Keramikkünstler. Er war aber auch Flüchtling, Ehemann, Soldat, Anarchist, Gefangener, Überlebender. Heute ist er der Mann, dessen vielfältiges Werk in Portugal große Anerkennung erfährt und der in Deutschland oft als der Vergessene betitelt wird. Sei es, weil die Brücke von Deutschland nach Portugal in der Kunstszene nur dürftig gebaut ist, sei es, weil er nach mehr als 60 Jahren in Portugal in Deutschland tatsächlich einfach vergessen wurde. Semkes Frau, die Poetin Teresa Balté, bringt sein Werk wieder zum Glänzen, indem sie seine Bilder, Texte und Handarbeiten an Museen und Stiftungen spendet und somit wieder in die Köpfe der Menschen trägt. So kreuzt sich auch mein Weg mit seiner Kunst. „Hein Semke- Ein Deutscher in Lissabon“, heißt die Ausstellung im Centro de Arte Moderna der GulbenkianStiftung in Lissabon.

Abwechslungsreich und vielfältig

Zahllose Skulpturen, Keramikarbeiten, Holzschnitte, Kollagen, Bilder und Texte umfassen sein Werk. Seine Motive: Natur und Mensch, insbesondere der weibliche Körper. Vereinfachte Formen, klare Linien, bunte Farbpaletten. Expressionismus. In der Ausstellung angekommen, sehe ich sofort ein Foto seiner wohl bekanntesten Skulptur „Kameradschaft des Untergangs“, und ich sehe Krieg. Den Krieg, den Hein Semke in jungen Jahren als Soldat miterleben musste und der ihn zum Pazifisten machte. Diese Skulptur, die Teil einer Reihe war („Die Trauer“ und „Die Himmelfahrt des Kämpfers, der verlor“), schuf Semke 1934 für die Evangelische Kirche Lissabon, in Gedenken an die gefallenen Soldaten der deutschen Kolonie in Lissabon im ersten Weltkrieg. Leider wurde die Skulptur zerstört, von den Nationalsozialisten, heißt es. Ein Skandal.

Ich sehe seine Zeichnungen, seine gemalten Landschaften und sehe seine Liebe zur Natur. Alles wirkt kindlich und rein. ©  Eva GürHoffnungsvoll, bunt, ein Hauch von anthroposophischer Malerei schimmert durch. Seine Verbundenheit zur Natur spiegelt sich auch in seinen Gedichten und Ausschnitten seiner Tagebücher wieder.

In jeder Kreatur blüht die Blume
„Unbekannt“
Blume in mir,
Blume in dir
Unüberwindbar.

Und ich sehe bunte Figuren und Körper, die sich in Holzschnitten oder auf Leinwänden räkeln, sowie seinen individuellen Stil, den er unermüdlich weiterkreierte und den er sich trotz scharfer Kritiken zu Lebzeiten nicht nehmen ließ.

Vom Krieg in die deutsche Kunstakademie zur Lissabonner Bohème

© Eva GürBis Hein Semke zu seiner Kreativität fand und diese auch umsetzen konnte, vergingen jedoch Jahre zwischen Weltkriegen und der Diktatur Salazars. Nach fast 6 Jahren Kriegsgefangenschaft kehrte Semke 1930 krank nach Deutschland zurück und begann Keramik und Bildhauerei an den Akademien der Schönen Künste in Hamburg und Stuttgart zu studieren. Die Kunst gab ihm neuen Antrieb und Sinn im Leben. Bedingt durch die politische Entwicklung in Deutschland führte ihn sein Weg 1932 nach Lissabon, wo er in finanziell schwierigen Verhältnissen versuchte, sich als Künstler zu etablieren. Es wird ihm nachgesagt, dass er nicht nur durch sein Erscheinungsbild, sondern auch durch seine Ideen und seinen starken Willen, seinen Stil durchzusetzen, die Menschen um sich herum bezauberte. Bald schon war dieser individualistische Deutsche Teil der Künstler- und Intellektuellenkreise in Lissabon, der Bohème rund um das Café A Brasileira im Stadtviertel Chiado, und beeinflusste nachhaltig die Kunstszene in Portugal.

Die Ausstellung im Centro de Arte Moderna der Fundacao C. Gulbenkian Lissabon geht noch bis zum 13. Juni 2016. Eintritt 5 Euro.
Eva Gür
hat in Deutschland Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Multimedia-und Musikjournalismus studiert. Sie hat für diverse Rundfunk- und Kultureinrichtungen gearbeitet. Seit Anfang 2013 lebt sie in Lissabon und beschäftigt sich mit der portugiesischen Kulturszene.

Copyright: Tudo Alemão
März 2016

Originalsprache: Deutsch.
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