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Ein Land im Freudentaumel

Daniela Gonçalves© Pedro António da Cruz

Der 10. Juli 2016 wird für viele Portugiesen genauso in die Geschichte eingehen, wie die Schlacht von Ceuta (1415) oder sogar wie der 25. April 1974 (Nelkenrevolution). Was ist passiert? Der EM-Außenseiter Portugal gewann gegen la grande Nation Frankreich im Endspiel die Fußball-Europameisterschaft. Wie kam es dazu? Wie haben Fans und Besucher dieses Ereignis erlebt? Im folgenden Bericht, habe ich versucht, die Spannung und den Nervenkitzel wiederzugeben.


Wer Portugiesen auf der Straße einige Tage vor dem Endspiel gefragt oder Gespräche in Cafés belauscht hat, hat bemerkt, dass diese selbst nicht an einen Sieg glaubten. Trotz des Werbemottos, das während der gesamten EM ständig wiederholt wurde: „Não somos 11 - somos 11 milhões” („Wir sind nicht nur 11 Nationalspieler auf dem Rasen, sondern 11 Millionen Portugiesen“) glaubte man nicht so richtig an den Sieg. Die meisten waren froh, überhaupt so weit gekommen zu sein. Schließlich war Portugal kein Favorit und gewann nur ein einziges Spiel in der regulären Spielzeit. Doch bei dem Einzug ins Finale begann es den Portugiesen doch zu dämmern: es könnte diesmal klappen! Portugal hatte noch nie eine Europameisterschaft gewonnen und der „Schrecken von 2004” saß den meisten noch in den Knochen. Man verlor – als Gastgeber – gegen Griechenland, das damals auch nicht zu den Favoriten gehört hatte.

Es wird spannend

© Pedro António da CruzSo ist am 10. Juli 2016 die Praça do Comércio (der größte Platz in Lissabon) schon eine Stunde vor dem Spiel brechend voll. Man kann sich kaum bewegen und an diesem Tag scheint es, als seien tatsächlich 11 Millionen auf den Beinen. In diesem bunten Meer von Menschen wird mit Spannung auf den Anpfiff gewartet. Das Spiel beginnt pünktlich um 20 Uhr und es liegt eine unglaubliche Energie in der Luft. Jede Bewegung wird auf dem Großbildschirm verfolgt. Was macht „der Held der Mannschaft” Cristiano Ronaldo? Die Menschenmenge zuckt, schreckt auf und scheint sich auf gleicher Wellenlänge zu bewegen.

Dann passiert die Katastrophe: In der 25. Minute wird Cristiano Ronaldo durch einen heftigen Tacklingversuch durch Payet außer Gefecht gesetzt. Er versucht es noch einmal, doch es hilft nichts: Der Kapitän der portugiesischen Nationalmannschaft wird vom Platz getragen. Jetzt sinkt die Hoffnung und alles scheint verloren zu sein. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es scheint, als wolle man zeigen, dass es auch ohne CR7 geht. Jetzt erst recht! Cristiano Ronaldo weint vor Schmerz, vor Enttäuschung und doch sieht man ihn später, wild fuchtelnd, neben dem Trainer Fernando Santos stehen. Er feuert an, er dirigiert und wird für 20 Minuten der neue (Co-) Nationaltrainer.

In der 109. Minute geschieht dann das Unfassbare: der bisher jüngste Torschütze der Geschichte Portugals – Eder – schießt das entscheidende Tor. Ein flacher Schuss aus 25 Metern, den Torwart Hugo Lloris nicht mehr aufhalten kann. Der Jubel ist riesengroß und die Praça do Comércio erbebt förmlich. Ein Meer von rot-grünen Flaggen, Rauchwolken und Konfettis geht in die Luft. Noch 11 Minuten bis Spielende, doch jetzt glaubt auch der ungläubigste Fan an die „unmögliche Möglichkeit”.

© Antonio MaragliuloIn der 120. Minute pfeift Mark Clattenburg endlich das Spiel ab und der Europameister 2016 steht fest. Die Energie, die durch die Menge geht ist unbeschreiblich, ein herrliches Feuerwerk wird gestartet und ein mutiger Fan erklimmt die 14 Meter hohe Statue von König José I („Reiter und Ross” – ein Wahrzeichen des Platzes), um eine portugiesische Flagge an höchster Stelle anzubringen. Die Feierlichkeiten gehen bis in die frühen Morgenstunden. Die Autokolonnen – reichlich mit Flaggen, Schals und Lichtern geschmückt – bewegen sich durch ganz Lissabon.

Europameister

Dieser Sieg wird von Ost-Timor bis nach Angola gefeiert. Auf der Praça do Comércio liegen sich Portugiesen, Chinesen und Bengalen in den Armen und für einen Moment haben selbst Benfica und Sporting-Fans ihre Rivalitäten vergessen!

Am nächsten Tag wird die Nationalmannschaft von riesigen Menschenmengen erwartet. Die eigens dafür vorbereiteten Siegerbusse können sich nur im Schneckentempo vom Flughafen bis zum Präsidentschaftspalast in Belém bewegen, wo sie vom Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa empfangen werden, um einen Verdienstorden in Empfang zu nehmen. Diese besondere Auszeichnung wurde noch nie zuvor einer Fußballmannschaft verliehen!

Auch an diesem Tag berichten die Medien von nichts anderem, als von diesem historischen Sieg. Am folgenden Morgen kann man in den Cafés jedoch schon wieder die portugiesische Melancholie spüren und der Freudentaumel ist wie verflogen. Auch das gehört zur portugiesischen Seele: Die intensive Freude wechselt sich schnell mit Trübsal ab, sonst gäbe es schließlich auch keinen Fado!

© Pedro António da Cruz
Pedro António da Cruz
wurde in Stuttgart geboren und entdeckte seine Leidenschaft fürs Schreiben bei seiner zehn Jahre andauernden Reise durch Nord- und Lateinamerika. Heute lebt er mit seiner Katze “Funny” in Lissabon und schreibt für verschiedene deutsche und schweizer Verläge.

Copyright: Tudo Alemão
Juli 2016

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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