Lissabon aLive

Flâneur- New Urban Narratives
Interview mit Jens Masmann und Sonia Hamza

© Eva Gür© Eva GürIm Rahmen des internationalen Fotoprojekts Flâneur- New Urban Narratives haben der Münchner Fotograf Jens Masmann und die Französin Sonia Hamza im September ihre gemeinsam erarbeiteten Bilder ausgestellt.
Ich habe mich mit den Beiden bei der Ausstellung getroffen und über das Projekt und ihre Arbeit unterhalten.


Jens, kannst du kurz erklären, worum es bei dem Projekt Flâneur geht?

JM: Das Projekt hat hier in Lissabon begonnen. Die Kulturvereinigung Procur.arte hat es mit, ich glaube 13 bis 14, Partnern in ganz Europa ins Leben gerufen.
Jeder Partner kann Künstler aus verschiedenen Ländern einladen. Sonia und ich wurden nach Lissabon eingeladen, zum „flanieren“ sozusagen. Die Idee ist es, sich umzuschauen, Ideen zu sammeln und einen Eindruck von der Stadt zu bekommen um dann Fotos, die draußen auf der Straße gemacht wurden, wieder zurück auf die Straße zu bringen. So sind wir zu dieser Freiluftausstellung gekommen.

Hast du Lissabon gefunden oder hat Lissabon dich gefunden?

©  Eva GürSH: Ich war davor noch nie hier, also konnte ich alles mit Frische und offenen Augen erleben. Lissabon hat mich verführt und ich wollte dieses Gefühl an die Öffentlichkeit weitergeben. Außerdem haben Jens und ich uns gegenseitig, mit der Art wie wir arbeiten, verführt. Es war also eine komplette Neuentdeckung. Eine neue Art und Weise zu arbeiten, in einer fremden Stadt. Das war sehr intensiv. Ich habe versucht, mich treiben zu lassen, bin sehr viel gelaufen. Das ist die beste Methode, um Schätze zu entdecken. Dann konnten Jens und ich uns abends austauschen und am nächsten Tag davon profitieren.

JM: Ja, es war wirklich ein Glück, dass wir zusammen hier waren. Das ganze Projekt dreht sich ja um die Europäische Idee und um europäische urbane Orte. Sonia aus Frankreich, ich aus Deutschland treffen uns hier in Portugal, haben zusammen gearbeitet und kamen dann an einen Punkt, wo wir unsere Arbeiten auch näher zusammenbringen wollten.

Ihr kanntet euch also vorher nicht?

JM: Nein, wir haben uns erst hier kennengelernt. Viele Künstler die zusammen bei dem Projekt Flâneur mitmachen, arbeiten aber unabhängig voneinander. Wir wollten unsere Arbeit irgendwie zusammenbringen. So sind dann diese Würfel entstanden.

Heißt das, ihr schießt eure Fotos tatsächlich zusammen? Könnt ihr euren Arbeitsprozess erklären?

JM: Nein, das nicht. Wir arbeiten eigentlich komplett unterschiedlich. Sonia ist sehr intuitiv und sehr schnell. Ich dagegen bin sehr langsam und ich arbeite sehr traditionell. Manche Bilder würden mit meiner Methode nicht funktionieren, mit Stativ und Großformatkamera. Aber die Bilder von Sonia waren eine perfekte Ergänzung zu meinen und andersrum. Sonia hat in der Zeit vier- bis fünftausend Bilder gemacht. Ich ungefähr siebzig. Da sieht man den Unterschied gut.

Jens, für deine Methode braucht man viel Geduld. Bis alles richtig eingestellt ist für das perfekte Bild dauert es. Was muss ein Gebäude oder ein Szenario für dich haben, damit du sagst: Das ist es, wofür ich diese Zeit auch investieren möchte?

JM: In meinem Kopf habe ich wahrscheinlich auch um die viertausend Bilder geschossen, aber dann musste ich sehr genau überlegen, welches ich tatsächlich mit meiner Kamera realisiere. Das Gesamtthema meiner Arbeit hier war, nach urbanen Utopien aus den 60er und 70er Jahren zu suchen und zu sehen, was davon übrig geblieben ist bzw. ob sie funktioniert haben oder nicht. Oder wie Menschen damit umgehen. © Eva GürZum Beispiel in diesem Bild hier sieht man eine Frau mit roten Haaren über eine Wiese gehen. Neben ihr sieht man einen Weg, den wahrscheinlich zehntausend Menschen zuvor gegangen sind, weshalb er überhaupt erst zu einem Weg wurde. Und dann sieht man im Hintergrund einen Weg, den irgendwelche Stadtplaner gemacht und damit entschieden haben, dass Menschen dort gehen müssen. Nur, dass tausende Menschen eben gesagt haben: Nein wir gehen einen anderen Weg. Und die Frau mit den roten Haaren geht durch das Gras. Man sieht hier also ganz gut, wie Menschen urbane Räume nutzen. Manchmal in einem sehr dekonstruktiven, manchmal aber auch in einem sehr konstruktiven Sinne. Das sind Dinge, die mich sehr interessieren. Ich suche außerdem immer nach sehr dichten Orten, weil ich weiß, dass dort irgendwas passieren wird.

Paris, München und Lissabon sind sehr unterschiedliche Städte. Arbeitet ihr in euren Heimatstädten genauso wie ihr hier gearbeitet habt?

JM: München ist in dem Sinne nicht wirklich eine dichte Stadt, wie andere europäische Megastädte. Ich muss München irgendwie hinter mir lassen und viel reisen, um Orte zu finden, die mich „Juhu!“ rufen lassen.

SH: Ich kenne Paris zu gut, um mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Darum wollte ich vorher nichts über Lissabon wissen, um diesen Überraschungseffekt nicht zu verlieren. Wenn ich ein paar Monate nicht zu Hause war, kann ich in Paris wieder den Touristen spielen, aber es ist nicht das Gleiche, wie in eine Stadt zu kommen, die einem völlig fremd ist. Es wäre der Wahnsinn, öfter dafür bezahlt zu werden, neue Städte zu entdecken. Darum war Flâneur auch eine so tolle Erfahrung für mich!
Eva Gür
hat in Deutschland Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Multimedia-und Musikjournalismus studiert. Sie hat für diverse Rundfunk- und Kultureinrichtungen gearbeitet. Seit Anfang 2013 lebt sie in Lissabon und beschäftigt sich mit der portugiesischen Kulturszene.

Copyright: Tudo Alemão
Oktober 2016

Originalsprache: Deutsch.
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