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Tourismus und Lissabon

© fLy Ralf Menzel© Nastasia HeroldMarmeladengläser für selbst gemachte Limonade, wunderschöne Graffiti an den Hauswänden, Wurstspezialitäten einer kleinen Biofarm - ratet mal, in welcher Stadt ich mich befinde. Es ist nicht Berlin, Budapest oder Portland. Nein, die Hipster-Kultur hat Lissabon erreicht und ich bin mir noch nicht darüber im Klaren, was ich davon halten soll.

Lissabon früher und heute

2010 habe ich in Lissabon studiert und seitdem ist es meine Lieblingsstadt. Warum? Aufgrund ihrer Gegensätze. Armut und Reichtum, moderne Architektur und manuelinischer Stil, Lebensfreude und Saudade, kleine Gassen und wunderschöne, weitläufige Aussichtspunkte, der Geruch nach Metro und Sardinen. Und wegen der Menschen, deren Kultur und Mentalität sich so sehr von der ihrer spanischen Nachbarn unterscheidet.

Und plötzlich ist 2016 und ich erlebe diese Stadt neu. Lissabon ist jetzt bekannt für ihre Street Art und coole Orte, die für Menschen mit einem Hang zur Subkultur wie geschaffen sind. Jung, modern, hip – so erlebe ich Lissabon im September 2016.

Subkultur schafft neue Anziehungspunkte

© Nastasia HeroldGleich am ersten Tag will ich auf meinen Lieblingsmarkt gehen: Den Mercado da Ribeira am Cais do Sodré. Im Inneren der Halle ist es viel kleiner als früher. Am hinteren Ende angekommen, bemerke ich einen Durchgang, laufe hindurch und staune nicht schlecht: Diese andere Hälfte des Marktes wurde komplett neu gestaltetet und beherbergt nun einen riesigen Foodcourt. An den Seiten befinden sich kleine Stände, bei denen man sich Speisen der Nouvelle Cuisine, der portugiesischen Küche und Fast Food kaufen kann. Das Angebot lässt hier jedes Schlemmerherz höher schlagen. Preislich sind die gehobene Küche, die Bekanntheit einiger der Köche und die Qualität der Lebensmittel allerdings zu spüren.

Zum Mittag bin ich in der Mouraria verabredet. In meiner Erinnerung ist die Mouraria etwas schmutzig, die heruntergekommenen Häuser lassen auf Armut schließen und die ursprüngliche Bedeutung des Fado ist zu spüren. Heute eröffnet sich mir jedoch ein anderes Bild: Die Gassen sind sauber, es laufen ein paar Touris hindurch, junge Mütter schütteln die bunten Tischdecken aus frisch restaurierten Fenstern heraus aus, es gibt neue Sitzbänke und die verputzten Hauswände werden als Hintergrund für Straßenkunst benutzt. Zu meiner Erleichterung gibt es aber noch die ganz kleinen, typisch portugiesischen Restaurants mit sehr traditionellen Speisen zu Preisen, die man sich auch mit einem portugiesischen Durchschnittseinkommen leisten kann.

© Nastasia Herold

Zu Fuß mache ich mich vom Zentrum auf den Weg zum Cais zu Sodré. An der Praça do Comércio gehe ich zum Wasser, um meinen Blick über den Tejo schweifen zu lassen. Rechts von mir entdecke ich eine Uferpromenade. Erstaunt spaziere ich dorthin. Zwei junge Männer mit schwarzen Melonen auf dem Kopf verkaufen über den Tresen ihres Handwagens selbst gemachte Limonaden und Caipirinha – natürlich alles in Marmeladengläsern. Während die Lagerhallen an den Docas bereits seit Beginn der 2000er als angesagte Klubs dienen, wurde das Rotlichtviertel beim Cais do Sodré erst in den letzten Jahren in einen hippen Flanierweg umgewandelt. Ich setze mich auf die niedrige Mauer am Wasser und springe zusammen mit den anderen jungen Menschen dort auf, wenn uns die Wellen einer vorbeifahrenden Jacht den Platz streitig machen wollen.

Wie wird sich der Wandel auswirken?

Während die Sonne langsam hinter der roten Brücke des 25. April untergeht, überdenke ich die neuen Eindrücke. Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Aspekt dieser Veränderungen wird mein Urteil klar: Touristen und Touristinnen mögen Sauberkeit und einen Service-Standard, den sie von zu Hause gewohnt sind. Lissabon kommt diesem Wunsch immer stärker entgegen. Um das eigene Bild zu wahren, beinhaltet die Straßenkunst typische Motive aus Lissabon, die Nouvelle Cuisine bemüht sich um traditionelle Zutaten, die Uferpromenade entstand aus den typischen Steinen und öffnet den Blick auf die allseits beliebte Flussmündung. Die Lisboetas selbst werden teilweisedavon profitieren, denn es entstehen neue Arbeitsplätze und bestimmte Teile der Stadt werden sauberer und sicherer. Allerdings wird sich die portugiesische Bevölkerung, deren Durchschnittseinkommen fast der Hälfte des deutschen beträgt, einige Aspekte dieses Wandels nicht leisten können, zumal bestimmte Viertel (Mouraria, Bairro Alto) in den letzten Jahren bereits der Gentrifizierung zum Opfer gefallen sind.

© Nastasia HeroldIch selbst war vollkommen zufrieden mit den tollen Aussichtspunkten in Lissabon, dem großen Markt, den gegrillten Kastanien und Sardinen auf den Straßen, dem Fado in der Alfama, den einheimischen Restaurants in versteckten Gassen, den kleinen Museen und Schlösschen, die einen in eine längst vergangene Zeit katapultiert haben. Auf der anderen Seite haben mich, wie gesagt, die Gegensätze in Lissabon schon immer angezogen. Ich liebe das Gulbenkian-Museum, gehe gern ins Oceanário auf dem Expogelände, bewundere die Architektur des Gebäudes der Fundação Champalimaud in Belém und trinke nachts gern Frutarinha in den Gassen des Bairro Alto. Die Moderne bleibt nicht stehen, daher ist es nur natürlich, dass sich Lissabon weiterentwickelt.

Und zum Glück gehört die Erinnerung an die Vergangenheit fest zur portugiesischen Kultur.
Nastasia Herold
‪ studierte Lusitanistik und Französistik in Leipzig. Zu Studienzwecken verbrachte sie einige Monate in Portugal (Universidade de Lisboa) und Québec. Im Oktober 2012, noch während des Masterstudiums, gründete sie die Firma "Culture Mondial". Mit dem Unternehmen hat sich Nastasia auf weltweite interkulturelle Informationsarbeit spezialisiert.
Mehr unter www.culture-mondial.com

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Januar 2017

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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