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Der Fado im steten Wandel

© Eva Gür© Eva GürIn den Herzen der Portugiesen und den Reiseführern internationaler Gäste: Zwischen Weltkulturerbe und Tourismusattraktion versucht der Fado seit Jahren einen Spagat zu machen.
Wenn man heute durch die Alfama, das älteste Viertel Lissabons, geht, wird einem an jeder Ecke der Fado förmlich aufgedrängt. Die Fadoshows werden auf Englisch angepriesen und vor den Restaurants stehen Herren im Anzug, die einen freundlich ansprechen und auch gleich das Tagesmenü vorstellen. Der Fado ist hier zur Visitenkarte des Viertels geworden und die meisten Touristen zieht es genau aus dem Grund in diese Gegend der Stadt: Sie wollen die traditionelle Musik und das authentische Lissabon kennenlernen, so wie es in ihren Reiseführern steht.

Diesem Wunsch hat sich die Alfama gebeugt und sich schick gemacht für die Besucher aus aller Welt. Es wird renoviert und sauber gemacht, hübsche Läden mit nationalen Produkten und Andenken sprießen aus den verstecktesten Ecken, die Fadistas tragen traditionelle Kostüme und die komplette Show ist perfekt einstudiert. Zwischendurch erklären die Sängerinnen auf Englisch oder Französisch, um was es im nächsten Lied geht und was „Saudade“ bedeutet. Doch wie authentisch ist dieser Fado, den wir hier zu Gesicht bekommen? Das frage ich mich und die Direktorin des Museu do Fado Sara Pereira. Sie erzählt von den Anfängen in der Alfama und der Mouraria des 19. Jahrhunderts und wie die Musik als autonomes Genre in Lissabon geboren wurde.

Anfänge des Fado

©  Eva Gür„Zu Beginn assoziierte man Fado mit den Randgruppen der Bevölkerung, zu Ende des 19. Jahrhunderts auch mit der Arbeiterklasse, die von allen Ecken des Landes in die Hauptstadt kamen, um in der aufstrebenden Industrie zu arbeiten.“

Doch in der 200jährigen Geschichte folgte der Fado einem Pfad, der immer mehr zum Erfolg führte und in die vornehme Gesellschaft gelangte; vor allem durch Auftritte im Theater ‚Teatro da Revista’. Hier wurden Fadoshows in das Programm aufgenommen, zunächst von Schauspielern interpretiert, und so erlangte die Musik ein völlig neues Publikum. Später verhalfen neue Technologien wie Musikaufnahmen, das Radio und die Musikwirtschaft zu mehr Ruhm und Ehre. „Durch die Möglichkeit, nach Beginn des 20. Jahrhunderts, Musik auf Platte aufnehmen zu können, wurde das Genre formatiert. Vorher konnte ein Fado zwischen 5 und 15 Minuten dauern und es wurde viel improvisiert. Durch das Programm im Radio und die Aufnahmen wurde der Fado in ein zeitliches Muster gedrückt.“

Hier gab es also schon eine fundamentale Veränderung. Von der Straßenmusik, welche von Gaunern, Prostituierten und Hafenarbeitern improvisiert wurde, wandelte sich Fado zu einer hoch anerkannten Musik mit Regeln und Konzept, für die feinen Leute und die gebildete Oberschicht.
„Eine weitere maßgebliche Veränderung erfolgte durch politische Hand, als im Mai 1927 ein neues Gesetz eingeführt wurde, das sämtliche künstlerischen Aktivitäten regulierte und kontrollierte. Es ist offensichtlich, dass auch der Fado nach diesen neuen Regeln angepasst wurde.“

Estado Novo

Die Zensur erschien mit Beginn des Estado Novo, der Diktatur António de Oliveira Salazars. In den 1930iger Jahren eröffneten immer mehr Fado-Häuser, die sich im Bairro Alto konzentrierten. „Fado wurde zu strikt vorgegebenen Zeiten gesungen, das Repertoire war ebenfalls vorgegeben, wurde stets überwacht und nur von den Inspektoren autorisiert. Zudem war von nun an eine professionelle Ausbildung nötig, um Fado öffentlich präsentieren zu können. Hier vollzog sich eine enorme Veränderung, denn der Fado geht von seinem ursprünglichen Kontext, der Improvisation, weg und wird immer professioneller und immer regulierter. Auch die Dekorationen in den Fado-Häusern und die Kleidung der Fadista wurden vorgeschrieben und mussten sich gewissen Regeln unterordnen. In diesem Sinne wurden also traditionelle Elemente neu interpretiert, in einen anderen Kontext gebracht. Eine Neuerfindung der Tradition.“

Und was bedeutet das für die Gegenwart?

© Eva GürBis heute ist Fado im Wandel. Es gibt junge Interpreten, Fado wird immer internationaler und vermischt sich mit anderen Musikgenres. Mein Versuch, den Fado von heute in der Alfama in eine Tourismus-Schublade zu stecken und ihn als reine Inszenierung für diesen zu beschreiben, beantwortet Sara Pereira damit, dass es in Spanien mit seinem Flamenco oder in Buenos Aires mit seinem Tango genauso passiert und es absolut natürliche Prozesse seien, dass diese Arten von Musik auch für den Tourismus leben und davon profitieren. Genauso wie sie im Dialog mit der eigenen Stadt stehen und mit der Veränderung dieser wachsen.
Eva Gür
hat in Deutschland Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Multimedia-und Musikjournalismus studiert. Sie hat für diverse Rundfunk- und Kultureinrichtungen gearbeitet. Seit Anfang 2013 lebt sie in Lissabon und beschäftigt sich mit der portugiesischen Kulturszene.

Copyright: Tudo Alemão
September 2017

Originalsprache: Deutsch.
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