Lissabon aLive

Fruta Feia –
Warum wir mehr krumme Süßkartoffeln essen sollten

© Birke Resch© Birke Carolin ReschDie Kooperative Fruta Feia kauft Bauern frisches, aber „hässliches“ Obst und Gemüse ab, gibt es an Konsumenten weiter und verhindert so, dass es im Müll landet.
Im überdachten Mercado do Rato stapeln sich große und kleine Kisten, jede einzelne gefüllt mit der gleichen Auswahl an Obst und Gemüse. Ich reihe mich in die kurze Schlange ein, um sieben Euro für meine Kiste zu bezahlen und darf mir dann eine Box aussuchen. Der Inhalt sieht vielversprechend aus: Ein großer Salatkopf, ein Stück Wassermelone, reife Tomaten, Feigen, Pfirsiche und Himbeeren. Gut, die Pflaumen haben in etwa die Größe von Cocktailtomaten und die Süßkartoffeln sind spindeldürr und seltsam gekrümmt, aber alles sieht frisch und lecker aus. Kaum vorstellbar, dass diese nicht ganz perfekten, aber ansonsten völlig einwandfreien Produkte normalerweise im Müll landen würden. Supermärkte lehnen es in der Regel ab, solch „unansehnliches“ Obst und Gemüse zu verkaufen.

Dieser Gedanke ließ auch Isabel Soares keine Ruhe. Sie rief deshalb im November 2013 die Kooperative Fruta Feia (frutafeia.pt) („hässliche Früchte“) ins Leben. „Ich habe in Dokumentationen die sinnlose Verschwendung von Lebensmitteln gesehen und wollte eine Lösung finden“, erzählt sie. „Die Lösung ist ganz einfach: Wir umgehen die Supermärkte und geben die Lebensmittel direkt an Konsumenten weiter, denen das Aussehen der Produkte egal ist.“ Fruta Feia startete mit einer ersten Verteilerstelle im Stadtteil Intendente in Lissabon. Heute, fast vier Jahre später, verkauft die Kooperative an acht verschiedenen Standorten in Lissabon und Porto Obst- und Gemüsekisten an über 3500 Konsumenten.

Krumme Gurken bleiben im Supermarkt oft liegen

© Birke Carolin Resch„Fruta Feia setzt beim Verbraucher an, das war uns wichtig“, erklärt Isabel Soares. Denn letztendlich sind sie es, die im Supermarkt zu „perfekt“ aussehender Ware greifen und damit Einfluss auf das Sortiment nehmen: Die Gurke darf nicht zu krumm, der Apfel nicht zu klein und die Zitrone nicht zu bucklig sein. Landwirte müssen etwa 30 Prozent ihrer mit viel Arbeit, Energie und Wasser erzeugten Produkte wegschmeißen, weil sie nicht so aussehen, wie wir es gewöhnt sind.

„Als wir die Bauern zum ersten Mal kontaktierten und anboten, ihnen ihr „hässliches“ Obst und Gemüse abzukaufen, und das zu einem fairen Preis, haben sie uns nicht geglaubt“, lacht Maria Canelhas. Die zierliche Frau mit dunklen, kurzen Haaren ist eine von acht bezahlten Mitarbeitern der Kooperative Fruta Feia. Jeden Dienstag betreut sie zusammen mit ihrem Kollegen Miguel Silva die Abgabestelle im Mercado do Rato. Wir sitzen neben der Markthalle auf einer Stufe im Schatten, während Maria eine Pause macht und dabei meine Fragen beantwortet.

Nachhaltiges Geschäftsmodell

„Seit morgens um neun waren wir mit dem Lieferwagen unterwegs, um das Obst und Gemüse von Bauern der Region abzuholen“, erzählt sie. „Wir fahren nicht weiter als 80 Kilometer, denn es geht uns auch um den Energieverbrauch und darum, regionalen Konsum zu fördern.“

© Birke Carolin ReschZurück in Rato müssen die aufgesammelten Produkte in Kisten verteilt werden. 300 Verbraucher kommen zu jeder der acht Verteilungsstellen, das ist eine Menge Arbeit. Von 14:30 bis 17:00 Uhr helfen deshalb Freiwillige, das Obst und Gemüse in die Boxen zu sortieren. Ab 17:00 Uhr können die Konsumenten, die sich vorher angemeldet haben, ihre Kisten abholen. Jeder kann sich auf der Internetseite der Kooperative anmelden, aber Fruta Feia ist inzwischen so beliebt, dass es eine Warteliste gibt.

„Das Besondere an Fruta Feia ist, dass wir unabhängig von Spenden operieren. Wir finanzieren uns komplett selbst“, erzählt Maria. „Mit dem Verkauf der Gemüsekisten können wir die Bauern, den Transport und unsere acht Mitarbeiter bezahlen!“

Das Erfolgsrezept

Vielleicht ist das ein Grund für den Erfolg der Kooperative. Dieser hängt aber sicher auch mit der wachsenden Zahl an Konsumenten zusammen, die sich bezahlbare, gesunde und regionale Produkte wünschen und nicht nach dem Aussehen der Ware urteilen. „Das langfristige Ziel ist, das Konsumverhalten der Kunden zu ändern“, erklärt Maria. „Die Supermärkte haben sich nach den Wünschen der Kunden gerichtet und „hässliches“ Obst und Gemüse aus den Regalen verbannt. Jetzt müssen wir als Konsumenten das wieder rückgängig machen.“

Zuhause probiere ich eine der Mini-Pflaumen, die köstlich süß und knackig schmeckt. Die dürren Süßkartoffeln werde ich später im Ofen rösten und mit Tomatensalat servieren – ein Abendessen aus regionalen, frischen Zutaten direkt vom Bauern: Genießen und Gutes tun geht bei Fruta Feia tatsächlich Hand in Hand.
Birke Carolin Resch
hat in Hamburg, Kopenhagen und Amsterdam Ethnologie mit Schwerpunkt Migration studiert. Sie ist in Berlin geboren, hat die deutsche Hauptstadt aber erst in den vergangenen vier Jahren kennen und lieben gelernt. Nun hat es sie nach Lissabon verschlagen, wo sie als freiberufliche Deutschlehrerin arbeitet, in jeder freien Minute zeichnet und in ihrem Blog (ZwischenLissabonundBerlin) über Lissabon und Berlin berichtet.

Copyright: Tudo Alemão
September 2017

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

    „Mais alemão“

    Werbekampagne des Goethe-Instituts zur Förderung des Deutschunterrichts an portugiesischen Schulen

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen   

    rumbo @lemania

    © rumbo @lemania
    Auf nach Deutschland!

    FuturePerfect

    © Future Perfect
    Geschichten für morgen - schon heute, für überall.

    Goethe-Institut Portugal

    Willkommen
    auf unserer
    Homepage!