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Über Unterdrückung, Widerstandsgeist und Freiheit:
Erinnerungen einer Zeitzeugin an den 25. April

© Jonathan DateAm 25. April feiern die Portugiesen das Ende von 48 Jahren Diktatur. Viele von ihnen haben noch selbst miterlebt, was es bedeutet, ohne Freiheit aufzuwachsen. Eine Zeitzeugin erinnert sich.

© Jonathan Date„Freiheit, darum ging es uns damals“, sagt Maria Augusta gleich zu Beginn unseres Interviews mit Nachdruck. „Ich glaube, wer frei geboren wird, kann den Wert von Freiheit nie ganz begreifen.“ Wir sitzen in einem kleinen Café in der Rua de Dona Estefânia in Lissabon. Maria bestellt Kaffee für uns beide und besteht trotz meines Protests darauf, zu zahlen. Die pensionierte Chemieingenieurin trägt eine silberfarbene Brille und zieht ihren Wintermantel und den burgunderroten Schal auch im Café nicht aus, portugiesische Cafés sind selten beheizt. Maria ist 65 Jahre alt. Sie hat die Diktatur in Portugal und die friedliche Revolution 1974 miterlebt. Wenn sie spricht, wählt sie ihre Worte mit Sorgfalt. Es ist ihr wichtig, einen zutreffenden und vollständigen Bericht dieser zwei Jahrzehnte Unfreiheit zu geben, in denen sie aufgewachsen ist.

„Wir konnten nicht atmen“

„In einer Diktatur zu leben war für mich unerträglich“, sagt Maria. „Es gab so viele Probleme, kein Gesundheitswesen, Armut, Hunger, ein Großteil der Bevölkerung konnte nicht lesen und schreiben und Frauen durften kaum etwas ohne die Erlaubnis des Ehemannes tun. Wir konnten nicht atmen.“

Maria spricht ohne Pause, als ob sie schon weiß, dass die Zeit für ihre Erzählung niemals reichen wird. Manchmal blickt sie auf ihre Notizen, die sie sich vor dem Interview gemacht hat, um nichts zu vergessen. „Wir konnten nicht sagen, was wir dachten, denn dann kam sofort die Geheimpolizei, die PIDE (Polícia Internacional e de Defesa do Estado).“

Maria erinnert sich an einen Vorfall, in dem sie selbst vielleicht nur knapp entkam. Das war, als die Regierung ihre Universität, das Instituto Superior Técnico (Technische Hochschule) in Lissabon schließen wollte: Maria und ihre Kommilitonen hörten die Ansage durch die Lautsprecher, doch Maria lief entgegen der Anweisungen ins Labor für Chemietechnologie, um Unterlagen ihres wissenschaftlichen Projekts zu retten. Aber dort war niemand, das Gebäude war leer. Auf dem Rückweg marschierten vier Polizisten mit Kampfgewehren auf sie zu und skandierten 'Gehen Sie auf kürzestem Weg nach Hause', immer wieder. „Dieser Satz hat sich in mein Gedächtnis gebrannt“, sagt Maria. „Die Polizisten waren wie Tiere, die hatten kein Herz und keine Seele. Sie hätten mich erschießen oder verhaften können, und aus dem Gefängnis kam kaum jemand lebend wieder heraus.“

Widerstandskampf im Alentejo

© Jonathan DateEine dunkle, schlimme Zeit sei das gewesen, sagt Maria, aber das Wissen um den organisierten Widerstand gab ihr Kraft. „Ich bin in Beja im Alentejo aufgewachsen. Die Menschen im Alentejo sind tapfere, widerstandsfähige Menschen und es gab ein Netzwerk von Untergrundkämpfern, die sich auch unter Folter nicht gegenseitig verraten haben.“

Auch Marias Eltern, eine Hausfrau und ein Eisenbahner, sind Linke und von Anfang an gegen die Diktatur. „Zuhause hörten wir heimlich den Radiosender Radio Portugal Livre, der den Widerstand unterstützte“, erinnert sich Maria. „Wir stellten das Radio ganz leise und meine Mutter drehte sich dabei immer besorgt nach allen Seiten um, weil sie Angst hatte, dass wir belauscht werden.“

Später wird Maria Mitglied im AEIST (Associação dos Estudantes do Instituto Superior Técnico), der Studentenorganisation ihrer Universität. „Unser Verein sollte vor allem die Studierenden repräsentieren und unterstützen, aber es war auch ein Ort, an dem wir frei sprechen und die Diktatur kritisieren konnten, ein Ort des studentischen Protests“, erzählt Maria. es wurde ihr immer klarer, dass sie so nicht leben kann. „Schon vor 1974 wusste ich: Ich muss etwas tun, selbst wenn ich dafür ins Gefängnis gehe.“

„Es war nicht mehr aufzuhalten“

Doch bevor es dazu kommen kann, geschieht das Undenkbare: Das Militär setzt eine friedliche Revolution in Gang, die Salazars Nachfolger Marcello Caetano entmachtet und später als Nelkenrevolution in die Geschichtsbücher eingehen wird. „Es gab kein Blutvergießen, weil die portugiesische Bevölkerung sich jahrelang darauf vorbereitet hatte“, glaubt Maria. „Es war, als hätte man ein Feuerzeug in einem Raum voller Gas gezündet. Es war nicht mehr aufzuhalten.“

© Jonathan DateDen 25. April 1974, den Tag der Revolution, beobachtete Maria nur im Fernsehen. „Ich war mit anderen Studenten in unserem Studentenwohnheim in der Rua Filipe Folque in Lissabon, ganz in der Nähe der Universität. Wir wussten, dass etwas passieren würde, aber die Leiterin des Heims ließ uns nicht nach draußen gehen, weil es zu gefährlich war. Im Radio und im Fernsehen hörten wir ständig 'Es gibt kein Problem, aber bitte bleiben Sie zu Hause'.“ Dass die Revolution gewaltfrei ablief, hörte Maria erst am nächsten Morgen.

Sechs Tage später, am ersten Mai, feierte auch sie endlich auf der Straße mit. „Meine Eltern machten sich Sorgen um mich, aber ich musste einfach hingehen. Der erste Mai war noch größer als der 25. April, die Straßen waren voller Menschen und alle jubelten, umarmten sich und weinten. Wir riefen 'O povo unido jamais será vencido' - das vereinigte Volk wird nie besiegt werden - und so haben wir uns auch gefühlt.“

Aber die Begeisterung und das Gemeinschaftsgefühl von damals lassen sich nicht wiederholen. Das merkt Maria vor allem, wenn sie am 25. April Interviews mit Personen hört, die nach der Revolution geboren wurden. „Mir wird dann klar, dass junge Leute ihre Freiheit als selbstverständlich betrachten“, sagt Maria. „Vielleicht hat meine Generation es ihnen auch nicht gut genug erklärt. Das bedauere ich sehr.“
Birke Carolin Resch
hat in Hamburg, Kopenhagen und Amsterdam Ethnologie mit Schwerpunkt Migration studiert. Sie ist in Berlin geboren, hat die deutsche Hauptstadt aber erst in den vergangenen vier Jahren kennen und lieben gelernt. Nun hat es sie nach Lissabon verschlagen, wo sie als freiberufliche Deutschlehrerin arbeitet, in jeder freien Minute zeichnet und in ihrem Blog (ZwischenLissabonundBerlin) über Lissabon und Berlin berichtet.

Copyright: Tudo Alemão
April 2018

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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