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Wohnungsknappheit in Lissabon:
Meine persönliche Odyssee

© Jonathan DateAirbnb und Uniplaces nehmen immer mehr Wohnraum in Lissabon ein, der vor allem Touristen und Studenten zur Verfügung steht. Viele Lissabonner sind deshalb gezwungen, auf die Randbezirke auszuweichen.

© Jonathan Date In Lissabon lebe ich jetzt genau anderthalb Jahre. In dieser Zeit bin ich dreimal umgezogen und habe in vier verschiedenen Wohnungen gelebt. Meine erste provisorische Unterkunft war ein kleines Zimmer mit pinkfarbenen Wänden in einer Airbnb-Wohnung im Stadtteil Santo António, das mein Freund und ich uns teilten. Von dort ging es ins Ausgehviertel Bairro Alto, in eine kleine Mansardenwohnung mit steil abfallenden Dachschrägen. Im Wohnzimmer konnte man nur an wenigen Stellen aufrecht stehen, im Winter war es kalt, dunkel und feucht, und einmal regnete es durch die Decke. Trotzdem zahlten wir zu zweit 750 Euro Miete. Wir waren froh, dass wir die Wohnung über die Online-Plattform Uniplaces nur für vier Monate gemietet hatten. Dank eines Kontakts fanden wir danach eine hübsche, bezahlbare Wohnung ganz in der Nähe des Jardim da Estrela. Leider entschied sich unsere Vermieterin nach neun Monaten, zu verkaufen. Der neue Besitzer akzeptiert nur noch Airbnb-Gäste. Und so landeten wir schließlich zu zweit in einem WG-Zimmer im zentral gelegenen Chiado - wieder eine Unterkunft, die wir über Uniplaces buchen mussten. Für unser Zimmer zahlen wir 650 Euro.

Odyssee auf dem Wohnungsmarkt

Wahrscheinlich hatten wir einfach sehr viel Pech. Aber ich höre ähnliche Geschichten in Lissabon immer öfter. Wer hier momentan eine bezahlbare, zentral gelegene Wohnung für einen längeren Zeitraum sucht, muss entweder viel Glück haben oder sich auf eine ähnliche Odyssee einlassen wie wir. Denn bezahlbarer Wohnraum im Zentrum wird knapp und zwingt viele Wohnungssuchende, auf die oft weniger attraktiven Randbezirke auszuweichen.

Lissabon ist natürlich kein Ausnahmefall. Auch in anderen beliebten Städten wie Berlin oder Amsterdam wird der Wohnraum knapper und steigende Mieten verdrängen Geringverdiener. Aber Massentourismus ist hier eine relativ neue Entwicklung und deshalb hat sich die Lage in kurzer Zeit merklich zugespitzt.

Uniplaces und Airbnb – Fluch oder Segen?

© Jonathan DateDazu beigetragen haben verschiedene Faktoren. Touristen, Studenten, Künstler und Kreative strömen nur so nach Lissabon, die alle einen Platz zum Schlafen brauchen. Viele Immobilienbesitzer nutzen diese Chance, mit Wohnungen im Stadtzentrum gutes Geld zu verdienen. Manch Lissabonner zieht freiwillig in die Peripherie, um seine Wohnung im Zentrum zu vermieten. Gleichzeitig kurbeln international operierende Unternehmen wie Airbnb und Uniplaces diese Entwicklung an. Beide Plattformen ermöglichen es Hauseigentümern ihre Wohnungen oder Zimmer für kurze Zeit auf sehr unkomplizierte Weise zu vermieten.

Uniplaces wurde 2012 in Lissabon gegründet und richtet sich vor allem an Studenten aus dem Ausland, die in Portugal studieren wollen. Sie können ihre Unterkunft über das Portal der Webseite ganz einfach und unbürokratisch online buchen, ohne Dokumente, wie zum Beispiel Gehaltsnachweise der Eltern, einreichen zu müssen. Die Buchung ist gültig, sobald der Vermieter akzeptiert und der Interessent die erste Miete überwiesen hat. Allerdings können Mieter die Wohnung vorher nicht besichtigen und müssen sich auf Fotos und Beschreibungen auf der Webseite verlassen. Uniplaces überprüft die Richtigkeit der Angaben zwar selbst vor Ort, aber bei der immer schneller steigenden Zahl von Angeboten passiert das nicht immer zeitnah. Und Fotos können lügen, wie wir selbst feststellen mussten. Dass man im Wohnzimmer unserer Dachwohnung nicht aufrecht stehen kann, sah man auf den Bildern nicht. Nach dem Einzug haben Mieter zwar noch einmal 24 Stunden Zeit, um zu überprüfen, ob die Wohnung den Angaben entspricht, aber selbst wenn nicht: Wer würde sofort mit Sack und Pack wieder ausziehen und das Risiko eingehen, erst einmal ohne Dach über dem Kopf dazustehen?

Das Konzept traf aber offenbar trotz einiger Mängel den Nerv der Zeit. Inzwischen operiert Uniplaces in 39 Städten in acht europäischen Ländern, darunter Porto, London und Berlin. Wer im Internet eine Mietwohnung in Lissabon sucht, findet vor allem Anzeigen von Uniplaces. Airbnb dagegen gibt es schon seit 2008. Das im kalifornischen Silicon Valley gegründete Unternehmen operiert heute in 190 Ländern und vermietet meistens für Wochenenden und Urlaube.

© Jonathan DateBeide Unternehmen befriedigen die Nachfrage nach Wohnraum, der kurzfristig, unbürokratisch und online gebucht werden kann. In einer zunehmend mobilen Welt ist das natürlich unheimlich praktisch. Aber sie tragen auch dazu bei, dass Mieten steigen und immer weniger Wohnraum für die eigentliche Bevölkerung zur Verfügung steht. Vor allem die ältere Plattform Airbnb steht schon seit Jahren in der Kritik, weil immer mehr kommerzielle Anbieter Wohnungen an Touristen vermieten, die dann auf dem regulären Wohnungsmarkt fehlen.

Regulierungen lassen in Lissabon noch auf sich warten

In Deutschland versucht der Gesetzgeber, dieser Zweckentfremdung von Wohnraum entgegen zu wirken. Berlin hat schon seit 2014 ein sogenanntes Zweckentfremdungsverbot, das die kommerzielle Nutzung von Wohnraum verhindern soll. Dieses Gesetz wurde gerade noch einmal geändert: Für Privatleute soll es wieder einfacher werden, ihre Wohnung an Touristen zu vermieten, sie müssen sich allerdings beim Bezirksamt registrieren lassen und eine Genehmigung einholen. Die kommerzielle Nutzung soll noch stärker eingeschränkt werden.

Auch London, Barcelona und San Francisco haben Verbote durchgesetzt oder beschränken die Anzahl der Tage, an denen eine Privatwohnung vermietet werden darf. In Lissabon dagegen ist bisher wenig passiert. Erst im Oktober vergangenen Jahres versprach Fernando Medina, der amtierende Bürgermeister Lissabons, mehr Druck auszuüben, um entsprechende Regulierungen durchzusetzen. Noch ist davon nichts zu merken.
Birke Carolin Resch
hat in Hamburg, Kopenhagen und Amsterdam Ethnologie mit Schwerpunkt Migration studiert. Sie ist in Berlin geboren, hat die deutsche Hauptstadt aber erst in den vergangenen vier Jahren kennen und lieben gelernt. Nun hat es sie nach Lissabon verschlagen, wo sie als freiberufliche Deutschlehrerin arbeitet, in jeder freien Minute zeichnet und in ihrem Blog (ZwischenLissabonundBerlin) über Lissabon und Berlin berichtet.

Copyright: Tudo Alemão
Juni 2018

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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