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Wenn Erasmus zum Geschäftsmodell wird

cristinamacia© Sophie FichtnerDas Erasmus-Programm ist ein interkultureller europäischer Austausch. Wir jungen Menschen wollen raus in die Welt, eine neue Kultur und ihre Sprache kennen lernen. Wir wollen neue Freunde aus anderen Ländern finden. Einmal raus aus dem Alltag, auf ins Ungewisse. Lissabon scheint für viele, mich eingeschlossen, der perfekte Ort für eine solche Erfahrung zu sein. Im Vergleich zu Paris, London oder Stockholm ist das Leben in dieser europäischen Hauptstadt noch erschwinglich. Außerdem scheint die Sonne fast unentwegt vom strahlend blauen Himmel und die Portugiesen sind angenehm herzlich.

Nachdem für mich feststand: „Es geht nach Lissabon!“, folgte die Suche nach einem Dach überm Kopf. Ich recherchierte sofort nach einem portugiesischen Pendant zu der deutschen Seite WG-gesucht – Fehlanzeige.
Später erfuhr ich auch den Grund für die fehlende WG-Kultur in Portugal: Meine portugiesischen Kommilitonen wohnten ausnahmslos noch bei ihrer Familie. Das hat sicherlich auch einen kulturellen Hintergrund, vor allem aber finanzielle Gründe, wie mir eine portugiesische Freundin erklärte.

Denn wie ich feststellen musste, unterscheiden sich Lissabon und Berlin zwar im Preis für einen Espresso, die Zimmerpreise sind sich aber erschreckend ähnlich. Firmen wie Erasmus-Palace, Uniplaces und Co. bestimmen deshalb den Online-Wohnungsmarkt für internationale Studierende in Lissabon. Mit fragwürdigen Methoden wird eine 4-Zimmer-Wohnung von diesen Unternehmen kurzerhand zu einem 7-Kämmerlein-Apartment umfunktioniert. Eine Kleiderstange und ein Palettenbett später lässt sich das „Zimmer“ sogar als trendige Studentenbude vermarkten.

Aber warum fallen so viele Studenten darauf rein?

© Sophie FichtnerDie meisten Studierenden wollen „auf Nummer sicher“ gehen und machen sich vor ihrer Ankunft in Lissabon auf die Suche nach einer Bleibe für das Semester. Die Buchung eines Zimmers aus der Ferne erschwert eine gezielte Suche jedoch maßgeblich. Ein weiteres Problem: Schon vor der Ankunft muss gewöhnlich die erste Miete und eine hohe Kaution gezahlt werden. Zusätzlich verpflichtet man sich vertraglich, das Zimmer für das gesamte Semester zu mieten. Einem Rückzieher bei der Ankunft wird somit geschickt vorgesorgt. Bei Bezug des Zimmers erwartet einen dann die Überraschung. Ich fiel beispielsweise auf einen zugezogenen Vorhang herein: Nach meiner Ankunft musste ich feststellen, dass sich hinter dem, was ich für ein Fenster hielt, lediglich ein schmaler Belüftungsschacht verbarg. Meine romantische Vorstellung aus meinem Bett über die Hügel Lissabons blicken zu können, verpuffte binnen Sekunden. Stattdessen hatte ich über ein halbes Jahr lang keinerlei Zeitgefühl - mein Zimmer war rund um die Uhr stockdunkel.

Freunde von mir schliefen auf Feldbetten oder teilten sich ihr Bett mit Bettwanzen. Komischerweise kämpfen die Bewohner sämtlicher Erasmuswohnungen, die ich kennenlernte, außerdem mit täglich überlaufenden Duschkabinen. Stromausfälle, wenn gleichzeitig ein Brot in den Toaster geschoben und Haare geföhnt werden, stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Bei mindestens 7 Mitbewohnern ist die parallele Verwendung elektronischer Geräte aber kaum zu vermeiden. Leider scheren sich die Vermieter kaum um die Probleme ihrer Mieter, obwohl sie mit diesen Zimmern sicher einen ordentlichen Gewinn erzielen . Denn unter 400€ für 10m2 lässt sich im Zentrum Lissabons für Erasmus-Studierende inzwischen kaum noch etwas finden.

Doch die Erasmus-Housing Firmen stellen nicht allein wegen des enormen Profits und den unfairen Methoden gegenüber den internationalen Studierenden ein Problem dar. Wie viele andere europäische Städte kämpft auch Lissabon mit steigenden Mieten. Wohnungen werden über Airbnb teuer an Touristen vermietet, wodurch der bezahlbare Wohnraum für Lissaboner immer knapper wird. Auch die hier beschriebenen Erasmuswohnungen tragen zu dieser Verknappung bei, denn das Angebot dieser hauptsächlich im Stadtzentrum angesiedelten Unterkünfte ist groß.
Und so frage ich mich: Möchte ich dieses Geschäftsmodell unterstützen? Auf keinen Fall. Somit ist das Kapitel Erasmus-Palace für mich abgeschlossen.

P.S., kleiner Tipp: Sollte es mich noch einmal nach Lissabon verschlagen, werde ich mehr Mut haben und mir erst vor Ort eine Unterkunft suchen. Über die portugiesische Internetseite olx.pt werden z.B. Zimmer zu faireren Preisen angeboten. Diese liegen dann zwar meistens außerhalb des Zentrums, aber sind nicht gnadenlos überteuert wie manch dunkles Kämmerlein in einem Erasmus-Palazzo.
Sophie Fichtner
kommt gebürtig aus Berlin, wo sie auch heute noch lebt und Politikwissenschaften studiert. Nicht nur auf Grund des Studiums verschlug es sie jedoch mehrmals nach Lissabon, wodurch sie die portugiesische Kultur und die atlantischen Wellen lieben lernte.

Copyright: Tudo Alemão
Oktober 2019

Originalsprache: Deutsch.

     

     
     

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