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Graffiti und Street Art in Lissabon

Am Elevador do Lavra; © StürzenbecherWandmalerei. Die Gesamtheit von Straßen und Sehenswürdigkeiten in Lissabon mutet von den sieben Aussichtpunkten der Stadt wie ein Gemälde an. Doch für den aufmerksamen Beobachter sind auch die Mauern und Hauswände in beinahe jeder Straße von Portugals Hauptstadt ein Bild mit unendlich vielen Details.

Die Galeria Arte Urbana: Mehr Platz, mehr Qualität

Mittlerweile ist Lissabon international als Zentrum für Graffiti und Street Art bekannt. Für die Popularität von Straßenkunst ist wohl nicht zuletzt die Arbeit der „Galeria Arte Urbana“ (GAU) verantwortlich. Seit 2008 existiert die GAU als Projekt der lissabonner Stadtverwaltung. In jenem Jahr fand eine Generalreinigung des Bairro Alto statt. Anschließend kam es zur Gründung der GAU mit dem Ziel, den Vandalismus in der Hauptstadt Portugals zu reduzieren und gleichzeitig die Straßenkunst zu fördern. Miguel Carrelo, Projektmitarbeiter der ersten Stunde, über den Auftrag der GAU: „Wir unterstützen Street Art-Künstler, die in Lissabon arbeiten möchten. Deshalb schaffen wir Bedingungen, unter denen sie arbeiten können.“
Die erste „Ausstellung“ entstand in der Calçada da Glória im Bairro Alto. Seitdem haben 200 Künstler aus 20 Ländern an 30 Orten der Stadt innerhalb der GAU-Kampagnen mitgewirkt. Bekannt sind vor allem die leer stehenden Häuser in Saldanha, auf denen Werke international bekannter Künstler wie BLU und Os Gémeos zu bewundern sind. Besonderes Aufsehen erregte auch die Initiative „Reciclar e Olhar”: Über das gesamte Stadtgebiet wurden 90 bemalte Altglascontainer verteilt. Selbst der Müll wird manchmal von bunten Autos abgeholt. Außerdem gibt die GAU immer weitere Wände zur Bearbeitung frei, beispielsweise in Alcântara.
Zudem trägt die GAU mit der Durchführung von Workshops mit Graffitikünstlern auch zum Bildungsangebot der Stadt bei.
Die GAU im Bairro Alto;© StürzenbecherDie GAU im Bairro Alto;© Stürzenbecher









Die Mitarbeiter der GAU nehmen eine deutliche Abnahme von illegalem Graffiti im Stadtgebiet wahr. Miguel Carrelo: „Allerdings ist uns klar, dass unsere Arbeit deren Entstehung nicht vollständig verhindern kann.“ Die Câmara Municipal de Lisboa beauftragt jedes Jahr Firmen mit der Reinigung von Hauswänden. Es werden jedoch nie alle Graffiti entfernt. Besonders interessante Arbeiten bleiben erhalten. „Sie werden zwar dadurch nicht weniger illegal, können aber dennoch einen Sinn im Stadtkontext haben“, so Sílvia Câmara, eine Mitarbeiterin der GAU.

„Fazem, porque gostam de fazer.“


Geradezu eine „Galerie des illegalen Graffiti“ kann man während der Bahnfahrt zu beliebten Ausflugszielen in der Umgebung betrachten. Auf den Strecken nach Cascais und Sintra sind der Bahnbereich und die Züge mit unzähligen Graffiti verziert. Was ist die Motivation für diese illegalen Akte?
Immerhin wird Sachbeschädigung in Portugal mit Strafen geahndet, die von einem Bußgeld bist zu drei Jahren Freiheitsentzug reichen. Miguel Carrelo vermutet: „Wahrscheinlich ist das höchste, absolute Ideal der Sprayers gerade deshalb das Arbeiten an Zügen und im Bahnbereich, weil es gefährlich und strafbar ist.“ Ein Fahrgast am lissabonner Bahnhof Cais do Sodré formuliert eine wesentlich einfachere Annahme über die Motivation der Sprayer: „Fazem, porque gostam de fazer.“ („Sie machen es, weil es ihnen Spaß macht.“).
Für die Akteure selbst ist das illegale Sprayen beinahe ein symbolischer Akt: „An einem Ort, an dem man nicht sein darf, zu einer Zeit, zu der andere Menschen schlafen, tut man etwas Verbotenes.“ Was entsteht, ist ein Zeichen, ein Signal dafür, dass ein Mensch einen eigentlich unmenschlichen Ort betreten hat. „Graffiti ist Vandalismus – aber das Ergebnis ist ein Symbol, das Mitmenschen aus ihrer Routine herausreißen soll.“, so ein Sprayer aus Lissabon.
Vollständig bemalte Züge im Bahnhof Cais do Sodré;© StürzenbecherGraffiti ruft bei weiten Teilen der Bevölkerung immer wieder Verärgerung hervor. Besonders verwerflich ist sicherlich die Beschädigung von Bestandteilen des historischen Erbes einer Stadt und Privateigentum. Unbestreitbar ist allerdings, dass die Kunst an den Wänden große Aufmerksamkeit erregt und einen hohen symbolischen Wert haben kann. Einen Grundsatz für das Anbringen von Graffiti formulieren sowohl die GAU als auch die Graffitikünstler selbst: „Werke von hoher Qualität sollen an sorgfältig ausgewählten Orten entstehen und das Stadtbild positiv verändern.“

Franziska Stürzenbecher,
geboren und aufgewachsen in Neuruppin, hat in Berlin und Madrid Philosophie und Theaterwissenschaft studiert. Seit 2012 lebt sie in Lissabon und arbeitet im Goethe-Institut, erst als Praktikantin, mittlerweile als ‚tudo alemão’-Redakteurin.

Copyright: Todo Alemán
Juli 2012

Originalsprache: Deutsch
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