Die Provinz lebt

Welttanzstadt Riesa

© Nastasia Herold© Nastasia HeroldIn den 1980er Jahren hatte meine sächsische Heimatstadt Riesa mehr als 50.000 Einwohner und Einwohnerinnen. Nach der Wende schrumpfte die Zahl auf heutige 31.000 – der Fluch der ostdeutschen Mittel- und Kleinstädte. Dennoch: Würde man uns fragen, was unsere Stadt zu bieten hat, dann gäbe es da schon ein paar Antwortmöglichkeiten: Teigwaren, Stahlwerk, Zündhölzer, die Neue Elblandphilharmonie, Mumien in der Gruft der Klosterkirche, Elbwiesen und den wichtigsten Hafen zwischen Dresden und Hamburg. Neben diesen Besonderheiten hat unsere Stadt natürlich noch sehr viel mehr zu bieten, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen.

Soweit zu unserem Bild der Stadt. Nichtansässige hätten eine ganz andere Antwort: Sportstadt Riesa! Mit diesem Slogan wirbt die Stadt nämlich nach außen – u. a. mit Schildern auf den Autobahnen und an den Ortseingängen. In der Stadt selbst hängen Messingschilder, auf denen steht: „Riesa...hier wird man Weltmeister“. Und dem würden viele Tänzer und Tänzerinnen aus der ganzen Welt zustimmen, denn seit 18 Jahren finden in unserer kleinen Stadt an der Elbe jedes Jahr von Ende November bis Anfang Dezember die Weltmeisterschaften in Showdance und Stepptanz statt. Und diese beiden Tanzwochen bringen immer wieder Leben in unsere Stadt.

© www.TonyFoto.deDa Riesa keine Großstadt ist und zu den Tanzwochen jährlich etwa 3.000 Tänzer und Tänzerinnen samt Familie und Team-Crew kommen, nehmen die Gäste unsere Stadt regelrecht in Beschlag. Auf Riesas Einkaufsmeile locken „Welcome Dancers“-Schilder in die Läden; überall sieht man Menschen in Nationaltrainingsanzügen; viele Gäste sind unser kaltes Klima nicht gewöhnt und stecken sich in Wintersachen, mit denen sie selbst am Nordpol überleben würden; und auch vormittags sieht man endlich mal viele junge Gesichter in der Stadt. Einer der schönsten Momente ereignete sich vor ein paar Jahren, als der Moderator in der Arena durchsagte, dass es draußen zu schneien angefangen hatte, und die Teams aus Ländern wie Südafrika und Australien geschlossen aus der Arena rannten, um im ersten Schnee, den sie je gesehen hatten, vor Glück zu tanzen.

Als Tanzbegeisterte sind diese beiden Wochen für mich seit meiner frühen Kindheit der Höhepunkt des Jahres. In der Schule konnte das erlösende Klingeln zum Schulschluss gar nicht früh genug kommen, denn schließlich begann der Wettkampf montags bis sonnabends schon 10 Uhr. Jede Minute, die ich nach der Schule hatte, verbrachte ich in der Arena – auch die Hausaufgaben erledigte ich dort auf einem der unbequemen blauen Klappsitze. Meine Stammtribüne hatte ich: Nämlich die, in der auch die Sportler und Sportlerinnen mit ihren Familien saßen. So genoss ich die vielen Sprachen um mich herum, die wunderbaren Tänze, die Spannung, wenn der Moderator bekanntgab, wer eine Runde weiter kam, und die Freudentränen der Tänzer und Tänzerinnen um mich herum, wenn ihre Namen aufgerufen wurden. Auch die enttäuschten Gesichter, wenn jemand ausschied, oder die lauten Beschimpfungen durch das Publikum, wenn ein Jurymitglied aus unserer Sicht grundlos eine schlechte Bewertung abgab, gehörten zu dieser Stimmung.

© www.TonyFoto.deDas schönste an den Tanz-WMs sind die Geschichten, die mit den Tänzen erzählt werden. Wenn man jedes Jahr wieder unter den Zuschauenden ist, dann braucht man irgendwann keine Ansage vom Moderator mehr. Das Kostüm, die Geschichte, die Choreographie und der Tanzstil verraten, aus welchem Land ein Team kommt. Stepptänzer und -tänzerinnen aus der Schweiz und aus England zum Beispiel versprühen beim Tanzen Leidenschaft und Leichtigkeit, die ihresgleichen suchen. Die Steppteams aus den USA und aus Kanada hingegen glänzen durch Synchronität selbst bei den Armbewegungen. Die Deutschen liefern sowohl im Steppen als auch im Showtanz eine spektakuläre Show mit viel Glitzer und Glamour.

Die Tänze, die mir am meisten in Erinnerung geblieben sind, sind die des slowenischen Choreographen Mitja Popovski. Seine Tänze bereiten Gänsehaut und Herzklopfen und treiben hauptsächlich den Zuschauerinnen Tränen in die Augen. Kein Wunder, dass seine Tänze meistens mit Medaillen ausgezeichnet werden. Der Tanz „Murder?“ (2011) (http://vimeo.com/10420426) der slowenischen Kazina Dance Company war zum Beispiel unheimlich spannend. Seit 2011 choreographiert Popovski außerdem das südafrikanische Team und gewinnt nun auch mit ihnen regelmäßig Goldmedaillen. Der wohl beeindruckendste Tanz war „Secret Garden“ (2011) (http://vimeo.com/32926837), in dem Povovski die Liebe zwischen Schwarzen und Weißen thematisierte. Tränen flossen hier bei den Zuschauerinnen, der Jury und schließlich auch bei dem Team selbst, denn jedes Jury-Mitglied stimmte für den 1. Platz und spendete gemeinsam mit dem Publikum stehend Applaus für die Tanzenden und den Choreographen. 2008 wurde die Slowenierin Petra Zupancic in Riesa mit Popovskis Interpretation „Tristeza“ (http://vimeo.com/18623665) von Marizas Fado-Lied „O gente da minha terra“ Junior-Weltmeisterin.

Die Verträge zwischen der International Dance Organization und Riesa wurden bereits verlängert. Die nächste Showdance Weltmeisterschaft findet vom 23. bis 28. November 2015 und die Stepptanz Weltmeisterschaft vom 1. bis 5. Dezember 2015 in der Sachsen-Arena Riesa statt. Und dann wird’s wieder bunt in Riesa. © www.TonyFoto.de
Nastasia Herold
‪ ist seit 2005 Medaillenmädchen bei den Stepptanz- und Showdance-Weltmeisterschaften in ihrer Heimatstadt Riesa. 2014 hat sie ihren Master in Lusitanistik und Französistik in Leipzig gemacht. Zu Studienzwecken verbrachte sie einige Monate an der Universidade de Lisboa und in Québec. 2012 gründete sie die Firma "Culture Mondial". Mit dem Unternehmen hat sich Nastasia auf weltweite interkulturelle Informationsarbeit spezialisiert.
Mehr unter www.culture-mondial.com

Copyright: Tudo Alemão
März 2015

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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