Alltag

Alaaf oder einmal verschwommenes Erinnern

© Franziska Mollitor© Franziska Mollitor06:00h

Donnerstagmorgen. Mein Wecker klingelt. Es ist noch nicht sonderlich hell draußen, immerhin ist es noch Winter. Februar, um genau zu sein. Ich pelle mich also aus dem Bett, obwohl ich überhaupt kein Morgenmensch bin und auch nicht besonders gut geschlafen habe. Voller Aufregung, wie ein kleines Kind vor Weihnachten oder Geburtstagen. Aber was sein muss, muss sein. Schließlich geschehen wundersame Verwandlungen nicht von alleine. Wir sind ja hier nicht bei der Miniplaybackshow.


06:30 h

Nach den üblichen Morgenritualen im Badezimmer setze ich mich vor meinen Schminkspiegel. Pandabärig grüßen mich meine Augenringe. Ich hätte gestern doch einfach früher ins Bett gehen sollen, anstatt zum hundertsten mal alle Kombinationsmöglichkeiten meines Kleider-
schrankes durchzugehen. Naja, die zweite Tasse Kaffee des Tages wird es schon richten…
Ich beginne also mit der Transformation. Franzi, die etwas verschlafene Studentin verwandelt sich dieses Jahr in Greta, die Party-Giraffe. Denn oh ja: Wir sind in Köln und heute ist Weiberfastnacht, d.h. Karneval ist auf seinem Höhepunkt!

© Franziska MollitorIm Moment hängt Greta noch etwas schlaff auf einem Bügel an meinem Kleiderschrank - auch sie ist ein kleiner Morgenmuffel. Greta ist übrigens ein übergroßes, kuscheliges Ganzkör-
pertierkostüm, wie sie zum Straßenkarneval weit verbreitet sind. Sie ist nicht mehr die Jüngste, hat wohl schon das eine oder andere Brandloch und an den Beinen ein paar undefi-
nierbare Flecke, die ich auch nach dem zehnten Waschgang nicht mehr entfernt bekomme, aber trotzdem ist sie mir unglaublich ans Herz ge-
wachsen. Schließlich ist sie mein erstes eigenes Karnevalskostüm. Wer hätte gedacht, dass ich überhaupt jemals eines besitzen würde? Immerhin bin ich gebürtige Berlinerin und dort kennt man nur Fasching. Fasching, das ist ein einziger Tag im Jahr; ein Tag, an dem sich eigentlich nur Kinder ver-
kleiden. Tja und dann zog es mich ins Rheinland, in die Karnevalshoch-
burg Köln. Welch ein Glück für mich, dass ich von der ersten Sekunde an sagen konnte, dass in mir ein wilder Jeck schlummert!

07:00h

Nachdem ich mir mit viel Schminke ein Gesicht auf meinen Kopf gemalt habe und nach langem Kampf auch die falschen Wimpern endlich dort sitzen, wo sie sollen, wird Greta Leben eingehaucht. Unter ihrer kuscheligen Hülle braucht es keine Winterjacke und auch keine langen Unterhosen. Den bitteren Wintertemperaturen des deutschen Straßen-
karnevals trotzt man gut geschützt und genießt ungestört die fröhliche Atmosphäre der Umzüge. Und wer braucht schon tropisches Rio, wenn in jeder Karnevalskneipe Saunaklima herrscht? Auch dafür bietet mir Greta eine praktische Lösung: mit ein paar Handgriffen kann ich aus den Ärmeln heraus und binde sie mir einfach um die Hüften. Zwar leidet der Gesamteindruck darunter in wenig, aber mit fortschreitender Uhrzeit kümmert das eh niemanden mehr.

07:30h

Auf geht’s!
Mit Sektflasche und frischen Brötchen mache ich mich auf den Weg zu einer Freundin, die ein Weiberfastnachtsfrühstück veranstaltet. Jeder Gast bringt etwas mit: was zu Essen und natürlich den irgendwie obligatorischen Alkohol. Kritik, dass es beim Karneval nur noch um das besinnungslose Besäufnis geht, lässt ein echter Jeck an sich abperlen.

08:00h

Die erste Flasche Sekt wird zum Frühstück geöffnet. Anfangs noch schüchtern mit Orangensaft gemischt, beim dritten Glas wird aber schon auf jeden Schnickschnack verzichtet.

© Franziska MollitorIm Fernsehen läuft eine Karnevals-
sitzung, deren Humor sich mir als zugezogenem Kölner auch nach fast fünf Jahren immer noch gänzlich entzieht. Merkwürdiger Wortwitz, Tusch, alles lacht auf Kommando – nicht so meins. Auch das eigentliche Ritual der Weiberfastnacht entgeht mir irgendwie jedes Jahr. Eigentlich sollen Frauen allen Männern, die ihnen begegnen, die Krawatten abschneiden. Nur haben die scheinbar dazugelernt, denn es findet sich kaum ein Schlipsträger in freier Wildbahn.

10:00h

Unsere leicht angeheiterte Truppe von zwei Froschköniginnen, einem Hippie und meiner Giraffenpartnerin Gertrud zieht los. Wie jedes Jahr fällt uns ziemlich verspätet ein, dass man ja eigentlich auf dem Heu-
markt, DEM zentralen Platz für den Kölner Karneval stehen sollte, wenn es um 11:11h offiziell losgeht. Naja und wie jedes Jahr stehen wir wieder vor einer dicken Polizeiabsperrung, die den völlig überfüllten Platz abriegelt und kommen nicht weiter. Es gibt mittlerweile urbane Mythen, die besagen, dass man auf dem Platz übernachten muss, um überhaupt einen Platz für die Feierlichkeiten zu bekommen. Aber wie immer hat das nur mal ein Freund von einem Bekannten von einem Kollegen gehört und niemand weiß etwas Genaues...

10:30h

Besagte Gruppe von mittlerweile nur noch zwei Giraffen und einem Hippie (die Froschköniginnen sind uns unterwegs abhanden gekommen – aber an Karneval findet man sich eigentlich immer wieder, deshalb sind wir nicht sonderlich besorgt) macht sich also stattdessen auf zu der Karnevalsstraße schlechthin: die Zülpicher Straße. Sie ist in der Nähe der Universität und es reiht sich eine Kneipe an die nächste. Ein bestimmter Straßenabschnitt wird für die Zeit zwischen Weiberfast-
nacht und Rosenmontag sogar komplett abgesperrt, damit die alkohol-
schwangeren Jecken halbwegs gefahrenfrei feiern können. An ein Durchkommen von Straßenbahn oder Autos wäre eh nicht zu denken!

An dieser Stelle brechen wir diesen Tagebucheintrag wohl besser ab. Erinnerungen werden dann doch irgendwann verschwommen und was an Karneval passiert, sollte auch eigentlich wenigstens etwas geheim-
nisvoll bleiben...

© Franziska MollitorIch für meinen Teil muss gestehen, dass ich kein Hardcore-Jeck bin. Wer will, kann jeden Tag zwischen Wei-
berfastnacht und Aschermittwoch etwas erleben. Ich nehme meistens nur Weiberfastnacht, den Rosenmon-
tagsumzug und die Nubbelverbrenn-
ung in der Nacht zu Aschermittwoch mit. Gerade letzteres ist ein Ritual, über das es in karnevalsfernen Orten kaum Informationen gibt. Der Nubbel ist eine Strohpuppe, die an Kar-
neval über jeder Kneipe aufgehängt wird. Am Abend des Veilchen-
dienstags wird er auf einem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem ihm vorher in einem Gerichtsverfahren die Schuld aller Sünden, die an Karneval geschehen (und gerne auch Dinge wie Klimaerwärmung, zu teure Mieten und steigende Benzinpreise) angelastet wird. Vor einer johlenden Menge geht er zu „Der Nubbel hat Schuld“- und „Tod dem Nubbel“-Rufen in Flammen auf und der Karnevalszauber ist aus – bis zum 11.11., wenn der ganze Trubel wieder von vorne losgeht...
Franziska Mollitor:
‪ ‪Seit fast 5 Jahren zugezogener Kölscher Jeck und in der 5. Jahreszeit gerne unter dem Decknamen Greta unterwegs. Alaaf!‬

Copyright: Tudo Alemão
März 2014

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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