Alltag

Sonntag, 20:15 Uhr

© Veronika Faust© Veronika FaustWas machen viele Deutsche am Sonntagabend? Richtig, sie sehen fern. Und was genau? Ob Mann oder Frau, jung oder alt, von der Krankenschwester bis zum Rechtsanwalt: Im Schnitt schaut gut ein Viertel der fernsehenden Bundesbürger an diesem Abend Tatort. Und das seit mehr als 40 Jahren!

Ich erinnere mich noch zu gut an meine Studentenzeit in Göttingen: Der Tatort am Sonntagabend war für meine Mitbewohnerin Teresa und mich einfach Pflichtprogramm. Wir schnappten uns die Flasche Baileys aus der Küche, legten uns bäuchlings auf ihr Bett und schoben uns so weit an die Bettkante wie nur möglich. Schließlich wollten wir uns keine Minute des Geschehens auf dem 30cm Bildschirm ihres winzigen Fern-
sehers entgehen lassen. Das war ein Spaß! Wie es so losging, diese dramatische 70er Jahre Musik, die Augen.. Einfach klasse! Und wie groß war die Enttäuschung, wenn stattdessen Polizeiruf 110 auf der Bildfläche erschien! Da gab's zum Trost gleich noch ein Glas Baileys extra.

Aber was ist es eigentlich, was uns Deutsche am Tatort so fasziniert? Ist das nicht eine Krimi-Serie wie jede andere? Wie kommt es, dass sogar erklärte Fernsehmuffel wie ich (ich hatte mehr als 5 Jahre lang nicht mal einen Fernseher) am Sonntagabend weich werden? Ich bin der Sache mal auf den Grund gegangen.

„Schaust du Tatort?“

© Veronika FaustSigrid aus Rheinland Pfalz antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Natürlich! Ich schau mir fast alle Wiederholungen an, aber auch die aktuellen sind am Sonntagabend Pflicht. Okay, es gibt gute, mittel-
mäßige und auch manchmal schlech-
te. Aber man muss sie einfach gesehen haben! Daheim diskutieren wir nach jedem Tatort und sind auch nicht immer einer Meinung.“ Und wie erklärt sie sich den Kultstatus? „Tatort ist einfach Kult. Warum? Kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht, weil man die Kommissare und ihre Eigenheiten wieder erkennt. Sie gehören damit also beinahe zur Familie. Also ich liebe Tatort!“

Mit dieser Meinung steht sie nicht allein dar. Auch Julia und Markus aus Dresden bekunden: „Für uns ist das schon wie ein Ritual zum Sonntag-
abend. Wenn wir es nicht schaffen, ihn zu sehen, nehmen wir ihn ganz oft auf. Das Schöne sind die meist sehr aktuellen Themen. Und na-
türlich rätselt man mit, wer der Täter ist. Aber auch die Kommissare sind wichtig. Bei einigen gucken wir den Tatort gar nicht erst!” Markus, 29, sieht noch weitere Vorteile im Vergleich mit anderen Krimis: „Das besondere ist, dass hier (in der Regel) hochwertige Krimis aus deut-
scher Produktion und vor allem mit deutschen Schauspielern gedreht werden. Auch identifiziert man sich damit, wenn eine Folge aus der eigenen Stadt kommt. Und das Beste daran: es gibt keine Werbung!"

© Antonio MaragliuloJessica aus den USA weiß: Wer sich integrieren will, der schaut Tatort! So erzählt sie uns: „Ich gucke ihn, weil ich mich am Montag so mit meinen Mitarbei-
tern unterhalten kann. Und wenn man Deutscher sein will, muss man einfach Tatort gucken! Das hat mich Adam Fletchers Buch Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten gelehrt!"

Public Viewing ist nicht nur was für Fußballfans

Du dachtest, 100 Leute, die an einem öffentlichen Ort gebannt auf eine Leinwand starren, das gäb´s nur während der WM? Weit gefehlt! Die deutsche Tatortliebe geht so weit, dass es inzwischen verschiedene Bars und Cafés gibt, bei denen Sonntagabend Tatort-Abend ist.

Die Diva-Lounge in Göttingen war vielleicht eine der ersten. „Seit 6 Jahren zeigen wir den Tatort hier in unserem Gewölbekeller“, sagt Inhaber Wolfgang Engelhardt, „damals war das was ganz neues. Die Idee kam uns, als wir mitbekamen, wie Leute sich zu Hause zum Tatort-gucken verabredeten. Wir dachten uns: Warum soll man ihn nur zu fünft gucken, wenn man das auch zu fünfzigst machen kann?“
Mit Erfolg? „In den ersten 1,5 Jahren kamen nur so 5-6 Leute pro Abend, aber inzwischen haben wir bei den beliebtesten Tatorten über 100 Leute, die passen dann überhaupt nicht mehr hier rein. Vor allem beim Tatort Münster!“ Was ist steckt hinter diesem Erfolg? „Die Regelmäßigkeit ist natürlich sehr wichtig, auch seit 40 Jahren immer mit dem gleichen Vorspann und so. Aber gleichzeitig gibt es auch Abwechslung dadurch, dass es mehr als 10 Kommissare sind, alle mit besonderem Hintergrund. Zum Teil auch politisch. Nicht nur einfacher Mord und Totschlag sondern auch Sozialkritik, sagt mein Team.“
Die Liste der Deutschen Städte mit Tatort-Kneipe ist lang. Spitzenreiter dabei ist Berlin, mit sage und schreibe 61 Lokalen (und das sind nur die, die auf der Seite der ARD zu finden sind).

© Veronika FaustJa, einmal vom Tatort-Fieber gepackt, kommt man nicht mehr davon los. Ob nun auf dem heimi-
schen Sofa, in der Kneipe nebenan oder beim Nachbarn im Wohn-
zimmer: Der Tatort gehört einfach dazu. So gönne auch ich mir heute, fernab von Deutschland, regelmäßig im Internet-Streaming einen Tatort. Gut ist hierbei, dass ich mir das Ermittler-Team vorher aussuchen kann - die unangenehme Polizeiruf-
überraschung bleibt mir dadurch erspart. Auf der anderen Seite fehlen mir ein bisschen das Sonntagsritual und der Baileys. Vielleicht schaff ich mir doch bald eine Satellitenantenne an...
Als Veronika Faust
noch klein war, schickten ihre Eltern sie immer ins Bett, wenn der Tatort losging- schließlich ist der nichts für kleine Kinder. Inzwischen ist sie groß genug zum Gucken und das nutzt sie aus!

Copyright: Tudo Alemão
Juli 2015

Originalsprache: Deutsch
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